Winnenden

Giesser, Schwabentechnik und Co: Wie Firmen aus Winnenden durch die Krise kommen

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Hertmannsweiler Erlebnistage 2022. © Ralph Steinemann Pressefoto

Geöffnete Produktionshallen und Maschinen im Realbetrieb, Ideen für Garten, Bad und Wohnzimmer, Gewinnspiele, Tombola und die Aussicht auf das eine oder andere Schnäppchen - dies lockte etliche Besucher ins Industriegebiet Schmiede und Schmiede II in Hertmannsweiler. Was dort gearbeitet, gefertigt und bewegt wird, haben ansässige Firmen im Verbund mit örtlichen Vereinen zwei Tage lang erlebbar gemacht.

Doch was erleben die Betriebe derzeit im Alltag, nachdem die Besucher wieder gegangen sind? Wir haben nachgefragt, wie sich steigende Kosten, Materialverknappung und Fachkräftemangel auswirken.

Rolf & Paul Käfer - Kalkulation mit langen Lieferzeiten

Rolf Käfer von der Rolf & Paul Käfer GmbH Bauunternehmung sieht momentan keine Materialengpässe. „Wir machen viel Umbau und Anbau, brauchen verglichen mit Bauträgern nur geringe Mengen, die wir von unserem Baustoffhändler noch abgedeckt bekommen.“ Einzelne Bereiche seien zeitweise versiegt – so hätten vor einigen Monaten Ziegel gefehlt. Inzwischen werde auftragsbezogen bestellt. Das ehemalige System, 14 Tage vor der Auftragsabwicklung, funktioniere nicht mehr. „Schon seit Corona bestellen wir direkt nach Auftragsabschluss, weil wir immer mit langen Lieferzeiten rechnen müssen.“

Gebrüder Kögel - Termine auf Sommer verschoben

Wer bei Firma Gebrüder Kögel GmbH einen Blick ins Betriebsgebäude wirft, sieht unter Folie eingeschweißte Heizungen, die aktuell aber kalt bleiben müssen. „Wir können sie nicht einbauen ohne die Speicher, das heißt, dass wir bereits terminierte Bestellungen verschieben müssen, wir sind schon bei Juni 2023“, sagt Geschäftsführer Stefan Kögel . Solange Warmwasserspeicher nicht lieferbar seien, kann der Fachbetrieb für Haustechnik nicht so arbeiten wie es die Auftragslage erfordert. Die Tätigkeit verlagere sich auf ihr zweites Standbein Badsanierung und Badkomplettlösungen. War das Verhältnis zwischen Heizungssektor und Sanitärbereich bis vor zwei Jahren noch ausgewogen bei „Fifty-fifty“, so liege es aktuell bei 90 zu 10.

Schubert Marmor - Wer will noch körperlich arbeiten?

Ute Schubert von Schubert Marmor- und Granitwerk GmbH schreibt auf Mailanfrage der Winnender Zeitung: „Dieses Jahr gibt es zum ersten Mal kein erstes Lehrjahr an der Meisterschule für Handwerker in Kaiserslautern.“ Der Sohn von Ute und Werner macht dort seine Ausbildung. Einige in seiner Klasse hätten die Ausbildung als Sprungbrett zu einem Studium genutzt. Sie bleiben also nicht im Beruf. „Die Jugend will nicht mehr körperlich arbeiten. Das hört man auch aus anderen Gewerken.“ Bei den Lieferketten sei es wie in anderen Betrieben. „Es ist immer ungewiss, wann Ware ankommt. Sie hängt im Hafen fest oder es gibt keine Lkw-Fahrer. Oder im entsprechenden Land ist der Steinbruch geschlossen wegen Corona und und und ...“ Oben drauf noch die höheren Gaspreise. Dies betreffe die Keramikplatten. „Natürlich macht sich das alles auch preislich bemerkbar.“

Schwabentechnik - Bangen um Rohmaterial

Angesprochen auf Fachkräfte reagiert Andreas Rittberger , Geschäftsführer von Schwabentechnik, noch einigermaßen tiefenentspannt: „Wir haben schon immer selbst ausgebildet, das zahlt sich jetzt aus.“ Ihm mache eher der sich abzeichnende Mangel an Rohmaterial zu schaffen. Aluminium ist knapp. Der Zerspanungsbetrieb produziert Teile für Fertigungsmaschinen seiner Kunden, die unter anderem aus der Automobil- und Lebensmittelbranche bis hin zum Flugzeug-Servicebereich stammen. Von Glück könne er sagen, stets auf Lieferanten aus Deutschland und Europa gesetzt zu haben. „Sie sind noch aktiv, insofern halten sich Beschaffungsprobleme noch in Grenzen.“

Der Markt werde allerdings derzeit überfordert. „Firmen, die bisher ihr Material aus dem Osten erhalten haben, bekommen keinen Nachschub und weichen nun auch auf europäische Lieferanten aus“, so Rittberger. Er profitiere von einem indirekten Vorkaufsrecht dank langjähriger Geschäftsbeziehungen, aber vor allem, weil er Skontozahler sei, also seine Rechnungen schnell und kurzfristig bezahle.

Pfleiderer Küchen - Schwierigkeiten bei Küchengeräten

Auch das Küchenstudio und der Schreinereibetrieb Pfleiderer sind betroffen. Unverändert schlagen sich nicht rechtzeitig gelieferte Elektrogeräte auf die Arbeitsabläufe nieder, schreibt Geschäftsführer Erich Pfleiderer . „Geschirrspüler, Kühlschränke, Kochfeldabzüge, Backöfen und Dampfbacköfen können nicht wie vom Kunden gewünscht und bestellt bei ihm in Betrieb genommen werden, weil die unterschiedlichen Hersteller große Lieferschwierigkeiten haben.“ Sie seien froh und dankbar, dass viele Kunden Verständnis zeigen, auch wenn das eine oder andere Gerät in der eigentlich fertigen Küche noch fehlt. „Auf den Arbeitsaufwand, der uns dadurch zusätzlich entsteht, will ich gar nicht eingehen.“ Als Reaktion habe er das Bestellwesen umgestellt: „Wir bestellen Elektrogeräte für Kunden-Kommissionen nicht auf die Woche vor der Küchenmontage, sondern in den meisten Fällen per Sofortlieferung. Die Geräte, die dann zu früh geliefert werden, lagern wir in unserem Lager ein, das zurzeit dementsprechend sehr voll ist.“

Auf gestiegenen Kosten für Holzwerkstoffe, Küchenmöbel und Elektrogeräte im laufenden Jahr bleibe sein Unternehmen sitzen. „Die Aufträge, die im ersten Quartal 2022 abgeschlossen wurden, berechnen wir auf Basis der Kosten zum Zeitpunkt des Kaufvertragabschlusses, da unsere Verträge keine Preisgleitklausel enthalten.“

Die gestiegenen Energiekosten für Benzin und Diesel, Strom oder Pellets – sie treffen den Küchenbereich „nicht in dem Maße wie Firmen mit energieintensiveren Produktionskosten. Wir heizen mit Holzpellets und eigenen Holzabfällen, zusätzlich benötigen wir jedoch 20 Tonnen Pellets jährlich, das lässt die Kosten steigen ebenso wie bei Gas und Öl.“ Strom beziehe das Unternehmen von den Stadtwerken Winnenden.

Er betont, dass der Fachkräftemangel in der Branche nichts Neues ist. „Den beklagen wir schon seit vielen, vielen Jahren, insbesondere mangelt es beim Nachwuchs.“ Die aktuelle Stimmungslage sei dennoch gut. Dank erfolgreicher vergangener Jahre sei man, selbst wenn die Bautätigkeit etwas nachlassen sollte, „gut gerüstet“. Auch die Motivation sei unverändert hoch. „Wir werden auch diese Krise überstehen. Für mich ist es nicht die erste, ich erinnere an die Zeit vor der Jahrtausendwende, als die Bautätigkeit stark und nachhaltig nachgelassen hatte.“

Johannes Giesser - Betriebsschließungen bei Lieferanten?

Auch die Johannes Giesser Messerfabrik sucht Fachkräfte und geeignete Auszubildende. Durch die eigene Ausbildung habe man eine solide Grundlage geschaffen, das passende Personal zu haben, schreibt Geschäftsführer Hans-Joachim Giesser . Die Lage bei Aushilfskräften habe sich gegenüber dem Jahresanfang verbessert. Die Verfügbarkeit von Messestahl, Kunststoffen und Verpackungsmaterial bereite im Moment noch kein Kopfzerbrechen, weil ein Großteil aus Deutschland und dem EU-Raum stamme. Aber: „Ich sage im Moment, denn keiner kann die Entwicklung der Energiepreise vorhersagen“, so Giesser. „Laufen diese noch mehr aus dem Ruder, kann es möglicherweise zu Betriebsschließungen bei Vorlieferanten kommen. Dann hätten auch wir echte Probleme.“ Corona, nun der Krieg, und zu allem die recht ungewisse Zukunft, das gehe auch an seinem „Superteam“ mit hoch engagierten Mitarbeitern nicht spurlos vorüber. „Es verändert die Menschen.“ Vor allem die Mitarbeiter im administrativen Bereich hätten mit erheblicher Mehrarbeit zu kämpfen. „Sie entsteht durch eine zunehmende Unpünktlichkeit der Lieferanten und ständige Preisänderungen, das braucht viel Geduld und Aufmerksamkeit.“

Noch profitiere man von einer guten weltweiten Auftragslage in der Lebensmittelverarbeitung und im Gastronomiebereich. „Im Einzelhandel spüren wir allerdings schon eine gewisse Kaufzurückhaltung der Verbraucher.“ Mitbewerber in Solingen, die fast ausschließlich den Konsumentenbereich abdecken, hätten aktuell bereits auf Kurzarbeit umgestellt.

Geöffnete Produktionshallen und Maschinen im Realbetrieb, Ideen für Garten, Bad und Wohnzimmer, Gewinnspiele, Tombola und die Aussicht auf das eine oder andere Schnäppchen - dies lockte etliche Besucher ins Industriegebiet Schmiede und Schmiede II in Hertmannsweiler. Was dort gearbeitet, gefertigt und bewegt wird, haben ansässige Firmen im Verbund mit örtlichen Vereinen zwei Tage lang erlebbar gemacht.

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