Winnenden

Großer Zustrom fürs Impfen ohne Termin – Winnender Halle vier Stunden lang voll

Impfaktionwinn
Von 17 Uhr an herrscht bei der Aktion „Impfen ohne Termin“ großer Andrang in der Hermann-Schwab-Halle. © Gaby Schneider

Man möchte fast an eine neue Form der Freitagabend-Unterhaltung glauben, wenn man das sieht: 156 Menschen machten sich zur Hermann-Schwab-Halle auf, doch es war weder ein tolles Konzert noch ein witziges Kabarett geboten. Sie nahmen Wartezeit in Kauf, rückten Stuhl um Stuhl vom Foyer in die Halle vor, ließen sich beraten und dann zum ersten, zum zweiten oder auch zum dritten Mal impfen. Niemand hatte einen Termin. Was genau bewegte die Hallenbesucher, sich gerade heute auf den Weg zu machen?

Die Auffrischer: Senioren und ZfP-Mitarbeiter

Für den 86-jährigen Karl Bader und seine 83-jährige Ehefrau Waltraud war die Aktion eine willkommene Gelegenheit, sich ihre dritte, die Auffrischungsimpfung abzuholen. Für die ersten beiden Spritzen hätten sie noch nach Stuttgart fahren müssen. Hatten dafür aber kaum Wartezeit. Anders jetzt: „Wir waren Punkt 17 Uhr an der Schwabhalle, als sie öffnete, und reihten uns in die Schlange ein“, berichteten sie, aber mit einem derartigen Andrang hätten sie nicht gerechnet. Wenn sie gewusst hätten, dass sie um 20 Uhr noch da sind, dann hätten sie sich etwas zum Lesen mitgenommen, meinte Waltraud Bader. Ein Großbildschirm in der Halle zum Fernsehgucken wäre nicht schlecht gewesen, ergänzte Karl Bader. Einig seien sie sich in der Einschätzung, dass Corona keine Krankheit sei, an der zu sterben schön wäre. „Der Herrgott meinte es bisher gut mit uns“, sinniert Karl Bader, aber man könne auch seinen Teil dazu beitragen. Dazu gehöre, gesund zu leben, Sport zu treiben und sich impfen zu lassen.

Nicht weit zum Impfen hatten es auch Angelica Didio und Anna Didio-Weber. Sie arbeiten direkt gegenüber im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) im Schlossklinikum und würden sich nun ihre dritte, die Auffrischungsimpfung nach einem halben Jahr abholen. Sie kämen direkt von der Arbeit; das sei um einiges bequemer, als im Frühjahr bei der Erst- und Zweitimpfung, für die sie ebenfalls nach Stuttgart mussten.

Die Erstimpflinge: Ein 12- und ein 16-Jähriger

Er habe sich gesagt, nun sei es an der Zeit, sich impfen zu lassen, meinte ein 16-jähriger Winnender, der sich einen Piks abholte. Eine bessere Gelegenheit, als einfach vorbeizukommen, werde er wohl nicht wieder bekommen. Zum einen habe er genug von der ständigen Testerei, zum anderen gehe er davon aus, dass es spätestens nach der Bundestagswahl weitere massive Einschränkungen für Nicht-Geimpfte geben werde. Er wolle endlich seine Freiheiten wiederhaben. Die Zweitimpfung in fünf, sechs Wochen hole er sich dann von seinem Hausarzt ab.

Er habe sich im Vorfeld eingehend über das Thema Impfen informiert, versicherte der zwölfjährige Janis, der mit seiner Mutter in die Schwabhalle gekommen war. „Ich möchte mich selbst schützen und dazu beitragen, andere zu schützen“, erklärte er selbstsicher. Eigentlich, ergänzt seine Mutter, habe er sich schon vor Wochen impfen lassen wollen, doch man habe abgewartet, bis die Empfehlung der Ständigen Impfkommission vorlag. Dann sei noch der Urlaub dazwischengekommen, doch nun sei es so weit, auf den letzten Drücker. Die Zweitimpfung erhalte Janis dann vom Kinderarzt. Die Spritze habe überhaupt nicht wehgetan, versicherte Janis, es habe sich nur um einen kleinen Piks in den Oberarm gehandelt. Aber der Arzt habe ihm empfohlen, es sich in den beiden kommenden Tagen auf der Couch bequem zu machen und sich von seiner Mutter gehörig verwöhnen zu lassen. Und das habe sie ihm bereits zugesagt, strahlt er.

Das Gespräch vorab ist enorm wichtig. Gut, dass genug Sprachkundige im Saal sind

Manuela Voith, die Leiterin des Amtes für Soziales und Integration der Stadt Winnenden, begeisterte sich nach einem Blick in die Halle an der reibungslosen Zusammenarbeit zwischen dem Kreisimpfzentrum, der Stadtverwaltung und dem Ortsverein des Roten Kreuzes. Sie freue sich, dass damit breite Bevölkerungsschichten erreicht werden, auch Menschen mit Migrationshintergrund. Da man sich für die Impfaktion nicht anmelden musste, konnte man zwar keinen ehrenamtlichen Dolmetscherdienst für die Impfkandidaten vorbereiten, aber zum Glück seien ausreichend Sprachkundige im Saal, so dass mit allen auch das unbedingt notwendige Informationsgespräch geführt werden könne - zur Not behelfe man sich mit Englisch. Dieses Gespräch sei besonders wichtig, um Ängste abzubauen, vorab mögliche Risiken durch Krankheiten oder Medikamentenkonsum abzuklären, so Voith, sowie im Zusammenhang mit der Impfung Schwangerer und Stillender, für die nun ja ebenfalls Impfempfehlungen vorliegen.

Eine stillende Mutter folgt der neuesten Impf-Empfehlung, auch weil der Druck auf Ungeimpfte steigt

Genau diese Impfempfehlung, gestand eine 28-jährige Mutter aus Waiblingen, habe sie dazu bewogen, sich doch noch impfen zu lassen. Sie stille ihre vier Monate alte Tochter und sei sich bisher nicht sicher gewesen, ob eine Impfung wirklich ungefährlich sei. Und über mögliche Spätfolgen könne einem ja niemand gesichert Auskunft geben. Doch nun sei sie zumindest erleichtert, auch deshalb, weil ja abzusehen sei, dass der Druck auf Ungeimpfte immer mehr zunehme und sie gezielt aus der Gesellschaft heraus in die Pariaecke gedrängt würden. Allein schon diese Entwicklung bereite ihr Angst.

Reicht der Stoff? Rotes  Kreuz und Kreisdezernent versichern: Ja, es wird niemand weggeschickt

„Wir werden niemanden ungeimpft wegschicken, der heute in die Schwab-Halle gekommen ist, um sich seine Spritze abzuholen“, versichert Gerd Holzwarth, Leiter des Kreisimpfzentrums, angesichts des anhaltenden Zustroms Impfwilliger. Allerdings werde man um 21 Uhr, dem offiziellen Ende, die Eingangstür zur Halle zusperren. „Bis dann die Personen, die sich bereits in der Halle befinden, alle geimpft und entlassen sind, wird es mindestens 22 Uhr.“ Aber wenn man zu einer Impfaktion einlade, zu der man sich nicht vorher anmelden müsse, dann sei eine Überraschung immer drin.

DRK-Bereitschaftsleiter Raphael Rojas versicherte indes, dass der Impfstoff an so einem Abend nicht ausgehe. Anders als in den Anfangszeiten der Impfkampagne sei der ausreichend vorhanden, die Herausforderung bestehe im Augenblick darin, die Menschen dazu zu bewegen, sich impfen zu lassen.

Man möchte fast an eine neue Form der Freitagabend-Unterhaltung glauben, wenn man das sieht: 156 Menschen machten sich zur Hermann-Schwab-Halle auf, doch es war weder ein tolles Konzert noch ein witziges Kabarett geboten. Sie nahmen Wartezeit in Kauf, rückten Stuhl um Stuhl vom Foyer in die Halle vor, ließen sich beraten und dann zum ersten, zum zweiten oder auch zum dritten Mal impfen. Niemand hatte einen Termin. Was genau bewegte die Hallenbesucher, sich gerade heute auf den Weg zu

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