Winnenden

Grundschule in Winnenden hat eine Belüftungsanlage und macht trotzdem alle 20 Minuten die Fenster auf

Luftfilter
Margit Claudi vor der verkleideten Lüftungsanlage in der Schrankwand eines Klassenzimmers des Kastenschulneubaus. © Benjamin Büttner

Sie springt fast unmerklich an, die Lüftungsanlage im neuen Anbau der Kastenschule. Schnurrt wie eine Katze auf dem Sofa. Ein kühler Lufthauch beginnt denjenigen Kindern um die Beine zu streichen, die direkt neben dem Gitter sitzen. Sie ist in eine Einbauschrankwand integriert, die die Technik verdeckt. Nur der Hausmeister kann die zwei Meter hohe und einen Meter breite Tür öffnen. „Sie hat einen Messfühler und schaltet sich ein, wenn der CO2-Wert zu hoch wird“, sagt Schulleiterin Margit Claudi. Hat sie damit nun den entscheidenden Vorteil in der Pandemie? Wird sie von allen Schulleiterkollegen beneidet?

Eher nicht. Geplant und gebaut wurde das System über drei Stockwerke und für vier Klassenzimmer, bevor das Coronavirus umging. „Es sollte einfach für ein gutes Raumklima sorgen“, so die Rektorin. Daher sind auch nur vergleichsweise kleine Teile der großzügigen Fenster zum Öffnen. Seit Lehrer und Schüler sich also wieder vor Ort begegnen, wird mit Fenster und Zimmertür Durchzug gemacht, sobald die Anlage anspringt. Ohne diese Maßnahme würde sie im Erdgeschoss und im ersten Stock nicht dreimal pro Stunde die Luft erneuern, wie es das Kultusministerium vorschreibt. Dafür ist sie nicht ausgelegt. „Wir können die Anlage auch nicht höherstellen oder durchlaufen lassen“, hat Margit Claudi vom Energiefachmann der Stadt erfahren.

Viele Kinder tragen weiterhin freiwillig Maske im Unterricht

Das Beispiel zeigt einleuchtend, wie Technik eben nur ein kleiner, aber teurer Baustein ist, um Schule in Pandemiezeiten sicherer zu machen. Natürlich haben die Kastenschüler im Neubau bei starkem Regen und Wind, bei Baustellenkrach oder im Winter Vorteile. Sie haben trotz geschlossener Fenster frische Luft, und auch an Hitzetagen beginnt der Unterricht im frisch gelüfteten Raum, denn die Anlage beginnt um 6 Uhr zu arbeiten.

Aber ohne „Zulüften“ geht während Corona eben doch nichts, und die Lehrer und mit ihnen viele der 70 Schüler tragen weiterhin freiwillig Masken im Unterricht. Sie müssten es bei der derzeit niedrigen Inzidenz nicht, aber: „Wir hatten auch nach Pfingsten noch viele Corona-Fälle, mussten aber nicht alle in Quarantäne – wegen der Masken, weil wir Abstand gehalten und gelüftet haben.“ So soll es nach dem Willen der Eltern und Lehrer auch im Herbst und Winter weitergehen, die Schulen, zumal die Grundschulen, sollen offen bleiben. Im Altbau, der noch nicht fertig saniert ist, bleibt die Schulgemeinschaft beim Stoßlüften, dank vieler Fenster kein Problem. „Vor Corona erfolgte das wegen des Verkehrs an der Bahnhofstraße meist in den Pausen“, so Margit Claudi.

Beschluss der Schulleiter und der Stadt: Mobile Filter nur für bestimmte Räume

Inzwischen haben sich alle Schulleiter mit Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und den maßgeblichen Leuten in der Verwaltung über das Thema Raumluftfilter per Videokonferenz ausgetauscht. „Wir sind einhellig der Meinung, dass die Geräte nur bedingt sinnvoll sind“, fasst die geschäftsführende Schulleiterin Sabine Klass zusammen. „Wir haben vereinbart, dass nur Zimmer, die schwer zu belüften sind, einen zusätzlichen Luftfilter bekommen.“ Die Gründe wird die Stadtverwaltung im Namen der Schulleiter den Eltern in einem Schreiben erläutern:

  • Luftfilter ersparen das Lüften nicht.
  • Luftfilter garantieren nicht, dass eine Klasse um Quarantäne herumkommt.
  • Die Geräte sind bis Herbst nicht zu beschaffen.
  • Die Wartung ist so arbeitsintensiv, dass die Stadt einen zusätzlichen Hausmeister anstellen müsste.

Klass: Bis das Testergebnis vorliegt, behalten alle die Maske auf

Sabine Klass leitet die Geschwister-Scholl-Realschule, hier gibt es zwei Zimmer, die einen mobilen Luftfilter bekommen sollen. „Und alle Lehrer bekommen Schlüssel für die Fenster.“ Letztes Jahr im Herbst und Winter wurde es „nicht so fürchterlich kalt, dass man nicht mehr sitzen konnte“, sagt Sabine Klass, die freilich auch ihre Jacke während der fünfminütigen Stoßlüftung anzog. Ihr Handywecker war so programmiert, dass er nach 20 Minuten Signal gab zu lüften und nach fünf Minuten wieder zum Fensterschließen bimmelte, und so weiter.

„Wir wollen nun eher noch nach CO2-Ampeln schauen, wie sie das Georg-Büchner-Gymnasium hat, es vereinfacht das Lüften.“ Bewährt hat sich auch, dass alle Schüler in der ersten Stunde die Maske aufbehalten. „Erst, wenn das Testergebnis vorliegt und es negativ ist, nehmen sie die Maske ab.“ Sabine Klass sagt, dass dadurch einige rechtzeitig abgesondert wurden, ein paar zwar auch mit falsch positivem Antigentest, wie sich beim PCR-Test später zeigte. „Aber lieber so, als andersherum.“ Mit der Maske jedenfalls habe keiner der Kollegen ein Problem. „Sie sagen: Lieber Maske als Schule zu.“

Kubick: Bei den mobilen Filtern unterliegen viele Eltern einem Irrglauben

Im nächsten Schuljahr bekommt die Albertville-Realschule insgesamt mehr Luft zum Schnaufen, wenn man so will. Weil sie sich aufs komplette Gebäude ausdehnen kann: Die Winnender Außenstelle der Ludwig-Uhland-Gemeinschaftsschule Schwaikheim ist dann Geschichte, alle Klassen werden in Schwaikheim unterrichtet und in Winnenden werden Räume frei. Das Bauamt der Stadt hat überdies schon Räume auf ihre Belüftbarkeit geprüft und zwei PC-Räume und einen Technikraum identifiziert, sie sind Kandidaten für einen mobilen Raumluftfilter.

„Ich befürworte alles, was uns hilft, dass Unterricht möglich ist, und will maximale Sicherheit für Schüler und Lehrer, auch wenn es Geld kostet“, sagt der Realschul-Rektor Sven Kubick. Eine fest installierte Anlage sei die beste Lösung, denkt er. Sie ist aber nicht kurzfristig und nicht in jeder Schule umsetzbar. Die mobilen Geräte, die hält Kubick allenfalls für Bausteine im Konzept, so wie es jetzt beschlossen ist. „Es ist ein Irrglaube der Eltern, dass eine Lüftung den Schulbesuch durchgehend möglich macht. Die Corona-Verordnung sagt dazu nämlich gar nichts.“

Sven Kubick hofft, dass die Debatte sachlicher wird, und dass sich die Leute weiter vernünftig verhalten. „Gehen die Infektionszahlen wieder hoch und müssen die Schüler wieder zu Hause unterrichtet werden, wird es für manche Kids problematisch“, warnt er. „Wer sich nicht selbst strukturieren kann oder niemanden hat, der ihm hilft, geht unter.“

Georg-Büchner-Gymnasium: Im Winter waren so wenige krank wie nie

Im Büchner-Gymnasium waren vor Weihnachten zwei und nach Ostern zwei Schüler positiv auf Corona getestet worden. Schulleiterin Ilse Bulling sieht das Konzept als gut an. „Im Winter hatten alle beim Lüften Anorak und Schal an und im Unterricht Masken auf, aber dafür war die Krankenquote noch nie so gering, sowohl bei Schülern, als auch bei Lehrern.“ Sie will bei diesem Vorsorgekonzept bleiben – und favorisiert ansonsten den täglichen Wechselunterricht. „Auch wenn das für Eltern vielleicht nicht so toll ist, in den kleinen Gruppen lässt sich viel konzentrierter und effektiver arbeiten, und auch die Schüler, die sich sonst nicht trauen, machen mit.“

Sie springt fast unmerklich an, die Lüftungsanlage im neuen Anbau der Kastenschule. Schnurrt wie eine Katze auf dem Sofa. Ein kühler Lufthauch beginnt denjenigen Kindern um die Beine zu streichen, die direkt neben dem Gitter sitzen. Sie ist in eine Einbauschrankwand integriert, die die Technik verdeckt. Nur der Hausmeister kann die zwei Meter hohe und einen Meter breite Tür öffnen. „Sie hat einen Messfühler und schaltet sich ein, wenn der CO2-Wert zu hoch wird“, sagt Schulleiterin Margit

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