Winnenden

Heavy-Metal-Festival in Winnenden: Energie zwischen Fans und Musikern gespürt

HeavyMetalFestival
Erster Höhepunkt des Festivals Winnenden goes Metal: Mystic Prophecy am Freitagabend in der Hermann-Schwab-Halle. © Gaby Schneider

Vor der Bühne ballen sich die Metalfans, um überwiegend schwarz gekleidet zu schwergewichtigen Gitarrenriffs und allerlei voluminöser Tontechnik und Pyroeinlagen ihren Hunger nach Livemusik zu stillen. Doch nach vier Jahren Pause hätte das zweite „Winnenden goes Metal“ noch mehr Festivalstimmung vertragen können. Woran lag’s?

Benno ist zehn Jahre alt und es ist nicht sein erstes Metalkonzert. „Der Rhythmus ist es, mein Körper nimmt ihn irgendwie auf“, sagt er. Mit dem in seiner Altersgruppe beliebten Hip-Hop kann er nicht viel anfangen. Er spielt Schlagzeug und steht auf Iron Maiden. Wie der Papa Martin Schwöri. Dieser spielt in einer Band, als Gitarrist. Sie seien am Samstagnachmittag von Stuttgart mit der S-Bahn gekommen und machen sich kurz vor 19 Uhr auf die Heimreise, total happy. „Super, ich konnte gar nicht ruhig stehen, musste mich immer bewegen“, sagt Benno. „Für mich ist’s wie früher, vor 30 Jahren, absolut top“, sagt der Vater. Seiner Meinung nach hätte viel mehr Werbung gemacht werden können. „Ich habe es von meinem Gitarrenlehrer erfahren, der mit seiner Band ,End of Me' hier aufgetreten ist, sonst hätte ich es in Stuttgart nicht mitbekommen.“

Ist der Mann heiser vom Singen? Nein, das nennt man Growlen

Die Bandauswahl des Vereins „Winnenden goes Metal“ (WGM) ist attraktiv genug, um auch die Musiker selbst zwei Tage lang in Winnenden zu halten. Die aus Aschaffenburg und der Pfalz angereiste Band Revelation Steel hat die Freunde von „klassischem“ 80er-Jahre-Metal bedient und einen Tag drangehängt, um die anderen Bands zu hören. Sänger Joachim „Joe“ Strubel gibt beim kurzen Pressegespräch ein knurrendes „Hallo“ von sich, das nach heiserer Stimme klingt. Das sei aber nur zu Vorführzwecken, er deute mit dem grunzähnlichen Ton das sogenannte „Growlen“ an, das Sänger bei einigen Metalspielarten verwenden. Zum Beweis switcht Joe um und wiederholt das „Hallo“, jetzt wie umgewandelt in einer fröhlich trällernden Tonlage. Er selbst „growle“ gar nicht, schnaubende furchteinflößende tiefe Kehllaute passen nicht zu ihrer Musik. „Wir spielen energetisch volle Pulle, mit druckvollen Gitarren, aber melodisch, unsere Musik kommt aus dem Herzen.“

Das Innerste wird bei der Musik nach außen gekehrt

So laut und ungestüm die von Dunkelmann-Posen begleitete Soundwucht klingen mag, Metal habe eine ganz andere Seite, bei der die Metaller ihr Innerstes nach außen kehren, erklärt Gitarrist Stephan, der sich den Bühnennamen „John Steven“ gibt. In der Musik kämen auch „Sehnsüchte und Sorgen“ zum Vorschein, „in den Songs werden immer Geschichten erzählt“. Er verschmelze regelrecht mit den Zuschauern. „Ich stehe auf der Bühne, hinter mir meterhohe Marshall-Türme, da ist pure Energie zwischen uns und dem Publikum.“ Die Zuschauerzahl sei in Winnenden zwar mäßig gewesen. Vereinschef Jens Tichatschke sprach von 260 bis 280 zahlenden Gästen pro Konzerttag. „Aber die, die da waren, haben voll Alarm gemacht, da ging’s ab“, sagen die Männer von Revelation Steel.

Lob von den Profis auch an die Winnender Ex-Schüler-Band Past Alaska

Die Musik sei durch die Bank gut gewesen. „Keine Stümper dabei“, so das knappe Urteil der Revelation-Steel-Musiker. Auch die ehemalige Schülerband, die am Freitag als Opener auf die Bühne durfte, habe Spaß gemacht. „Klar hat man gesehen, dass sie sich noch auf ihre Instrumente konzentrieren müssen, aber sie haben mich mit der Musik erreicht“, sagt Sänger Joe.

Knapp über 20 Konzerte hätten sie dieses Jahr gespielt oder besucht, das in Winnenden sei „top“ organisiert. Sie nehmen gute bleibende Eindrücke mit nach Hause, was die Organisation vom Einlass bis zur Technik angeht, und auch die Art, „wie man sich um die Musiker kümmert“.

Auch den später am Samstag spielenden Musikern der Band Vanish ist anzumerken, dass sie die Rückkehr auf die Livebühne sehr genießen. Ihre progressiven harten Gitarrenriffs, fetten Drums und das mit markanter Stimme vorgeführte Songwriting haben ordentlich Dampf. Im Song „Amerika“ mit Ohrwurm-Refrain im Stile von Rammstein entlädt sich ein kraftvolles Powermetalgewitter. Der Schlagzeuger drischt im Staccato-Schlag auf seine Trommeln ein, so schnell, dass es schon fast kein Computer mehr schaffen würde. Das schürt Partylaune und Freude bei den Fans, deren Schlussjubel Frontmann Bastian Rose mit dem Handy festhält, nicht ohne etwas nachzuhelfen. Die Fans machen nach Ansage von der Bühne eine koordinierte „Ausflippi“-Geste fürs Foto. „Kommt alle vor, dann sieht’s aus, als sei’s brechend voll hier“, ruft er in den nur zu einem Drittel vollen Saal.

Zwei Konkurrenzveranstaltungen in Stuttgart drücken die Stimmung

Wie ist die Stimmung bei den Veranstaltern? „Etwas gedrückt“, sagt Jens Tichatschke vom Verein WGM. Es hätten eindeutig mehr Zuschauer sein können für das, was die 40 ehrenamtlichen Helfer auf die Beine gestellt haben. Bei der Bewirtung helfen die Rockinitiative Leutenbach sowie die Vereine Metalmaniacs und Weltenbummler. 14 Bands haben es in allerlei Metalsparten ordentlich krachen lassen, sogar mit Pyrotechnik. Am Samstag war mit dem Headliner Brainstorm eine europatourerprobte Band am Start, die einigen Respekt in der Metalszene genießt. Warum so wenig los war? „Am Freitag waren parallel Halloween und Hammerfall in Stuttgart“, sagt Jens Tichatschke.

Was für sie ein gutes Festival ausmacht? „Uns freut es, wenn die Bands zufrieden sind, die Leute Spaß haben und was los ist im Städtle“, sagt Grit Tichatschke. Als Organisatoren bekämen sie vom Festivalspaß freilich am allerwenigsten mit. „Den holen wir uns dann während des Jahres“, sagt nun wieder gut gelaunt Jens Tichatschke, der sein digitales Funkgerät stets im Auge behält. „Wir können mal kurz ein Lied hören, aber wir haben immer Action.“ Hier ein Kabelbruch, dort funktioniert die EC-Kartenzahlung nicht, an der Bar geht ein gewünschtes Getränk zur Neige, und dann ist noch im größten Stress eine der beiden Kassen durchgeschmort. Er muss auch kühlen Kopf bewahren, während vor der Bühne die vier Musiker von Erzengel die Stimmung musikalisch und auch unter Hinzunahme von pyrotechnischen Effekten hochkochen lassen.

Nur zehn Fans zelten oder kommen mit dem Wohnmobil, Bands ziehen Hotel vor

Im Orga-Büro sind alle gelassen und locker drauf. „Metaller sind halt Metaller, das Wichtigste, immer cool bleiben“, meint WGM-Mitglied und Vielcamper Gerhard Bauer, der für das erstmals angebotene Campinggelände zuständig ist. Wetterbedingt fand das noch nicht allzu viel Anklang, nur zwei Handvoll Unerschrockene hätten ihre Zelte aufgebaut und auch den kostenlosen Shuttle-Minibus genutzt. Die Bandmitglieder von Revelation Steel gehören nicht dazu: Sie haben im Hotel übernachtet. Heavy auf der Bühne sei ausreichend und purer Genuss. „Zelten wäre uns heute dann aber doch etwas zu heavy“, meinen sie.

Vor der Bühne ballen sich die Metalfans, um überwiegend schwarz gekleidet zu schwergewichtigen Gitarrenriffs und allerlei voluminöser Tontechnik und Pyroeinlagen ihren Hunger nach Livemusik zu stillen. Doch nach vier Jahren Pause hätte das zweite „Winnenden goes Metal“ noch mehr Festivalstimmung vertragen können. Woran lag’s?

Benno ist zehn Jahre alt und es ist nicht sein erstes Metalkonzert. „Der Rhythmus ist es, mein Körper nimmt ihn irgendwie auf“, sagt er. Mit dem in seiner

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