Winnenden

Hilfe für die Schwächsten in der Kinderklinik

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Längst kann Felicia auf dem Arm der Mama die Welt bestaunen. Den Brutkasten (rechts im Bild) braucht sie nicht mehr. Damit die Kleinsten und Schwächsten der Kinderklinik Winnenden problemlos so groß und glücklich wie Felicia werden können, hilft jetzt der Bunte Kreis bei den ersten Schritten aus der Klinik hinaus ins neue Leben daheim. © Büttner / ZVW

Winnenden. Felicia am 13. September 2016: „Heute wiege ich 1000 Gramm“. Das stand auf dem Luftballon, der neben Mama und Baby im Krankenhausbett lag. Die Mama sah erschöpft aus. Das Baby trotz des gefeierten Kilos winzig. Heute ist die Kleine neugierig, knuffig und süß. Ihr Weg aus der der Frühchen-Intensivstation hinaus ins Leben war erfolgreich. Viele schaffen das nicht so leicht. Denen hilft ab jetzt der Bunte Kreis.

Zwölf Wochen, drei Tage und acht Stunden war Felicia im Krankenhaus. Ihre Mama hat mitgezählt. Am Ende sogar die Minuten. Die Zeit war mit Sicherheit eine der schwersten, die Carmen Marquardt je durchgemacht hat.

Angst um das frühgeborene Baby

Angst um ihr Baby, viel zu früh geboren, in so großer Gefahr, drei Geschwister zu Hause, auch noch wirklich klein, die nicht verstehen konnten, warum die kleine Schwester einfach nicht nach Hause kommt. „Warum?“, fragte der große Bruder, „sie gehört doch uns!“

Carmen Marquardt kann heute wieder lachen. Und Felicia lacht auf ihrem Arm mit. Die Kleine guckt neugierig in die Welt. Sie ist zwar zart, aber quicklebendig. Sie hatte ganz großes Glück. Und eine Familie, die die großen Anstrengungen nach der Zeit in der Klinik gemeistert hat.

Viele Familien sind überfordert

Viele Familien schaffen das nicht. Oder nicht so gut. Frühchen, Kinder mit Herzfehlern oder Diabetes oder anderen schweren Krankheiten oder Behinderungen, brauchen nach der Zeit in der Klinik sehr, sehr viel Zuwendung. Und Arztbesuche, Therapeutenbesuche, außerdem oft viele Hilfen, die die Eltern nur bekommen, wenn sie bei den richtigen Ämtern anfragen, die richtigen Töpfe finden. Die erste Zeit zu Hause mit so kranken Kindern ist zermürbend, kräfteverschlingend und herzzerreißend.

Der Drehtüreffekt: Allzu schnelle Rückkehr ins Krankenhaus

Oft, sagt Kinderklinikchef Prof. Dr. Ralf Rauch, frage sich das Team der Intensivstation kurz vor der Entlassung: „Na, ob das gutgeht, wenn die nach Hause gehen?“ Ärzte und Schwestern kennen und fürchten den „Drehtüreffekt“, die allzu schnelle Rückkehr in die Klinik, nachdem das Kind eigentlich gesund nach Haus entlassen worden war.

Doch wer den Anforderungen nicht gewachsen ist, dem geht’s nicht gut. Und dem Kind, das alle Hilfe und Zuwendung bräuchte, dem geht’s ganz schnell auch nicht mehr gut. Und es liegt dann wieder im Krankenhausbettchen.

Der Bunte Kreis soll Eltern und Kindern helfen

Fünf Fachfrauen sorgen seit dem 1. Oktober dafür, dass dieser Drehtüreffekt ausbleibt. Die Kinderklinik hat einen „Bunten Kreis“ gegründet. Der Bunte Kreis ist keine Neuerfindung, sondern seit 27 Jahren aktiv – längst bundesweit. Winnenden ist jetzt dabei, nach, wie Ralf Rauch sagt, „zähem Ringen“ mit den Krankenkassen.

Die Leute vom Bunten Kreis sorgen dafür, dass das Leben mit einem kranken Kind außerhalb der Klinik gelingt. Sie kommen nach Hause, gucken, ob alles gut läuft, helfen, wo es nottut. Sie ebnen die Wege zu den Frühen Hilfen, der Frühförderung, den Sanitätshäusern, den Physiotherapeuten, Logopäden und zu wem auch immer.

Der gute Kontakt entsteht schon in der Klinik

Acht Kinder hat das Team insgesamt schon betreut. Zwei von diesen konnten inzwischen in die alleinige Obhut der Eltern entlassen werden. Zwei sind noch in der Klinik.

Denn die ersten Schritte in die Nachsorge werden schon im Krankenhaus gemacht. Schließlich wächst dort der gute Kontakt zu Eltern und Kind, sagt Nicole Gralewitz, die stellvertretende Leiterin, die in der Nachsorge und als Intensivschwester arbeitet.

Einzige Vorraussetzung: Familie muss im Rems-Murr-Kreis leben

Das Team betreut aber auch Familien, deren Kind in anderen Kliniken auf die Welt kam oder behandelt wurde. Etwa in der Tübinger Uniklinik. Die einzige Voraussetzung: Die Familie muss im Rems-Murr-Kreis wohnen. Werden diese Kinder nach Hause entlassen, schließen sich die Kliniken kurz: Wir haben ein Kind ... und der Bunte Kreis sucht den Kontakt.

20 Stunden im Monat für jedes Kind

20 Stunden im Monat für insgesamt drei Monate beantragt der Bunte Kreis für jedes Kind. Und manchmal auch noch eine Verlängerung. Wie viel die Kassen davon genehmigen, ist immer wieder spannend.

Carmen Marquardt hatte diese vielen Stunden Beistand noch nicht. Obwohl sie betont, wie viel Trost und Unterstützung ihr das Team der Intensivstation gegeben hat, hätte sie noch mehr Hilfe gerne in Anspruch genommen.

Mütter hilfsbedürftiger Kind sind selbst hilfsbedürftig

„Die Geschwister“, sagt sie, könnten jemanden gebrauchen, der mit dem nötigen Abstand erklärt und beruhigt. Und auch die Mutter, selbst die erfahrene, weiß sie, ist mit einem so hilfebedürftigen Kind selbst hilfebedürftig.

„Ich bin noch immer oft unsicher“, sagt sie. Bei jedem Schnüpfchen, bei jedem Unwohlsein fragt sie sich: Oh Gott, kommt das noch von den Anfangsproblemen? Oh Gott, was kommt jetzt, wie schaffen wir das? Felicia aber heißt ja „die Glückliche“ – die Kleine macht ihrem Namen sicher auch in Zukunft alle Ehre.


Kinderklinik und Geburtsstation des Rems-Murr-Klinikums Winnenden sind ein Perinatalzentrum Level 1 

Perinatal heißt „um die Geburt herum“, das heißt, ein solches Zentrum versorgt Schwangere sowie Früh- und Neugeborene. Diese Krankenhäuser sind von ihrer Ausstattung und ihrem Personal auf die besonderen Bedürfnisse dieser Patientengruppe ausgelegt. Die Bedürfnisse sind in vier Versorgungsstufen eingeteilt.

Perinatalzentren Level 1 können Kinder aus allen vier Versorgungsstufen behandeln, also auch die Allerkleinsten. Es geht um Frühchen, die vor der 29. Schwangerschaftswoche geboren sind oder die weniger als 1250 Gramm wiegen. Es geht um erwartete Drillinge oder noch größere Mehrlingsgeburten

Außerdem werden hier Schwangere mit allen vor der Geburt diagnostizierten Erkrankungen des Kindes oder der Mutter betreut, bei denen nach der Geburt eine unmittelbare intensiv–medizinische Versorgung des Neugeborenen absehbar ist. Dieses betrifft insbesondere den Verdacht auf angeborene Fehlbildungen wie Herzfehler, Zwerchfelldurchbrüche, offene Rücken oder offene Bauchwände.

In Winnenden werden pro Jahr durchschnittlich 22 sehr kleine Frühchen behandelt. Im Vergleich der Kliniken haben in Winnenden zwei Prozent mehr sehr kleine Frühgeborene überlebt als im Bundesdurchschnitt. (Quelle: perinatalzentren.org)

Viele Spenden für "Der Bunte Kreis"

Das Leben der Kleinsten und Schwächsten liegt vielen am Herzen. Der Förderverein des Rems-Murr-Klinikums Winnenden hat die Arbeit des Bunten Kreises mit 12 890 Euro unterstützt.

1000 Euro kamen beim diesjährigen 49. Bittenfelder Kinderfasching zusammen.

Und Winnender Grundschüler spenden für „Der Bunte Kreis“ die Erlöse des zweiten Winnender Grundschul-Turniers: 630 Euro.