Winnenden

Hohe Corona-Infektionszahlen: Winnender OB entsetzt über gedankenlose Eltern

Light Lockdown
OB Holzwarth – er trägt bei Pressekonferenzen wie in Gemeinderatssitzungen konsequent Stoffmaske, auch und gerade wenn er spricht. © ALEXANDRA PALMIZI

In der Stadt hat sich die Zahl der Coronainfizierten in zwei Wochen mehr als verdoppelt – Stand Donnerstag liegt sie bei 80 Winnender Bürgern. Fast fünfmal so viele jedoch befinden sich in Quarantäne, knapp 400 Personen, ob mit oder ohne Symptome, ob leicht oder schwer erkrankt, ob Senior oder Kleinkind. Wir hakten nach bei Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, wie er sich diese Zahl erklärt, und ob das Verhalten der Winnender dazu passt, ob es angemessen ist.

„Die Zahl ist sehr hoch, deutlich höher als der Landesdurchschnitt“, sagt er und betrachtet dabei auch die Sieben-Tage-Inzidenz, bei der die Zahl der Neuinfektionen der letzten sieben Tage auf 100 000 Einwohner zurückgerechnet wird und damit für Vergleiche herangezogen werden kann: Sie liegt in Winnenden bei 200, im Landkreis bei 160, im Land bei 122,4.

In der Familie steckt man sich an

Was genau ist also los in Winnenden? „Es gibt keine Cluster“, sagt Holzwarth. Verantwortlich dafür ist keineswegs ein großer Betrieb wie ein Schlachthof oder so. Im Gegenteil, „es sind eher die kleinen Grüppchen, meist Familien, in denen sich das Coronavirus verbreitet und in die Stadt weitergetragen wird.“ das geschieht keineswegs immer aus Versehen, wie Holzwarth von der städtischen Schulamtsleiterin Sybille Mack und vom Familienamtsleiter Thomas Pfeifer erfahren hat, zu dessen Ressort die Kindertagesstätten gehören. „Wir stellen fest, dass Eltern, die bei sich Symptome festgestellt, aber vielleicht noch kein Testergebnis erhalten haben, dennoch ihre Kinder, vor allem jüngere Kinder, in die jeweiligen Einrichtungen bringen, Krippe, Kindergarten, Grundschule, Ganztagsschule. Ich finde das unglaublich“, sagt der Oberbürgermeister.

Richtig und vernünftig wäre, die Kinder bis zum Vorliegen eines negativen Testergebnisses zu Hause zu lassen. Selbstredend sollten die Kinder erst recht nicht mehr bei positivem Testergebnis der Eltern in die Einrichtung gehen, weil eine Ansteckung innerhalb der eigenen vier Wände sehr wahrscheinlich ist. Aber es wird noch „besser“: „Es gab auch schon den Fall, dass ein Kind mit Covid-19-Symptomen in den Kindergarten gebracht wurde! Und erst, wenn der Test positiv ist, regt man sich und sagt Bescheid“, zeigt sich Holzwarth entsetzt über diese Rücksichtslosigkeit.

Egoismus hilft dem Virus

Ausbaden müssen sie am Ende alle anderen Kinder, deren Eltern, Erzieherinnen und Lehrerinnen, wenn sie in vorsorgliche Quarantäne und mit der Unsicherheit umgehen müssen, sich vielleicht schon angesteckt zu haben. Und dann haben sie noch Glück, wenn sie nicht binnen fünf bis sieben Tagen selbst Symptome entwickeln und krank werden. Und wie viele Leute haben sie in der Zeit des Nicht-Gewussthabens angesteckt? So lässt sich die Pandemie nicht wirkungsvoll ausbremsen, im Gegenteil, so verbreitet sie sich unsichtbar und schleichend immer schön weiter.

Dass es so ist, weiß man seit Ende Oktober, Virologen nennen das „Perkulation“, was bedeutet, das Virus ist überall, verteilt sich unklar in der Gesamtbevölkerung. Eine Mitschuld tragen aber tatsächlich egoistische Eltern. Daher Holzwarths Appell an sie, auch, weil seine bereits Ende Oktober ausgesprochene Botschaft bei ihnen offenbar noch nicht angekommen ist: „Seid rücksichtsvoll und stellt in unklarer Infektionslage euer Interesse an Betreuung zurück!“

Und so hat sich das bisherige Verhalten auf Winnender Schulen und Kitas ausgewirkt, der Stand von Donnerstag, 12.11., 11 Uhr, findet sich auf einer Corona-Seite des Landkreises und benennt nur Klassen und Gruppen, die wegen Infektionen mit dem Coronavirus geschlossen sind – faktisch sind es wegen vorsorglicher Quarantäne noch viel mehr Betroffene:

• Mariel-Huzel-Kindergarten: Ein Kind positiv, eine Gruppe in Quarantäne.

• Geschwister-Scholl-Realschule: Ein Schüler positiv, eine Klassen in Quarantäne.

• Grundschule Hungerberg: Ein Schüler positiv, eine Klassen in Quarantäne.

• Grundschule Höfen: Ein Schüler positiv, eine Klassen in Quarantäne.

• Evangelischer Kindergarten Höfen: Zwei Erzieher positiv, zwei Gruppen in Quarantäne

• Lessing-Gymnasium: Ein Schüler positiv, eine Klassen in Quarantäne.

„Die Infektionszahlen in Winnenden sind nun schon doppelt so hoch wie bei der Spitze der ersten Welle“, sagt Hartmut Holzwarth. „Es kommt nicht unerwartet, dass sich das Geschehen nur schwer bremsen lässt.“

Pendler machen das Virus mobil

Am meisten Infizierte gebe es in der „mobilen Generation der 20- bis 30-Jährigen“, dazu gehören auch Studenten, die pendeln, die das Wochenende bei ihren Familien verbringen und das Virus als ungebetenes Souvenir mitbringen oder mitnehmen. Auch Berufspendler gehören zu den Verbreitern, die Generation der 40- bis 60-Jährigen sei mittlerweile auch wieder stärker am Infektionsgeschehen beteiligt, so die Auskunft des Winnender Ordnungsamts, das Kontakte nachverfolgt, gegenüber dem OB. 14 Infektionen gehen allein auf eine Fahrt mit dem Busle in die Behindertenwerkstätten der Paulinenpflege zurück – doch sie wurden per Schnelltest erkannt und die vier betroffenen Wohngruppen können sich gut vom Rest der Bewohner und der Bevölkerung isolieren.

„Es reicht anscheinend nicht, wenn ein großer Teil der Bevölkerung vernünftig ist“, schließt Holzwarth. Wie der Teil-Lockdown wirkt, dafür ist wiederum für eine Beurteilung noch zu früh. „Wir wissen momentan nicht, ob oder wann der Scheitelpunkt der zweiten Welle erreicht ist.“

Holzwarths Tipp an alle, die sich in der Quarantäne vielleicht langweilen und etwas tiefer in die Coronathematik einsteigen wollen, ist der Podcast des Virologen Christian Drosten, im Wechsel mit einem seiner Kollegen, und die Twittermeldungen von Drosten. Er konsumiert dies regelmäßig und spricht daher auch Wörter wie das weiter vorne vorkommende „Perkulation“ stolperfrei aus. „Bemerkenswert ist auch die Schillerrede, die Christian Drosten gehalten hat. Man kann sie auf der Internetseite des Schiller-Nationalmuseums Marbach nachhören, sie dauert 23 Minuten.“

In der Stadt hat sich die Zahl der Coronainfizierten in zwei Wochen mehr als verdoppelt – Stand Donnerstag liegt sie bei 80 Winnender Bürgern. Fast fünfmal so viele jedoch befinden sich in Quarantäne, knapp 400 Personen, ob mit oder ohne Symptome, ob leicht oder schwer erkrankt, ob Senior oder Kleinkind. Wir hakten nach bei Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, wie er sich diese Zahl erklärt, und ob das Verhalten der Winnender dazu passt, ob es angemessen ist.

„Die Zahl ist sehr hoch,

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