Winnenden

Hohe Inzidenz, hohe Bußgelder: Kaum noch Gnade für laxe Gastronomen in Winnenden

Coronaverordnung Kontrolle
Alexander Weniger und Martin Bautz bei der Gastro-Kontrolle im „Poco Loco“ am Freitagvormittag: Alles ist in Ordnung. © Benjamin Büttner

Die Corona-Regeln für Restaurants, Bars und Kneipen sind seit ihrer Wiedereröffnung im Juni fast gleich geblieben. Mit denselben hohen Strafen für diejenigen, die sich nicht an sie halten. Die Laxheit wird nun doppelt bestraft. Seit es immer ungemütlicher geworden ist, im Freien Platz zu nehmen, steigt die Inzidenz. Es wird immer wichtiger, in den Innenräumen Hygiene und Belüftung groß zu schreiben.

Doch man glaubt es kaum, auch Mitte November gibt es noch gastronomische Betriebe, die die Regeln missachten, bewusst oder unbewusst sei dahingestellt, und dann bei Stichproben oder auch angekündigten schwerpunktmäßigen Kontrollen angezeigt werden. Am vergangenen Donnerstag (11.11.) waren das zehn von 19. Am Freitagvormittag (12.11.) beanstandeten die Kontrolleure zwei von elf Betrieben. Wie läuft so eine Kontrolle ab? Wie sicher können sich die Gäste fühlen? Wir waren bei der Visite des Vollzugsdienstes der Stadt dabei.

Wie sieht es am Adlerplatz beim Poco Loco aus?

Martin Bautz und sein Kollege Alexander Weniger beginnen mit einem Frühstücks- und Brunch-Restaurant auf dem Adlerplatz. Es ist ruhig in dem hellen, lichtdurchfluteten Gastraum, in dem eine einsame Kundin ihr spätes Frühstück genießt. Die Barista hinter der Theke bittet die Kontrolleure und die beiden Pressevertreter in deren Schlepptau professionell gastfreundlich herein. Selbstverständlich könne man über das „Poco Loco“ berichten, es auch gern namentlich erwähnen, meint sie hinter dem vorschriftsmäßig aufgezogenen Mund-Nasen-Schutz. Man habe vor der Öffentlichkeit nichts zu verbergen.

Und tatsächlich haben auch Bautz und Weniger hier nichts auszusetzen: Die Kontaktdaten werden vorschriftsmäßig über die Luca-App oder auf Papier gespeichert, ein Hygienekonzept kann vorgewiesen werden und über die geltenden Corona-Regeln wird der Gast bereits im Eingangsbereich informiert.

Heißen Tick, Trick und Track wirklich so? Da muss der Wirt nachhaken

„Auch der nächste Betrieb, in den wir jetzt gleich hineinschauen“, kündigt Bautz an, „ist eigentlich ein Vorzeigeunternehmen, sowohl hinsichtlich Hygiene im Allgemeinen, als auch in Bezug auf die Corona-Verordnung.“ Der Wirt begrüßt die Besucher freundlich, der Ton ist jovial. Alles scheint in Ordnung: Die Hinweise an der Eingangstür, die Bitte zu warten, bis man an den Platz geführt wird, ein Leitsystem zwischen Ein- und Ausgang, um ein Gedränge erst gar nicht aufkommen zu lassen, die penible Erfassung der Besucherdaten … Doch hier stutzen die Kontrolleure kurz, als sie auf den Zetteln mit den Kontaktdaten über die Namen Tick Trick und Track stolpern. In solchen Fällen, erklärt Bautz, müsse der Wirt nachfragen, ob es sich tatsächlich um die richtigen Namen und Anschriften handle. Leider ist dann auch das schriftliche Hygienekonzept nicht greifbar. Es sei selbstverständlich vorhanden, liege bei ihm daheim auf dem Schreibtisch, versichert der Wirt, weil er es gerade erst mit seinem Steuerberater noch einmal abgesprochen habe. Wenn Martin Bautz am Nachmittag noch einmal vorbeikomme, werde er es ihm gern vorlegen.

Wenn's nicht bei der mündlichen Verwarnung bleibt, wird's teuer

Fehlt das Konzept wirklich, wird's teuer. In der Regel verhängt die Stadt dann ein Bußgeld in Höhe von 650 Euro. Ihr Ermessensspielraum liegt aber zwischen 500 und 5.000 Euro. Ebenso beim nicht ordnungsgemäßen Erfassen und Aufbewahren der Kontaktdaten der Gäste. Wenn Mitarbeiter keine Mund-Nasen-Schutzmasken trugen, fallen in der Regel 70 Euro Bußgeld an. Bei leichten Verstößen können die Ordnungshüter bis auf 50 Euro runtergehen, bei groben bis auf 250 Euro hoch. Wobei das Tragen der Maske unter der Nase oder unter dem Kinn so bewertet werde, wie wenn man keine auf hat. „Worin soll der Schutzfaktor bestehen“, so Bautz, „wenn man bei jedem Ausatmen oder gar herzhaften Niesen die Aerosole munter in den womöglich ungelüfteten Raum verteilt?“

Natürlich seien die Gastronomen, bei denen Verstöße festgestellt werden, alles andere als begeistert. Dass diese Beträge nach dem langen Lockdown, in dem so gut wie überhaupt nichts verdient wurde, die Gastgeber schmerzen, ist nachvollziehbar. Da habe man sich auch schon so manches harte Wort anhören müssen, erzählt Martin Bautz. Es reicht von der schon fast Standardfloskel „Die Stadt braucht halt anscheinend wieder Geld“ bis hin zu „Ihr seid einfach nur Ausländerfeinde“. Bisweilen schramme es sehr knapp an Beleidigung vorbei.

Die Regeln sollen dafür sorgen, dass die Lokale offenbleiben können

Es habe jedoch keinen Sinn, mit den Betroffenen lange herumzudiskutieren und zu streiten, das Erfüllen der gesetzlichen Vorgaben sei eine Bringschuld, bei den Bestimmungen der Corona-Verordnung genauso wie im Straßenverkehr. Letztendlich werde dadurch sichergestellt, dass die Gastronomie überhaupt öffnen könne. Dies sei nach einer so langen Durststrecke doch im Interesse aller Betriebe, findet Martin Bautz.

Es sei zwar irgendwie schon verständlich, wenn es einem Wirt, der Probleme mit der deutschen Sprache hat, schwerfalle, ein Hygienekonzept schriftlich auszuarbeiten. Aber auch dabei helfe der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband, bisweilen genüge ein Besuch der Homepage. Mit „Ausländerfeindlichkeit“ habe es jedoch nichts zu tun, wehrt sich der Vollzugsmitarbeiter vehement, denn für alle Gastro-Betriebe gelten dieselben Bestimmungen.

Die Luft ist zum Schneiden, ein Ventilator bringt offenbar nichts

Bei ihr in der Gaststube sei alles in Ordnung, versichert die Chefin einer Raucherkneipe, die von Bautz und Weniger als nächstes angesteuert wird. Die Luft in der Gaststube ist wie zum Schneiden, rauchgeschwängert. Man hat inzwischen schon Probleme sich zurückzuerinnern, dass dies bis zum Rauchverbot in fast allen Kneipen die übliche Atmosphäre war, die den Besucher erwartete. Und für den Luftaustausch sorge ein Ventilator, ergänzt ein ansonsten stiller Zecher, der an einem Tisch in der Ecke die „Winnender Zeitung“ studiert, die Ausführungen der Wirtin.

„Die Luca-App gibt es hier keine, so etwas hat keiner von uns“, erklärt ein älterer Mann, der am Stammtisch sein Bier genießt und bedächtig an seinem Stumpen zieht, „wir füllen alle unsere Zettel aus.“

Mit einem schriftlich niedergelegten Hygienekonzept kann die Wirtin nicht aufwarten, sie verweist in gebrochenem Deutsch auf den Aushang am Eingang, der über die geltenden Abstands- und Maskenregeln informiert, und zeigt das Desinfektionsspray vor, mit dem sie regelmäßig die Tische reinige. Als Bautz ihr ankündigt, dass sie wohl mit einer Strafe zu rechnen habe, hält sie anklagend dagegen, ob sie während des langen Öffnungsverbots nicht schon genug Einbußen erlitten habe.

Auch ein gutes Hygienekonzept kann man noch besser machen

„Kommen Sie ruhig alle herein“, begrüßen Annika Traffa und Manuel Braun die beiden Uniformierten und deren Begleiter im „Glückskind“. „Wir geben uns solche Mühe, damit sich unsere Gäste bei uns wohlfühlen und sie auch optimal geschützt sind. Das darf man gern wissen!“ Traffa verweist auf den Tisch im Eingangsbereich, an dem die Besucher in Empfang genommen werden, auf den Aushang mit den Abstands- und Hygieneregeln, auf die Luca-App und die akribisch geführte Besucherliste. Das Hygienekonzept habe man sogar dem Ordnungsamt zur Prüfung vorgelegt, berichtet sie. Bautz empfiehlt, es um einige Punkte zu erweitern, wie zum Beispiel, in welchem zeitlichen Rhythmus die Räume gelüftet und die Oberflächen gereinigt werden. Ansonsten ist er mit dem, was er hier gesehen hat, voll und ganz zufrieden.

Ordnungshüter appelliert an Wirte: Bürger sollen gut aufgehoben sein

Zum Abschied beschreibt Martin Bautz den perfekten Kontrolltag, angesichts der am Freitag auf 421 in Winnenden gekletterten Inzidenz (Infektionen pro 100 000 Einwohner) hoffentlich nicht in allzu ferner Zukunft: wenn sich alle örtlichen Gastronomiebetriebe an die zurzeit für sie geltenden Coronabestimmungen halten würden. Nicht nur, dass er dann keine Arbeit mit dem Schreiben von Anzeigen hätte, vor allem würde es bedeuten, dass die Winnender Bürgerinnen und Bürger in ihren Restaurants und Gaststätten auch in diesen Corona-Zeiten bestens aufgehoben seien.

Die Corona-Regeln für Restaurants, Bars und Kneipen sind seit ihrer Wiedereröffnung im Juni fast gleich geblieben. Mit denselben hohen Strafen für diejenigen, die sich nicht an sie halten. Die Laxheit wird nun doppelt bestraft. Seit es immer ungemütlicher geworden ist, im Freien Platz zu nehmen, steigt die Inzidenz. Es wird immer wichtiger, in den Innenräumen Hygiene und Belüftung groß zu schreiben.

Doch man glaubt es kaum, auch Mitte November gibt es noch gastronomische Betriebe, die

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