Winnenden

Holger Krekeler, Banker und Kunststudent aus Winnenden, spielt mit Verpackungen

Holger Krekeler
Holger Krekeler neben einem in einer Performance entstandenen Bild aus Kugelknete und Plastikfolie. © Banjamin Büttner

Im Schaufenster des Testzentrums steht der wohl seltsamste „Weihnachtsbaum“ der Stadt. Die grünen runden Plastikteile eines Warendisplays hat der aktuell hier ausstellende Künstler Holger Krekeler übereinandergesetzt. Rosa und rote Bälle aus dem Bällebad wirken wie Christbaumkugeln, statt eines Sterns leuchtet neongelb eine Stablampe. Die Skulptur hat der 48-jährige Winnender unter einer durchsichtigen Hülle fast verdeckt und „Flash back“ genannt – „was auch immer man darin sehen will, ein Karussell, eine blaue Raupe, es ist jedenfalls eingemottet wie alles Leben in der Coronazeit, das Neonlicht erinnert an die Zeit vor der Pandemie, Farbe blitzt hervor, man will die Husse wegreißen“, erklärt Holger Krekeler beim Gespräch an der Ecke Bengelgasse und Marktstraße.

Im Brotberuf arbeitet der Mann mit der quadratischen Brille als Banker

Aber Moment mal, der große Mann mit der auffälligen Brille mit quadratischen Gläsern – der arbeitet doch nur 100 Meter entfernt in der Sparkasse? Sehr wohl, und das bereits seit seinem Schulabschluss, aber mittlerweile als Bankfachwirt in Teilzeit. „Als meine Frau mit dem Psychologiestudium fertig war, sie arbeitet jetzt im ZfP, schlug sie vor, dass ich doch jetzt machen könne, was ich schon immer wollte.“ Erst habe er sie unterstützt, jetzt wolle sie ihm das Studium ermöglichen. „Und als ich dann auf Anhieb an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste angenommen wurde, war das wirklich wie ein Wink des Schicksals. Und jetzt gehe ich in diesem Studium voll auf.“ Nächstes Jahr steht die Vordiplom-Prüfung an. Holger Krekeler hat aber jederzeit die Möglichkeit, wieder Vollzeit zu arbeiten. Eine gewisse Sicherheit für die Familie müsse sein.

Diethard Fohr von der Initiative Stadtmuseum hat den kreativen Kopf eingeladen, 16 Werke zu zeigen. Sie sind allesamt in den vergangenen anderthalb Jahren entstanden, teilweise bei Performances auf dem Gelände der Wagenhallen und auf dem Killesberg in Stuttgart wie die farbigen Getränkeflaschen mit Selbstporträts, die er neben dem Eingang als Regenbogen arrangiert hat. Die Ideen sprudeln bei Holger Krekeler offenbar so wie die Wörter aus seinem Mund, kaum kommt man beim Schreiben und Mitdenken hinterher. Das „Neopointillistische Wandobjekt“, neben das er sich für unseren Fotografen ins Schaufenster stellt, erinnert an Mikroskopbilder. „Die Wagenhallen-Besucher haben bei dieser Aktion die Farbe der Kugelknete ausgewählt, ich habe daraus archaische Formen gemacht, sie eingeschweißt und den Leuten mitgegeben“, erzählt Holger Krekeler lachend. „Jeder Kindergarten arbeitet mit Kugelknete, meine Professoren kannten das Material noch nicht.“

Atelier und Lager in Lehnenberg schaffen Freiraum für Kunst und die Familie

Holger Krekeler und seine Frau haben zwei Kinder, sie sind 13 und 15 Jahre alt. Die Kunst des Vaters war lange Zeit Hobby, was sich auch gut mit der gemeinsamen Wohnung vereinbaren ließ, doch mit dem Studium wuchs auch der Materialsammeleifer. „Über einen Kollegen habe ich das perfekte Atelier mit Lager in Berglen-Lehnenberg gefunden“, sagt er.

„Ich habe im Studium begriffen, dass ich beides bin: der angepasste Banker, der gern mit Menschen umgeht, berät und verkauft, und der verrückte, unangepasste Kunstmensch“, so Krekeler über sich selbst und sein Faible für Strukturen, die er mit poppigen Farben aufweicht. Dabei ist sympathisch, dass er sich weder zum Plastik- oder Konsumkritiker aufschwingt, noch versucht, kommerziell-gefällig zu sein, sondern mit Deutungen spielt, einen zum Lachen bringt oder überrascht. „Ich brenne für Farben, mag aber auch halbtransparente Materialien“, zeigt er auf die beiden Werke links neben dem Eingang. Oben hat er päcklesweise quietschbuntes Wassereis eingeschweißt („liquid painting“), unten wird ein Frühbeet gefüllt mit Poolnudeln zum „Inkubator“, zum Brutkasten der nächsten Sommersaison und ihrer Spielsachen.

Leere Blisterverpackungen auf Leinwand - Konsum als Befriedigung, Füllen der inneren Leere ...

Verpacken und Verpackungen sind sein zweites Hauptthema, sie gehörten wie die Neonfarben zu seiner Jugend in den 80er Jahren und prägen unseren Konsum bis heute. „Manchmal ist eine Ware nicht mehr als Verpackung, viel ist Fassade. Manchmal kehrt Verpackung das Innere nach außen. Die Oberfläche hat auch mit Oberflächlichkeit zu tun“, assoziiert der Künstler und betont, auch er habe schon innere Leere mit Konsum gefüllt, Einkauf als Befriedigung. Solche Gedanken sind in die Assemblage „Running out“ aus lauter durchsichtigen, sauberen, glatten, aber ganz unterschiedlichen Blisterverpackungen geflossen, die Holger Krekeler auf eine eingeschweißte Leinwand geklebt hat. Hier erkennt man noch ein Küchenmesser, dort eine Schale, da die Playstation. Doch mit ein bisschen Abstand verschmilzt alles zu einem bewegten, glänzenden, dreidimensionalen Muster.

Im Schaufenster des Testzentrums steht der wohl seltsamste „Weihnachtsbaum“ der Stadt. Die grünen runden Plastikteile eines Warendisplays hat der aktuell hier ausstellende Künstler Holger Krekeler übereinandergesetzt. Rosa und rote Bälle aus dem Bällebad wirken wie Christbaumkugeln, statt eines Sterns leuchtet neongelb eine Stablampe. Die Skulptur hat der 48-jährige Winnender unter einer durchsichtigen Hülle fast verdeckt und „Flash back“ genannt – „was auch immer man darin sehen will, ein

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