Winnenden

Ihre Kunst löste einst einen Skandal aus: Eva Schwanitz aus Winnenden wird 75

Eva Schwanitz
Eva Schwanitz. © EBBA Kaynak

Schon witzig: Wer derzeit Holzschnitte von Eva Schwanitz anschauen möchte, muss entweder am Kronenplatz einige Treppen in die gekachelte Unterführung hinabsteigen, wo die Leiterin des Kunstsalons und dessen Mitglieder je ein Schaufenster bestückt haben. Oder nach Schorndorf in die Galerie „Feuer & Flamme“ fahren. Bis 5. Februar sieht man dort, was die frei schaffende Künstlerin von ihrem Altersruhesitz, dem Mehrgenerationenhaus, aus sieht: den Sonnenuntergang über den Dächern von Winnenden. In ihrer Heimat gibt es aber gerade weder eine Galerie, noch ein Museum, wo Schwanitz ausstellen könnte. Seit einigen Jahren fällt auch das Rathausfoyer flach, aus Brandschutzgründen. Seit 2002 brachte Eva Schwanitz als Kuratoriumsmitglied interessante Künstler in den Verwaltungssitz. Eva Schwanitz bedauert den Verlust des Ausstellungsorts. Keineswegs aus Eigennutz, sondern um der Kunst willen.

Gerade jetzt (oder spätestens in fünf Jahren) wäre aber eine Schwanitz-Ausstellung interessant: Die Künstlerin feiert am heutigen Dienstag (18.1.) ihren 75. An so einem halbrunden Geburtstag darf man schon mal über eine Retrospektive nachdenken, also an eine Ausstellung, die die wichtigsten Arbeiten des gesamten Schaffens vereint. „Vielleicht klappt es in Winnenden in der Stadtkirche“, weiß sie über die Bemühungen der Stiftung Bescheid, hier auch kulturelles Leben Einzug halten zu lassen.

Sie befürchtet zwar, dass ihr lange Zeit dominierendes Thema „Eros und Thanatos“, also Liebe und Tod, im Kirchenraum nicht erwünscht sei. „Als ich die Bilder im Waiblinger Rathaus zeigte, gab es einen Skandal. Die Bilder mussten vom Erdgeschoss, wo sie Kinder hätten sehen können, hoch in den ersten Stock“, erzählt Eva Schwanitz. „Dabei habe ich die Frau nicht als Lustobjekt, sondern als Lustsubjekt gezeigt – mit selbstbestimmter Sexualität.“ Und das war, vielleicht ist eher das der Skandal, im Jahr 1997.

Sie will auch gar nicht provozieren auf Teufel komm raus. „Meine Arbeiten sind meditativer geworden, dem Alter entsprechend“, sagt Eva Schwanitz schmunzelnd. Genug Potenzial, sich mit der Stadtkirche zu verbinden. Ihr Motto sei zwar „Wo ein Wille ist, ist ein Weg“, aber sie könne auch mal lockerlassen.

Und sonst? Wie geht's ihr so? „Ich genieße mein Leben und freue mich an der funktionierenden Gemeinschaft im ,Mittendrin’“. So hat sie es sich 2012 vorgestellt, als der Plan, ein Mehrgenerationenhaus zwischen Bio-Bäckerei Weber und Steak- und Schnitzelmeisterei („Krone“) zu bauen, öffentlich wurde. Damals war sie gerade frisch in den Ruhestand gegangen, nach 37 Jahren als Kunsterzieherin. Neun Jahre sollte sie warten müssen, bis sie vom großen, alten, gemieteten Haus in Hanweiler in ihre eigene 73-Quadratmeter-Wohnung mit Atelier-Ecke ziehen konnte. „Ich schaffe immer noch hemmungslos, aber jetzt muss ich halt putzen“, sagt sie lachend über die neue Situation.

Ein Wiedersehen mit der Sonderborg- und Beuys-Studentin und Goya-Verehrerin wird es vielleicht bei einer Kunstnacht 2022 geben. Das Stadtmarketing hat vorsichtig angefragt, Eva Schwanitz hat gleich Ja gesagt.

Wer weiß, ob sie dann auch mal mit dem Tanzensemble „Zartbitter“ aus Ludwigsburg hier auftritt? Theater und Performance beschäftigen sie seit 1984, und das Treiben dieser Gruppe älterer Menschen hört sich spannend an: „Ich gehöre nicht zu den Frauen, die nachts draußen Angst haben“, doch der Tanz war wohl geeignet, um solche Dämonen zu verscheuchen. So tanzten Eva Schwanitz und Co. im ironisch-pinkfarbenen Flamingo-Glitzerkostüm an schummerigen Ecken von Stuttgarter Plätzen.

„Ich will nach wie vor nicht nur Bürgerlich-Schönes machen“, sagt sie, die in ihrem ersten Jahr am Georg-Büchner-Gymnasium die Lehrerin von Michael Schützenberger und Alfons Koller war. Beide studierten wie sie Bildende Kunst, blieben in der Heimat, wurden aber nicht Lehrer. Eva Schwanitz ist mit ihnen, wie überhaupt mit der Kunstszene Rems-Murr und Stuttgart, vernetzt. Winnenden den Rücken zu kehren käme auch für sie nie infrage. „Ich bin in Stuttgart aufgewachsen und habe mich 1980 bewusst für die Stadt entschieden. Ich mochte es einfach, dass man von fast überall auch Wiesen und Wald sieht.“ Inzwischen kenne sie viele Menschen, die sie mag, und merke, „die Stadt tut mir gut“. Will sie ihren Bruder und ihren Sohn mit seiner Familie sehen, muss sie nach Berlin fahren.

Schon witzig: Wer derzeit Holzschnitte von Eva Schwanitz anschauen möchte, muss entweder am Kronenplatz einige Treppen in die gekachelte Unterführung hinabsteigen, wo die Leiterin des Kunstsalons und dessen Mitglieder je ein Schaufenster bestückt haben. Oder nach Schorndorf in die Galerie „Feuer & Flamme“ fahren. Bis 5. Februar sieht man dort, was die frei schaffende Künstlerin von ihrem Altersruhesitz, dem Mehrgenerationenhaus, aus sieht: den Sonnenuntergang über den Dächern von

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