Winnenden

Im Artemisia-Streit bleibt Dr. Hans-Martin Hirt auf Konfrontationskurs

Artemisia Annua
Hans-Martin Hirt und die Pflanze Artemisia annua anamed. © Benjamin Büttner

Die Freunde des Heilkrauts Artemisia wollen die Schlappe nicht hinnehmen, die sie vor dem Verwaltungsgericht erlitten haben. Dr. Hans-Martin Hirt, Apotheker und Vorsitzender des Winnender Vereins Anamed, droht dem Landratsamt damit, dass er Beschwerde einlegt gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts und dass er im Hauptverfahren „mit größter Anstrengung“ eine Klage betreibe.

Am 1. Dezember hatte noch ein gütliches Gespräch im Landratsamt stattgefunden, über das die Beteiligten allerdings Schweigen vereinbart haben. Aus Sicht von Dr. Hirt kann das Gespräch nichts Gutes für ihn erbracht haben, denn bereits am 2. Dezember wiederholte er in Kurzfassung seine bekannten Positionen im Streit um die Tatsache, dass das Landratsamt den Verkauf des Heilkrauts Artemisia unterbinden will, und dass es dabei die volle Rückendeckung, ja sogar eine Aufforderung des Verwaltungsgerichts bekommen hat.

Hirt hält das Urteil des Verwaltungsgerichts für unzureichend begründet

Im Streit um das Kraut Artemisia annua, den einjährigen Beifuß, der aus China stammt und in Winnenden verwurzelt ist, will das Landratsamt zurzeit offensichtlich aber kein Öl ins Feuer gießen. Auf Anfrage erklärte Dezernent Dr. Gerd Holzwarth am Mittwoch: „Es gab am 1. Dezember ein offenes Gespräch, in dem die Argumente ausgetauscht wurden und weiterhin gemeinsam nach Lösungen gesucht wird.“ Derzeit laufe noch eine Frist zur Beschwerde gegen das Urteil, erklärt Holzwarth und fügt vielsagend an: „Diese müssen wir abwarten, dann sehen wir weiter.“

Das Landratsamt bemüht sich also um Zurückhaltung und darum, einen gewissen Frieden zu wahren, während Dr. Hirt die Gerichtsschlappe nicht hinnehmen will: „Wir sind entrüstet über die Ablehnung und die unzureichende Begründung des Verwaltungsgerichts, was den „Eilantrag auf Rücknahme des Sofortvollzugs“ betrifft. Die Abwägung der Interessen, die das Gericht vorgenommen hat, verkennt die nahezu völlige Ungefährlichkeit und die tatsächliche Bedeutung von Artemisia annua in Wissenschaft und Praxis.“

Anamed verweist auf England, tut sich mit echten Belegen aber schwer

Hirt meint, das Gericht müsse bei seinen Entscheidungen einiges berücksichtigen, zum Beispiel „das gesteigerte Interesse der Bevölkerung am Bezug dieses Mittels“. Seit mehr als 23 Jahren sei Artemisia annua anamed im Verkehr und diene nicht zuletzt als „von Ärzten dringend benötigte Arznei“.

Hirt bleibt bei seinen bekannten Argumenten, verweist auf die traditionelle chinesische Medizin und bringt einen neuen Trumpf ins Spiel: „Es liegen Bestätigungen aus England vor, dass Artemisia annua dort 1994 gehandelt worden ist. Nähere Auskünfte über Mengen und Verzehrumfang sind schier unmöglich zu (re-)produzieren nach mehr als 25 Jahren; außerdem weist die Firma auf Datenschutz hin.“ Könnte Hirt beweisen, dass das Heilkraut schon vor 1996 in der Europäischen Union in wesentlichen Mengen gehandelt wurde, wäre das Kraut kein neuartiges Lebensmittel mehr, kein „Novel Food“, sondern genauso akzeptiert wie der Pfefferminztee, für den auch niemand eine lebensmittelrechtliche Genehmigung einholen muss, weil er die aus Tradition schon hat.

Afrika sorgt mit Artemisia gegen Corona vor, doch drei europäische Länder warnen vor dem Tee

„In Madagaskar, Kenia und Kamerun beispielsweise wird Artemisia annua zur Vorsorge gegen die Corona-Pandemie empfohlen und eingesetzt“, verkündet Hirt. Er verweist auf die Forschungen des Max-Planck-Instituts Potsdam, wo Artemisia im Labor gewisse Erfolge im Kampf gegen Coronaviren zeigte, die aber bislang nicht durch klinische Versuchsreihen bestätigt wurden.

Das Verwaltungsgericht hat in seinem Urteil auch die ominöse Belfrit-Liste zitiert. Es ist eine Liste von neuen Lebensmitteln, die in den Ländern Belgien, Frankreich und Italien (Belfrit) als schädlich gelten. „Der Hinweis auf die Belfrit-Liste ist keine formale Begründung, weil es sich um eine von der Lobby beeinflusste Richtlinie handelt“, sagt Hirt. Artemisia annua sei hingegen eine äußerst vielfältig verwendbare Pflanze und Rohstoff für multiplen Nutzen und Gebrauch. Ein pauschales Verbot sei daher unsinnig. „Ebenso gut müsste man Kartoffeln verbieten, weil sie unter gewissen Umständen giftig sind“, so Hirt.

Derzeitiger Trick: Das getrocknete Kraut wird nicht als Tee, sondern als „Rohstoff“ verkauft

Dr. Hirt, der immer wieder von der heilenden Wirkung des Artemisia-Krauts spricht, erklärt am Ende seiner Stellungnahme listig: „Aktuell wird Artemisia annua von Teemana mit der neutralen pflanzlichen Bezeichnung als Rohstoff angeboten, wobei es jedem Abnehmer überlassen bleibt, ob er es unters Kopfkissen legt, ins Badewasser schüttet oder anders nutzt.“

Hirt sagt: „Wir bestehen darauf, Artemisia annua weiterhin in Verkehr zu bringen, und verlangen vom Landratsamt Rems-Murr-Kreis die Aufhebung respektive Rücknahme aller gegen Teemana gerichteten Verfügungen.“

Diese Stellungnahme kommt allen bekannt vor, die frühere Äußerungen von Dr. Hirt kennen. Der Anamed-Vorsitzende weicht keinen Millimeter von seinem bisherigen Kurs ab, und es ist ein Konfrontationskurs. Am 8. Dezember endet die Frist für eine Beschwerde am Verwaltungsgericht. Kommt dann der große Knall? Oder erst später?

Die Freunde des Heilkrauts Artemisia wollen die Schlappe nicht hinnehmen, die sie vor dem Verwaltungsgericht erlitten haben. Dr. Hans-Martin Hirt, Apotheker und Vorsitzender des Winnender Vereins Anamed, droht dem Landratsamt damit, dass er Beschwerde einlegt gegen das Urteil des Verwaltungsgerichts und dass er im Hauptverfahren „mit größter Anstrengung“ eine Klage betreibe.

Am 1. Dezember hatte noch ein gütliches Gespräch im Landratsamt stattgefunden, über das die Beteiligten

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