Winnenden

Imagepflege statt Kaufrausch: Marketing-Aktion lockt jüngeres Publikum zum Schlendern nach Winnenden

Sommeraktion
Julia Doubrawa als Singer-Songwriterin auf der Marktstraße. Etwa alle 20 Minuten wechselte sie den Platz. © ALEXANDRA PALMIZI

Das ist schon eine Gratwanderung, die das Stadtmarketing mit seiner neuen Aktion „Sommerbrise“ nun bis zu den Ferien alle 14 Tage dienstags macht: Es will mit besonderen Imbisswagen und umherwandernden Straßenmusikern Leute in die Stadt locken, aber bitte keine Menschenmassen. Nirgends sollen sich die Grüppchen ballen. Das Coronavirus ist durch die britische Mutante viel ansteckender geworden, vielleicht fängt auch schon die indische Variante an zu kursieren. Und mit 117 Covid-19-Infizierten, hochgerechnet auf 100 000 Einwohner, führte Winnenden am Dienstag noch immer die unrühmliche „Hitliste“ im Kreis an. Die Gründe bleiben der Stadtverwaltung ein Rätsel. Im Rems-Murr-Kreis ist die Gesamtbelastung (trotzdem) weiter gesunken (Dienstag: 26), und diese Inzidenz, glücklicherweise, ist die maßgebliche Zahl auch für Winnenden, seine Betriebe und Besucher.

Betreiber der Bar „Amis“ und der Foodtrucks sind auch unter 30 Jahre alt 

Aus dieser Konstellation heraus ist der noch verhaltene Besuch der Innenstadt am Dienstagabend, 15. Juni, zu erklären, aber auch zu begrüßen. Auffallend viele jüngere Leute unter 30, auch mit Kindern, flanierten durch die Stadt, holten sich ein Eis oder probierten die auf hip und nobel gemachten Burritos und Sommer-Bowls vom nett mit den Gästen plaudernden ebenfalls jungen Team von „What the food“. Gut geschmeckt hat das Essen obendrein. Je später der warme Abend, desto voller wurden auch die Terrassen der Außengastronomie. Timm Hettich, Geschäftsführer des Vereins Attraktives Winnenden, berichtet am Tag danach, dass die zuvor kritisch eingestellten Gastronomen sich nun positiv, ja begeistert über die Aktion gezeigt hätten. „Manche wollen beim nächsten Mal am 29. Juni selbst noch mehr anbieten“, so Hettich.

Mit den Foodtruck-Leuten hatte er vereinbart, dass sie keinen Alkohol ausschenken. Der sollte den stationären Gastronomen vorbehalten sein, bei denen auch die Abstände gewahrt werden. Und so landete mancher, der schon lange nicht mehr im Städtle bummeln konnte, vielleicht auch im neu gestalteten Eiscafé Venezia, wo die Fußballspiele der Europameisterschaft gezeigt wurden, oder bei den „Amis“ (zu deutsch: Freunde), der Bar junger Gastro-Newcomer an der unteren Marktstraße. „Bei uns war die Nachfrage so hoch, ob man nicht auch Fußball gucken könne, da haben wir dann halt technisch alles möglich gemacht“, sagt Amel Ademi. In den Monaten des Lockdowns hat er im Callcenter der Kassenärztlichen Vereinigung Impftermine vermittelt, somit seinen Beitrag zur raschen Immunisierung der Mitmenschen wahrlich geleistet, und steht auch selbst bereits kurz vor der zweiten Impfung. „Es war eine spaßlose Zeit, jetzt können wir hoffentlich endlich durchstarten. Viele Gäste, die uns vom Oktober her noch kennen, sind jedenfalls wiedergekommen, scheinbar hat es ihnen gefallen“, sagt Amel Ademi.

Nur wenige haben ihre Öffnungszeiten verlängert

Zwei Kleiderläden, die Apotheke am Kronenplatz, Osiander-Bücher und die Parfümerie Kurz haben länger offen als andere Geschäfte im Bereich um den Torturm, an der oberen Marktstraße sind es Domenica-Moden, Schuh-Grotz und Brothers – den großen Kaufrausch erleben sie alle nicht an dem Abend. Aber sie registrieren, dass sie wahrgenommen werden von den Bummelnden, dass die Schaufenster eingehender betrachtet werden als sonst und dass unter den bekannten Gesichtern auch einige neue sind. Sie lobe nicht oft, sagte Elfy Kurz zu Timm Hettich am Mittwochvormittag, aber das sei eine belebende Aktion gewesen.

Zur luftig-lockeren Laune trugen auch die Musikerinnen bei, Jiska und Tom deutlich vernehmbar und dennoch dezent, weil sie Verstärker, Mikrofon und E-Gitarren mit sich herumkarrten, immer auf der Suche nach einem Stromanschluss. Unplugged und allein trat Julia Doubrawa als Straßenmusikerin auf, bekannt vom Kunsttreff am Marktbrunnen, inzwischen auch Mitarbeiterin der Stadtverwaltung. Das angekündigte Bläsertrio war nicht zu hören, laut Jonathan Tropea vom Kulturamt wird es aber an den Juli-Dienstagen (13. und 27.) dabei sein.

Timm Hettich will indes sein Konzept flexibel an die Corona-Realität anpassen. „Wenn sich die Lage positiv entwickelt, können wir mehr Musik und mehr Stände in die Stadt holen. Vor der Kreissparkasse steht am 29. Juni jedenfalls noch ein vierter Foodtruck“, kündigt er an. „In die Werbung können wir dann auch größer einsteigen.“

Und nicht zu vergessen: Kurz danach, am Sonntag, 4. Juli, macht der Verein Attraktives Winnenden den verschobenen „Wonnetag“, plant einen großen Kunsthandwerker- und Pflanzenmarkt in der Innenstadt, um die verkaufsoffenen Geschäfte zu unterstützen. Da ist das Ziel dann tatsächlich, dass weitaus mehr Leute als am Dienstagabend mit gefüllten Einkaufstaschen am Arm durch die Stadt schlendern.

Das ist schon eine Gratwanderung, die das Stadtmarketing mit seiner neuen Aktion „Sommerbrise“ nun bis zu den Ferien alle 14 Tage dienstags macht: Es will mit besonderen Imbisswagen und umherwandernden Straßenmusikern Leute in die Stadt locken, aber bitte keine Menschenmassen. Nirgends sollen sich die Grüppchen ballen. Das Coronavirus ist durch die britische Mutante viel ansteckender geworden, vielleicht fängt auch schon die indische Variante an zu kursieren. Und mit 117

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