Winnenden

Impfung ab 12 Jahren? Winnender Kinderarzt ist skeptisch

Kinder Impfen
Impfen gegen Covid-19 für Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren – bringt's das wirklich? © Benjamin Büttner

Bei ihrem neuerlichen Impfgipfel haben es Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsident/-innen beschlossen: Wenn die europäische Arzneimittelbehörde Biontech für Kinder ab zwölf Jahren zulässt, können auch sie gegen die Krankheit Covid-19 geimpft werden. Kritiker halten dagegen: Mit was denn? Es ist bis mindestens Mitte Juni noch immer viel zu wenig Impfstoff da, um die Erwachsenen zu versorgen, die sich schützen und ein Stück Freiheit zurückzugewinnen wollen. Kritik an der Entscheidung ist aber auch aus anderen Gründen angebracht, wie ein Winnender Kinderarzt* auf Nachfrage unserer Zeitung am Telefon erläutert.

„Meine Patienten sind bis 17 Jahre alt, sobald sie 18 sind, muss ich sie rausschmeißen“, sagt der Doktor lachend. „Mit Biontech habe auch ich schon über 16-Jährige geimpft“, berichtet er. Weil sie eine Risikoerkrankung wie Diabetes haben, auch bei Asthma würde der Winnender Kinderarzt eine Impfung in Erwägung ziehen. Und wer aktiv und ehrenamtlich in der Kinder- und Jugendarbeit engagiert ist, darf seit 17. Mai auch sein Glück in der Terminlotterie versuchen. Diese Gruppe ist in der Priorität nach oben gerutscht. Ergibt das Sinn?

Krankheit setzt Kinder und Jugendliche in der Regel nicht tödlichen Risiken aus

„Bei den meisten jungen Leuten und zumal den unter 16-Jährigen ist das nicht erforderlich, da stimme ich mit meinen Kollegen überein“, sagt der Winnender Arzt. Sie haben sich schon vor dem jüngsten Impfgipfel gegen Gesundheitsminister Jens Spahns Vorstoß gewandt. Der Winnender sagt ganz sachlich und nüchtern, dass eine Impfung das Erkrankungsrisiko reduzieren soll. Das ist ihre Daseinsberechtigung. Bei Kindern und Jugendlichen jedoch kann man auch nach anderthalb Jahren, in denen das neuartige Sars-CoV-2-Virus sein Unwesen treibt, nur bei schwer vorerkrankten Kindern ernsthafte Risiken erkennen. Des Winnenders Fazit daher: „Bei 12- bis 16-jährigen, normal gesunden Jugendlichen, würde ich mir eine Impfung gut überlegen.“

Zu wenig erforscht bei Kindern: Schwere Nebenwirkungen

Es gilt nämlich abzuwägen: Welche Nebenwirkungen treten bei diesen jungen Menschen auf? Das ist, so sagte es auch ein Experte in den ZDF-Fernsehnachrichten am Donnerstag, noch viel zu wenig erforscht und bekannt. Und: „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen. Auf sie wirken die Stoffe womöglich anders.“

Der Winnender wiederum nennt eine erste alarmierende Meldung aus Israel, das Land ist mit dem Impfen ja schon viel weiter als wir. Dort löste der mRNA-Stoff bei manchen juvenilen Männern eine Myokarditis aus, also eine Herzmuskelentzündung. Das Internet sagt dazu, dass sie ausheilen kann, wenn man sich körperlich komplett schont. Tut man das nicht, zum Beispiel, weil man die Entzündung nicht bemerkt, kann eine chronische Herzschwäche daraus werden, im schlimmsten Fall ereilt einen der plötzliche Herztod. Der Winnender Doktor erinnert außerdem an die Schweinegrippe-Impfstoffe von 2009, einer löste beispielsweise Narkolepsie bei Kindern aus.

Daher fährt er in der Winnender Praxis einen klaren Kurs und wartet mindestens den Rat der Ständigen Impfkommission ab: „Erst, wenn die Impfung eindeutig empfohlen wird, impfe ich. Kinder jetzt vorzuziehen, bringt nichts. Ein Erwachsener hat viel mehr vom Impfen.“ Wer als Lehrer oder Erzieher wollte, der kam bereits zum Zuge, und das sei zweifellos wichtiger, als bis Sommerferienende ein paar wenige Kinder mit dem Stoff zu immunisieren. Denn dass die Schulen und Kindergärten schnell, umfänglich und dauerhaft wieder öffnen, hält der Doktor für das Allerallerwichtigste. „Es belastet Kinder enorm, wenn sie so lange nicht in diese Einrichtungen gehen können. Sie werden psychischen Risiken ausgesetzt, und das sind nun mal richtige Corona-Kollateralschäden.“

Soziale Vereinsamung, Sprachprobleme und Internetsucht

In seine Praxis kommen auffällig mehr junge Patienten mit Depressionen oder mit Tick-Störungen. „Viele sitzen den ganzen Tag nur vor dem PC. Morgens beim Home-Schooling, nachmittags spielen sie drei Stunden. Und abends schauen sie womöglich noch Fernsehen“, schildert der Arzt eine unheilvolle Fixierung auf den Bildschirm. Internetsucht gab es früher schon, aber nun wird die Gefahr durch die Schule noch viel größer. „Der Zugang zu einem Therapieplatz war noch nie leicht, jetzt ist er noch viel schwerer“, sagt der Winnender. Glücklich schätzen dürfen sich daher diejenigen, bei denen sich die Krankheiten mit Abklingen der Pandemie von selbst verdünnisieren. Man wird sehen.

Auch nicht zu unterschätzen: die soziale Vereinsamung. „Manche Jugendliche scheren sich zwar nicht um Kontaktverbote, gehen trotzdem raus und treffen ihre Freunde. Aber was ist mit den anderen, die brav sind und zu Hause bleiben?“ Und betrachtet man Kindergartenkinder und Grundschüler, die durch den Besuch der Einrichtung erst Deutsch lernen, zu Hause aber nur die Muttersprache der Eltern sprechen, dann ist diese Gruppe doppelt abgehängt.

*Es gibt nur zwei Kinderarztpraxen in Winnenden, doch es gibt einen Grund, warum unser Gesprächspartner nicht namentlich genannt werden will. Er möchte seine Zeit den Patienten und ihren Problemen widmen und sie nicht mit Gesprächen über den Artikel verbraten. Darum wünschte er sich, sozusagen halbanonym zu bleiben.

Bei ihrem neuerlichen Impfgipfel haben es Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsident/-innen beschlossen: Wenn die europäische Arzneimittelbehörde Biontech für Kinder ab zwölf Jahren zulässt, können auch sie gegen die Krankheit Covid-19 geimpft werden. Kritiker halten dagegen: Mit was denn? Es ist bis mindestens Mitte Juni noch immer viel zu wenig Impfstoff da, um die Erwachsenen zu versorgen, die sich schützen und ein Stück Freiheit zurückzugewinnen wollen. Kritik an der Entscheidung

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