Winnenden

In der Fußgängerzone Winnenden: Eine fiese, fast unsichtbare Stolperfalle

Stolperfalle
Die Kante zwischen dem locker, in Rundbögen und teils mit zersplitterten Steinen verlegten Pflaster des Marktplatzes und dem geraden, ebenen Belag der Marktstraße ist nach Aussagen von Beobachtern eine kaum sichtbare Stolperfalle. © Benjamin Büttner

Vor sechs Jahren hat die Stadt den Belag der Marktstraße fußgängerfreundlich gestaltet, mit Blindenleitstreifen und ansonsten topfeben, dennoch optisch ansprechend. Nur der Marktplatz, der blieb so, wie er war. Mit den zerbröselnden Porphyrsteinen, die in großen Abständen zueinander verlegt sind. Genau am Übergang zwischen Alt und Neu, zwischen dem Lokal „Fachwerk“ und dem Alten Rathaus, ist nun offenbar eine fast unsichtbare und daher fiese Stolperfalle entstanden.

Stadt spricht von wöchentlicher Untersuchung des Marktplatzbelags

Ein Bürger, der vom Caféstuhl aus das Geschehen auf der Marktstraße beobachtet, hat unsere Zeitung darauf aufmerksam gemacht. „Ich sitze hier regelmäßig – und sehe die Leute hinfallen“, sagt der Winnender. Am 6. September schlug sich ein junger Mann in Flip-Flops die Zehen an der Kante an und humpelte am Cafégast vorbei. Am 8. September fiel ein kleines Kind hin. „Im Juli 2021 aber haute es eine ältere Frau richtig hin, sie fiel vornüber, blutete zwar nicht, saß aber noch eine ganze Weile verdattert da.“ Der Gast teilte daraufhin dem Gemeindevollzugsdienst mit, dass hier eine gefährliche Stelle ausgebessert werden müsse, doch geschehen sei nichts, meint der Mann, der sich an noch einen Vorfall erinnert: „Im Herbst 2021 ist ebenfalls eine Fußgängerin gestürzt.“

Die Pressesprecherin der Stadt, Franziska Götz, bespricht den Hinweis unserer Zeitung mit dem Bauamt und dem Gemeindevollzugsdienst. „Frühere Hinweise auf eine Stolperstelle oder Stürze in diesem Bereich sind nicht bekannt.“ Der Gemeindevollzugsdienst mache „wöchentliche Kontrollen am Marktplatz, wobei die Gegebenheiten auch in Bildern festgehalten werden“. Dabei hätten die Kollegen keine Stolperstelle festgestellt.

Zugegeben: Rein optisch ist die Kante völlig unauffällig. Ein Stück weiter vorne ist zwar eine Vertiefung, weil der Porphyrstein in der Mitte durchgebrochen ist. Aber die minimale Kuhle, die flache Kante und die großen Abstände zwischen den Steinen reichen offenbar aus, dass Schuhspitzen unvermittelt an ihr hängen bleiben und dadurch junge Menschen ins Straucheln und Kinder und Alte zum Fallen kommen.

Trottwar-Verkäufer berichtet von einem Sturz mit Kopfverletzung

Das bestätigt Trottwar-Verkäufer Martin Kikiny, der donnerstags zwei Schritte von besagter Stelle entfernt steht. „Ich habe schon Leute beim Fallen gesehen. Da ist auch schon der Krankenwagen gekommen, weil eine Frau auf den Kopf gefallen ist.“ Er hat festgestellt, dass gerade Ältere mit Rollator durch das Gestell nicht sehen, was vor ihnen auf dem Boden ist.

Nach der zweiten Nachfrage der Zeitung mit unserem Foto meldet die Stadtpressesprecherin, dass das Stadtbauamt die Stelle „mit Fugensand auffüllen lassen wird“. Für den Hinweis der Winnender Zeitung bedankt sich Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth und verspricht, dass an der Stolperstelle „nun zügig nachgearbeitet wird“.

Und wie sieht es mit einem größeren Wurf aus? „Eine bauliche Änderung des Belages vom Marktplatz ist nicht angedacht und war auch nicht beim Umbau der Marktstraße vorgesehen“, schreibt Franziska Götz. Sie hat dazu auch Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth befragt. Dieser sagt: „Lediglich der Blindenleitstreifen wurde durchgängig gemacht. Das war ein bewusster städtebaulicher Kompromiss, der auf Dauer angelegt war.“ Damit sei auch klar gewesen, „dass die Pflasterfugen regelmäßig gepflegt und unterhalten werden, nicht nur zur Verkehrssicherung, sondern auch aus optischen Gründen“. Der Erhalt des rot-braunen Porphyr-Pflasters auf dem zentralen Platz sei so mit Gemeinderat, Seniorenrat und Arbeitskreis für Behinderte und in der Mobilität eingeschränkte Menschen „bewusst entschieden“ worden.

Angelika Bochnig hofft auf konsequente Meldungen bei der Stadt

Zufällig treffen wir am 8. September auch Angelika Bochnig auf dem Markt, die sich in ebenjenem Arbeitskreis engagiert und selbst auf einen Elektrorollstuhl angewiesen ist. Die Schilderungen des Trottwar-Verkäufers und des Cafégasts wundern sie nicht. „Wir haben auf dem Marktplatz und in den Seitenstraßen, sogar in der Marienstraße bei der katholischen Kirche ganz viele Steine, die hochstehen oder fehlen. Auch in der Schlossstraße kam es zu Stürzen.“

Eine Ladeninhaberin helfe dann den Verletzten und rufe einen Krankenwagen. „Leider meldet es offenbar keiner der Betroffenen der Stadt“, mutmaßt Angelika Bochnig. Sie vom Arbeitskreis werde hingegen angerufen, wenn eine gefährliche Stelle erkannt wird. „Ich gebe es natürlich dann weiter ans Stadtbauamt.“ Sie ist schon lange für die Verbesserung des Belags der Seitenstraßen mit ihrem historisch anmutenden Pflaster, das per se eine Sturzgefahr darstellt.

Marie-Christine Sammet meidet wegen der Sturzgefahr den Marktplatz

An ihrem Crêpes-Stand vor dem Drogeriemarkt bestätigt auch FWV-Gemeinderätin Marie-Christine Sammet die gewonnenen Eindrücke, dass in der Stadt noch zu viele unnötige Stolperstellen existieren. „Rund um den Marktbrunnen laufe ich erst gar nicht, weil der Boden nicht gut ist“, sagt sie. Von einer Winnender Geschäftsfrau weiß sie außerdem, dass sie gestürzt sei. „Ich selbst renne viel und stolpere viel - kürzlich bin ich auf einem nassen Schachtdeckel in der Torstraße ausgerutscht“, erzählt Sammet. Dafür kann natürlich niemand was, aber sie muss deshalb an der Schulter operiert werden in nächster Zeit.

Als Gemeinderätin ist Marie-Christine Sammet absolut dafür, dass überall der neue Belag ohne große Fugen und kleine Kanten verlegt wird. Seit Jahren wird dies von vielen Fraktionen gefordert. „Vor allem ärgert mich, dass zwischen Tor- und Marktstraße drei Wochen im Sommer Baustelle war und jetzt die Straße wieder aufgemacht wird. Das kostet doch alles doppelt Geld.“ Vergangene Woche war dort tief gegraben worden. Ob gleich im Anschluss zumindest für den aufgerissenen Bereich neue, ebene Steine verlegt werden, fragte unsere Zeitung bei der Stadt nach. Die Antwort dazu bleibt die Stadt schuldig.

Im Archiv der Winnender Zeitung finden sich zwei Begründungen, warum das Pflaster bislang auch nicht aus den Seitenstraßen verschwunden ist. Zunächst wurden Senioren, Gemeinderäte und Arbeitskreis-Aktivisten gebeten, das Heimattagejahr 2019 abzuwarten. Doch dann machte der damals noch lebende Bauamtsleiter Klaus Hägele den Personalmangel im Bauamt dafür verantwortlich, dass es nicht vorangehe (Bericht vom 4.12.2019), dann wurde im Haushaltsplanentwurf 2020 die Planungsrate in Höhe von 110 000 Euro gestrichen mit Blick auf viele andere dringende Projekte. Die Stadt habe für die Sanierung der Seitenstraßen kein Geld (Bericht vom 19.12.2019).

Info

Wer einen Sturz oder Stolperer aufgrund einer gefährlichen Stelle melden will, wende sich am besten unter der E-Mail-Adresse Stadtbauamt@winnenden.de ans Bauamt. Telefonisch können Meldungen an die für den Straßenunterhalt zuständige Mitarbeiterin des Stadtbauamts, Marlene Wirth, unter 0 71 95/1 32 62 erfolgen. Wichtig laut Pressesprecherin Franziska Götz: „Um die Auffindbarkeit der Stelle zu gewährleisten, sind eine möglichst präzise Beschreibung oder ein Foto äußerst hilfreich.“

Vor sechs Jahren hat die Stadt den Belag der Marktstraße fußgängerfreundlich gestaltet, mit Blindenleitstreifen und ansonsten topfeben, dennoch optisch ansprechend. Nur der Marktplatz, der blieb so, wie er war. Mit den zerbröselnden Porphyrsteinen, die in großen Abständen zueinander verlegt sind. Genau am Übergang zwischen Alt und Neu, zwischen dem Lokal „Fachwerk“ und dem Alten Rathaus, ist nun offenbar eine fast unsichtbare und daher fiese Stolperfalle entstanden.

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