Winnenden

In dieser Winnender Unterführung verleitet Rätselhaftes zum Stehenbleiben

Kunst Unterführung
Im Schaufenster der Kronenplatz-Unterführung stellt gerade Waltraud Kaiser ihre Werke auf. © Gabriel Habermann

Kunst zwischen Lasagne, Zen und einem Mund-Nasen-Schutz aus Blütenblättern - die neunte Auflage der „Kunst im Offspace“ in der Galerie in der Kronenplatz-Unterführung hält kuriose Ideen und kreative Launen bereit. Die elf Künstler/-innen des Kunstsalons haben zum zweiten Mal in diesem Jahr ihre Schaufenster neu bestückt. Wir waren beim Aufbau dabei. Ab sofort ist die Kunst 24 Stunden am Tag für den Betrachter da - Eintritt frei.

„Zwischen da-zwischen“, so nennt Anne Eßlinger ihr Triptychon, das die Flüchtlingsbewegung thematisiert. Ein Flügelaltar, auf dem sie drei Welten vor dem Betrachter aufklappt: Rechts spannt sich eine Brücke über die hoch technisierte Zivilisation, ein Brückenschlag zum Fortschritt, in unsere Welt. Links die stilisierte und in monochrome, düstere Farbtöne umgesetzte Luftaufnahme einer zerstörten Stadt in Syrien. Der Mittelteil symbolisiert den Übergang: „Ich hatte das Bild vom Bündel im Kopf, in dem das ganze Hab und Gut am Stock transportiert wird“, erzählt die Künstlerin. Wie früher der Wandersmann die wichtigsten Dinge dort verstaute, mit so wenig kommen die Flüchtlinge in Europa an, so Anne Eßlinger. „Viele sind aber noch nicht angekommen, sie hängen in der Luft wie das Bündel, in einer Welt dazwischen.“

Alfons Koller und seine Freude über Reaktionen

Ein Leben zwischen den Welten führte wohl auch der Dichter und Poet François Villon, der eine Zeit lang wie ein Landstreicher umherzog. Von ihm stammen die Zeilen „Vor vollen Schüsseln muss ich Hungers sterben, am heißen Ofen frier’ ich mich zu Tod’“, die der Konzeptkünstler Alfons Koller zu seiner Installation aus Lasagneblättern und Tusche angeregt haben. Moment! Wie jetzt? Lasagne?? „Ich habe den Nudelteig von hinten mit Tusche bemalt und auf Papier aufgeklebt. Durch die Herangehensweise entsteht eine Krümmung des Teigs, der im ungekochten Zustand trotz Wölbung nicht zerbricht und zerbröselt, sondern eine dreidimensionale Tiefe bekommt. „Durch die 3-D-Optik verändert sich der Blick auf das Objekt beim Vorbeigehen, so wie man auch aus verschiedenen Perspektiven auf Lebensmittel schauen kann“, erklärt Alfons Koller.

„Mit Lebensmitteln thematisiere ich das Leben im positiven Sinne. Es ist ein Material, mit dem sich aber ebenso Gegenpositionen zeigen lassen.“ Zu wenig Essen sei ein Mangel, zu viel Essen könne ebenfalls Ausdruck eines Mangels sein. „Ich stelle gern Fragezeichen in den Raum. Wenn jemand sagt, was ist denn das für ein Scheiß, finde ich das grundsätzlich gar nicht schlecht, denn es zeigt, dass eine Reaktion hervorgerufen wird.“

Elke Lang-Müller: Die Maske verbirgt die Innenseite

Elke Lang-Müller lotet Deutungsebenen der Kunst mit Blumen und Blüten aus. Blühendes bestimmt die Inhalte ihrer Werke, so auch ein vor fünf Jahren entstandenes Selbstporträt, dem sie einen coronagerechten blumigen Mundschutz ins Gesicht gemalt hat. Sag’s durch die Blume: Ein bunter Mund-Nasen-Blütenteppich statt Maske werfe die Frage auf, was inside und was outside ist beim Mundschutztragen. „Man verbirgt sich, trägt aber etwas und zeigt zugleich etwas außen.“ Die Innenseite eines Menschen sei unter der Maske immer weniger sichtbar, das Lächeln fehle außen. „Ein Lächeln sagt alles über das Innenleben eines Menschen aus.“ Zumal in einer Zeit, in der alles durchleuchtet werde durch das Internet, viel Falsches sei dabei. Ihre Blumenmaske stehe für Freundlichkeit, Echtes, auch für das Leben aus Blühen und Verblühen, die unvergängliche Wahrheit, die sich wieder zeigt - „Blumen können ja auch schützen“.

Jaro Benoni stellt den Menschen gefangen im Netz dar

Was den Menschen ausmacht, verschwinde in den Weiten des Internets - dem Gedanken steht der Betrachter vor dem von Jaro Benoni gestalteten Schaufenster gegenüber. „Gefangen im Netz“ heißt die thematisch und figürlich sehr verwickelnde Installation. Ein spinnennetzartig gestaltetes Gewimmel aus Fäden und in ihnen hängende Figuren vor einem Spiegel macht in unendlicher Vervielfältigung den Betrachter zum Teilnehmer am Prozess einer unendlich vernetzten Beliebigkeit. Schöner Schwenk zur Online-Generation: Statt auf einem im Schaufenster ausgelegten Blatt Papier, mit dem andere „Offspace“-Künstler ihre Werke erläutern, verweist Benoni auf eine Webadresse - es gibt kein Entrinnen aus dem Netz.

Erinnerung an Wim Thoelke, oder doch fliegende Drohnen?

Rätselhafte Bildkompositionen bietet der Blick ins Fenster von Markus Hallstein. Ein Bezug zur Leipziger Schule ist in den gegenständlichen und kuriosen Bildideen zu erkennen. Die enigmatischen Bilder erzählen Geschichten, die alles offen lassen. Das angedeutete Dach hinter einem Holzverschlag könnte etwas Architektonisches sein, oder eine Ruine. Was tut der Mann im schweren Schutzanzug, aber ohne Mund- und Gesichtsschutz, im Keller? Hängt da eine Zeltplane über einem Flügel? Und was ist mit diesen Menschen in den Kapseln, die an die Rateshow „Der große Preis“ mit Wim Thoelke denken lassen - fliegen sie davon wie Drohnen? „Potemkinsche Dörfer“ kommen Eva Schwanitz beim Betrachten in den Sinn. Die „Fake“-Frage schwebt als gedankliche Folie hinter den Werken, die alle durch feine Präzision in Technik und Farbauftrag auffallen.

Um Bemerkenswertes, kunstvoll Verfremdetes handelt es sich hier wie dort in den Fenstern: Nadja Schmidt lässt unter dem Titel „Unvollendet 2013 bis 2020“ einige Köpfe, Nasen, Augen scheinbar schwerelos im Raum schweben.

Hier Drucktechnik auf neun Tafeln, dort Fotos auf Büttenpapier

Eva Schwanitz hat in Holzschnitt- und Drucktechniken Winterzweige und kahle Äste auf neun graue Tafeln verteilt. Kontrastierend dazu zwei rote Rechtecke, darauf Dunkelrot auf hellrot bedruckte Blätter wie Herbstlaub verstreut. „Die wenigen Äste und die dazwischen nicht genutzte leere Fläche schaffen Ruhepole in einer Zeit, wo einem Bilder überall um die Ohren und Augen gehauen werden“, sagt sie.

Dorothea Geppert-Beitler ist „Holunder im Wind“ fotografisch und auf Büttenpapier auf der Spur.

Künstlerin ist seit acht Jahren auf dem Weg zur Ikebana-Meisterin

Japan, Reduziertheit, Zen ist das Metier von Waltraud Kaiser, die sich seit acht Jahren zur Ikebana-Meisterin weiterbildet. Für „Offspace“ arbeitet sie mit mehreren Tonelementen, die sie mit einer Walze walzt und ganz roh, ohne Farbkörper oder Glasur, schleift, neu zusammensetzt und bei 1300 Grad brennt. Dazwischen lässt sie Hohlräume frei. „Während des Lockdowns waren wir viel im Außen, jetzt im Herbst geht es wieder mehr nach innen.“

Kunst zwischen Lasagne, Zen und einem Mund-Nasen-Schutz aus Blütenblättern - die neunte Auflage der „Kunst im Offspace“ in der Galerie in der Kronenplatz-Unterführung hält kuriose Ideen und kreative Launen bereit. Die elf Künstler/-innen des Kunstsalons haben zum zweiten Mal in diesem Jahr ihre Schaufenster neu bestückt. Wir waren beim Aufbau dabei. Ab sofort ist die Kunst 24 Stunden am Tag für den Betrachter da - Eintritt frei.

„Zwischen da-zwischen“, so nennt Anne Eßlinger ihr

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