Winnenden

Inflation, Rohstoffknappheit, höhere Löhne: Steigen die Baupreise immer weiter?

Köhlerfabrikareal
Blick auf Keller und Tiefgaragen, die gerade zwischen Schmidgallstraße (rechts) und Palmerstraße (hinten) entstehen. © Gabriel Habermann

Die Baupreise steigen derzeit vom ohnehin beängstigend hohen Niveau immer weiter in ungeahnte Höhen. Wer mit dem Kauf einer Eigentumswohnung liebäugelt, aber noch warten kann, der klappt tendenziell lieber Laptop und Zeitung zu und harrt der Dinge. So war’s am 10. Januar in unserer Zeitung im überregionalen Teil zu lesen. Die Leute hoffen, dass der Peak, die Spitze, erreicht ist und die Preise bald wieder runtergehen. Haben Sie mit dieser Strategie recht? Wir haben Björn Riker gefragt und mit ihm die Gründe für die hohen Baupreise erörtert.

Rückkehr der Preise aufs alte Niveau ist laut Riker nicht in Sicht

In Winnenden lässt Riker Wohnbau und Immobilien mit Sitz in Remshalden derzeit das Projekt „Alte Köhler“ nach den Plänen des Architekturbüros Rommel und Wagenpfeil bauen. Nach der aufwendigen Entsorgung der Altlasten im Boden unter der alten Köhlerfabrik bis April 2021 geht es an der Ecke Schmidgall- und Palmerstraße in der Bahnhofsvorstadt nun sichtbar voran. Die Tiefgaragen und die Kellerräume für die Mehrfamilienhäuser bekommen in den nächsten Tagen ihren Betondeckel.

Ab Februar wächst der Rohbau in die Höhe. „Das wird schneller gehen als das Untergeschoss. Wir verwenden einen in Esslingen produzierten Baustoff: Kalksandsteine“, sagt Björn Riker. „Da habe ich bisher keine Meldung, dass eine Knappheit besteht oder kommt.“ Doch schon, wenn er an die Wärmeverbunddämmung denkt und erst recht an den im Winter 2022/2023 folgenden Innenausbau, muss er von „extrem gestiegenen Preisen“ berichten.

Beim Stahl war man Schwankungen längst gewöhnt, nicht aber bei Stein und Beton. Diese Preise sind in dem Maß gestiegen, wie die Inflation im letzten Quartal raufging, um mehr als fünf Prozent. Es geht noch schlimmer: „Bei Heizung, Sanitär und auch bei Dämmung ist es gerade extrem. Ein Abflachen der Kurve ist nicht in Sicht, geschweige denn, dass die Preise auf Altniveau zurückkehren.“ Björn Riker erhält in manchen Gewerken monatlich neue Preislisten. „Bisweilen können die Handwerker aber trotzdem nicht garantieren, dass sie den Preis vier Wochen lang halten. Da ist es einfach ein Glück, dass wir mit allen Firmen seit langer Zeit zusammenarbeiten. Da muss man einfach miteinander reden und eine gemeinsame Lösung finden.“

Ist die Wohnung verkauft, kann dem Kunden nichts nachberechnet werden

Beispiel: Als die Holzpreise so in den Himmel geschossen waren, sagte Riker zur Zimmerei, die einen Dachstuhl aufrichten sollte, „geteiltes Leid ist halbes Leid“. Schließlich will er, dass seine Partnerbetriebe weiter existieren. Und viele sich so kurzfristig ergebende Mehrkosten kann Riker Wohnbau nicht einfach an seine Kunden weiterreichen. „Wir verkaufen ja zum Festpreis“, sagt der Chef, Vertrag ist Vertrag. Wer vor der Teuerungswelle unterschrieben hat, kann sich so gesehen erleichtert auf die Schulter klopfen. Das geht zulasten des Verkäufers, ist dessen Risiko. Wer jetzt kauft oder wer noch variable Schlussraten vereinbart hat, dessen Preise sind, so gut es geht, bereits an die aktuelle Lage angepasst. „Wir wollen für unsere Firma eine gesunde Marge, die kann auch mal etwas geringer ausfallen“, sagt Björn Riker. „Aber wenn das Budget deutlich überschritten wird, steuern wir am Preis der noch nicht verkauften Wohnungen nach.“

Ehemalige Köhlerfabrik: Hilfsverein hat die Hälfte gekauft

Kleiner Exkurs: Zu den ersten Käufern gehörte der Hilfsverein Rems-Murr für psychisch Kranke. Er bringt im Erdgeschoss des Köhler-Gebäudes an der Palmerstraße ein Büro und eine Praxis unter und darüber von ihm betreute Menschen in zwölf Wohneinheiten. „Durch den Hilfsverein kam das Projekt eigentlich zustande. Er kam auf uns zu, weil mein Vater schon lange an den Verein vermietet.“ Björn Riker und seine Mitarbeiter sind von Anfang an offen damit umgegangen, schrieben es so ins Exposé, wer die direkten Nachbarn der neuen Wohnungsbesitzer sein werden.

War das beim Verkauf ein Problem? Eigentlich nicht, meint Riker. „Es macht doch Winnenden aus, dass man auf verschiedene Typen von Menschen trifft. Wer das nicht kennt oder wen das stört, der ist für den Standort halt nicht der Richtige. Andere Interessenten nehmen Abstand wegen der Baumschule daneben oder der Tankstelle.“ Drei Wohnungen an der Schmidgallstraße jedenfalls sind aktuell noch zu haben, zwei Zwei-Zimmer-Wohnungen und eine Drei-Zimmer-Wohnung.

Fehlt ein wichtiges Teil, können Haus oder Wohnung nicht bezogen werden

Doch wer jetzt gleich noch wissen will, wann die Wohnungen bezugsfertig sein werden, hört derzeit ein tiefes Seufzen von Björn Riker. „Ich hoffe, dass zwischen Sommer und Herbst 2023 die Übergabe sein wird.“ Doch sicher ist er sich da ganz und gar nicht. In etlichen Gewerken gibt es Lieferengpässe, berichtet Björn Riker von seinen vielen Baustellen in der Region: Da fehlen die Profile für eine große Balkontür. Dort zwei Brandschutztüren (Wartezeit acht Monate). Da die Türsprechanlage. Dort der Sicherungsautomat. Da der FI-Schutzschalter. „Die Leute sehen ein fertiges Haus. Aber es kann nicht in Betrieb gehen, weil wichtige Elemente, und seien sie noch so klein, fehlen.“ Einzig bei nicht lieferbaren Treppenstufen aus Holz konnten die Bauleute Provisorien draufschrauben, so dass der Käufer wenigstens einziehen kann.

Omikron könnte demnächst für den Ausfall ganzer Bautrupps sorgen

„Kürzer bauen ist effektiver und lukrativer, ganz klar“, sagt der studierte Bauingenieur Riker, „aber die Qualität soll bei uns nicht leiden. Da schalten wir lieber einen Gang runter, als etwas fertigzuprügeln.“ Beim Faktor Zeit spielt in der Pandemie aber auch der Mensch noch eine entscheidende Rolle, der das Material einbaut. „Was uns in den nächsten Monaten wohl viel mehr beschäftigen wird, sind die hohen Coronazahlen“, sagt Björn Riker. Die schießen bekanntlich gerade noch viel extremer nach oben wie die Preise. „Wenn es die Handwerker erwischt, fallen sie halt zwei Wochen lang aus.“ Oder, es ist niemandem zu wünschen, aber möglich, noch länger.

Die höheren Handwerker-Löhne hält Björn Riker für angemessen

Schließlich sind die Baupreise auch wegen höherer Löhne gestiegen – eine ähnliche Verknappung ist der Grund: Handwerker sind gefragter denn je, die Firmen, sagt Björn Riker, müssen ihre Leute ordentlich bezahlen, wenn sie wollen, dass sie bleiben. Das findet er sogar gut. „Es wäre schön, wenn die Handwerksberufe wieder schick werden wie vor 40, 50 Jahren. Als die jungen Leute erst einmal einen Beruf lernten, dabei sogar noch Geld verdienten. Dann kann man immer noch studieren.“

Björn Riker bedauert, dass er das selbst nicht gemacht hat. Aber bei seinem Praktikum bei einer großen Stuttgarter Baufirma traf er auf lauter Verantwortliche, die über Lehre und Meisterschule in ihre Position gekommen waren. „Die wussten, von was sie reden, die hatten all das auf einer Baustelle schon einmal in den Händen.“ Und mittlerweile gehe es im Bau hochmodern zu, da läuft man mit den digitalen Plänen auf dem Tablet herum. Der Aufschwung des Handwerks, glaubt Riker, „der würde uns allen guttun“.

Die Baupreise steigen derzeit vom ohnehin beängstigend hohen Niveau immer weiter in ungeahnte Höhen. Wer mit dem Kauf einer Eigentumswohnung liebäugelt, aber noch warten kann, der klappt tendenziell lieber Laptop und Zeitung zu und harrt der Dinge. So war’s am 10. Januar in unserer Zeitung im überregionalen Teil zu lesen. Die Leute hoffen, dass der Peak, die Spitze, erreicht ist und die Preise bald wieder runtergehen. Haben Sie mit dieser Strategie recht? Wir haben Björn Riker gefragt und

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