Winnenden

Inklusion im Handwerk: Berufsqualifikation in der Bäckerei

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Brot in allen Varianten, weich oder körnig, herzhaft oder süß: Florian Meyer backt seit über drei Jahren mit. Jetzt kann er sein Können in einer sogenannten Qualifikation, einer Art kleiner Lehre, festigen und in einer Prüfung unter Beweis stellen. © Habermann / ZVW

Schwaikheim. Seit über drei Jahren arbeitet Florian Meyer in der Bäckerei Haag. Jetzt macht er bei einem Projekt des Integrationsfachdienstes und der Handwerkskammer mit. Er macht so eine Art kleine Lehre. Dazu gehören viel praktisches Können und ein bisschen Theorie. Am Schluss gibt’s eine Prüfung. Ein wichtiger Schritt für Menschen mit Behinderung, im Arbeitsmarkt zeigen zu können: Wir wissen und können was.

Video: Qualifikation für Menschen mit Behinderung: Florian Meyer macht eine Art "Lehre" bei der Bäckerei Haag.

Morgens um 2.30 Uhr geht’s rund: Mehl in die Schüsseln, Hefe, Milch, Butter, würzen, kneten, gehen lassen, formen – Florian Meyer ist dabei, seit über drei Jahren. Und für Armin Koch ist er unersetzlich. Vertrauen habe er, sagt der Bäckermeister, der seit 20 Jahren in der Schwaikheimer Bäckerei Haag arbeitet und ausbildet. Er könne sich auf Florian verlassen, sagt er. Jetzt ist Armin Koch für Florian Meyer nicht mehr nur Ansprechpartner und Unterstützung im Arbeitsleben, sondern sogar sein Lehrmeister. Das ist was ganz Besonderes. Und beide, Schüler und Meister, sind sichtlich stolz drauf.

In drei Jahren schon viel gelernt

Nein, Florian Meyer würde es nicht schaffen, eine ganze, vollständige Bäckerlehre mit allem Drum und Dran zu absolvieren. Rechnen ist zum Beispiel nicht so seins – aber ohne Rechnen kommt ein Bäcker einfach nicht zurecht. Und er braucht für alles ein bisschen mehr Zeit. Aber: In den drei Jahren in der Backstube hat Florian Meyer so viel gelernt, sich so viel Wissen angeeignet, dass er wahrlich schon deutlich mehr ist als eine ungelernte Aushilfe. Und er hat Lust und den Ehrgeiz, noch mehr zu lernen. Kann man, fragte sich Gabriele Weiss, Integrationsfachberaterin aus Waiblingen, so viel Lernen, Wissen, Willen und Können nicht auch irgendwie festhalten. Offiziell? Ihre Gespräche mit der Handwerkskammer waren nicht einfach – aber erfolgreich.

„Lehre“ darf man’s halt nicht nennen

Seit dem 1. Oktober macht Florian Meyer eine sogenannte „Qualifizierung“. Das klingt irgendwie steril, aber „Lehre“ darf man’s halt nicht nennen. Dennoch: Er hat einen richtigen Vertrag mit seinem Ausbildungsbetrieb abgeschlossen und bei der Unterschrift war auch die Handwerkskammer mit dabei.

Schwerpunkt liegt auf dem Praktischen

Was Florian Meyer da macht, ist etwas ganz Besonderes. In ganz Baden-Württemberg nehmen an diesem Projekt bislang nur zwei junge Männer teil. Der zweite arbeitet in einer Bäckerei in Göppingen.

Wer eine richtige Lehre macht, dessen Lernstoff ist in mehrere Bausteine unterteilt. Diese Bausteine sind auch Grundlage von Florian Meyers Qualifizierung. Wobei bei ihm der Schwerpunkt auf dem praktischen Tun liegt. Um einige theoretische Grundkenntnisse kommt er allerdings nicht herum.

Prüfung nach sechs Monaten

Schließlich muss er, wenn er einen Teig macht, zum Beispiel auch über Hygiene am Arbeitsplatz Bescheid wissen. Alles, was er lernt, schreibt Florian in sein Berichtsheft. Klebt Fotos dazu, heftet die Rezepte mit ab. Armin Koch hilft, bespricht alles mit ihm und übt wieder und wieder. Da geht manches Mal auch Freizeit drauf, denn während es in der Backstube hoch hergeht, fehlen Zeit und Ruhe.

Sechs Monate hat Florian Meyer für all das Zeit, was er in seinen zwei Bausteinen lernen muss. Dann kommt der Göppinger Bäckermeister nach Schwaikheim und prüft ihn. Gleichzeitig geht Armin Koch nach Göppingen und prüft dort. Und dann? Dann können die beiden jungen Männer sagen, dass sie nicht nur wirklich was können, sondern dass sie das auch schwarz auf weiß haben.

Und wenn alles gut gelaufen ist und sie es sich zutrauen, kommen vielleicht irgendwann die nächsten Bausteine aus der Bäckerlehre dran.


Handwerksbetriebe gesucht

Gabriele Weiss vom Integrationsfachdienst in Waiblingen ist immer auf der Suche nach Betrieben, die bereit sind, Menschen mit Behinderungen zu beschäftigen. Wer solch einen Arbeitsplatz schafft, bekommt vielerlei Unterstützung.

Geeignet sind vor allem Betriebe, bei denen viel mit der Hand gearbeitet wird, etwa Gärtnereien, Bäckereien, Metzgereien, Küchen, auch Bereiche in der Pflege oder Gastronomie eignen sich.

Gabriele Weiss kann sich durchaus auch vorstellen, das Qualifizierungsprojekt auf andere Handwerke auszudehnen. Denn, sagt sie, über die Jahre, die Menschen mit Behinderungen im Betrieb mitarbeiten, lernen sie so viel, dass oftmals dann tatsächlich eine Qualifizierung mit offiziellem Abschlusszeugnis möglich ist.

Gabriele Weiss hat ihr Büro in Waiblingen, Mayenner Straße 8, ) 0 71 51/9 86 13 14.