Winnenden

Investorensuche für den Kronenplatz

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So sieht der Kronenplatz seit dem Abriss von mehreren alten Häusern aus. Unterm Betondach geht’s in die Unterführung. © Sarah Utz
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Regina Munder.

Winnenden. Lange und leidenschaftlich und mit vielen guten Argumenten für und wider haben die Gemeinderäte die Idee diskutiert, am Kronenplatz einen 40 Meter hohen Gebäudeteil zuzulassen, so hoch wie der Turm der Borromäuskirche. Doch die Abstimmung am Ende hätte klarer nicht sein können: 14 Stadträte und der Oberbürgermeister wollten es bei den bisher vorgeschriebenen 24 Metern Maximalhöhe belassen.

Auf dem Kronenplatz soll gebaut werden. Da sich die Stadt das selbst nicht leisten kann, sucht sie private Bauträger. Mit einem „Interessenbekundungsverfahren“. Anfang November 2017 haben vier private Investoren mitgeteilt, wie viel Geld sie für das Grundstück der Stadt am Kronenplatz zu zahlen bereit sind, die Stadt darf ihre Namen und die Summen aber nicht nennen, noch nicht jedenfalls.

Vier Interessenten, fünf Vorschläge

Drei Interessenten gaben ihr Angebot für das vorgegebene Baufenster und die maximal zulässigen Gebäudehöhen ab: 16 Meter, also etwa fünf Geschosse, sind zwischen dem Klinkerbau Kastenschule, dem Gasthaus Steak- und Schnitzelmeisterei (ehemalige Krone) sowie Denn’s Biomarkt (ehemaliges Möbelhaus Schlitter) möglich. Das vorderste Viertel des Baufensters, das direkt an der Ringstraße und quasi gegenüber vom Beginn der Fußgängerzone Marktstraße liegt, darf höher werden, nämlich 24 Meter oder sieben Geschosse.

Einer der vier Interessenten jedoch hat zwei Vorschläge eingereicht – einen, der zu den Vorgaben passt, und einen, der im vorderen Zwickel ein Ausrufezeichen setzt: Er wollte diesen Teil 40 Meter hoch machen, also ungefähr elf Geschosse und damit ungefähr so hoch wie die Beton-Nadel der katholischen Kirche mit ihrem großen Kreuz darauf.

Warnung: Wer sich für 40 Meter entscheidet, kann nicht mehr zurück

Nun ging es um die Frage: Ist diese Idee so gut, dass man erstens die Bauvorgabe ändert und zweitens den anderen drei Investoren aus Fairnessgründen die Möglichkeit gibt, ebenfalls einen zweiten Entwurf anfertigen und einen neuen Preis einreichen zu lassen? „Damit lösen Sie bei diesen Interessenten eine Lawine an Arbeiten und Kosten aus“, warnte Ralf Köder, als Leiter des Amts für Wirtschaftsförderung und Grundstücksverkehr federführend mit dem Verfahren betraut. „Wenn Sie danach sagen, wir wollen doch bei 24 Meter bleiben, könnten uns diese Kosten in Rechnung gestellt werden.“ Dies sagte er, weil Befürworter der höheren Variante wie Stadträtin Nicole Steiger (FDP) gesagt hatten, „wir können uns doch am Ende für den Entwurf entscheiden, der am besten zu unserer Stadt passt“.

Die dringende Bitte von Köder und Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth war daher: „Entscheiden Sie jetzt, ob Sie 40 Meter wollen oder nicht, und bleiben Sie dabei.“ Das Verfahren ist zudem so geartet, dass die Stadt weder eine bestimmte Nutzung vorgeben noch die Entscheidung an der Architektur festmachen kann. Sonst hätte man die Grundstücksbebauung unter entsprechendem Aufwand europaweit ausschreiben müssen. „Uns interessiert in erster Linie der Preis“, sagte Ralf Köder.

Die Stadt hat nur die Möglichkeit, mit demjenigen, der den Zuschlag bekommt, über bestimmte Nutzungen wie Gastronomie im obersten Stock zu reden. Dies hatte Stadtrat Manuel Pflumm (CDU) angeregt. Nun jedoch auf einmal 20 Prozent Sozialwohnungen zu verlangen, wie es Dr. Jürgen Hägele (FDP) einbrachte, geht hingegen nicht nur nachträglich nicht, sondern, siehe Punkt Nutzung, überhaupt nicht.

Das besondere Verfahren ist auch der Grund, warum die vier Entwürfe den Gemeinderäten nur einmal kurz in nichtöffentlicher Sitzung vorgestellt wurden, Ende November. Solange die Interessenten ihre Entwürfe nicht freigeben, darf die Stadt nun mal nichts öffentlich machen.

Als Einziger hat sich Stadtrat Hans-Dieter Baumgärtner (SPD) übrigens der Stimme enthalten. Er hätte sich für die neue Höhe 32 Meter erwärmen wollen. Ratskollegen wie Siegfried Lorek (CDU) und Erich Pfleiderer (FWV) beschieden der Idee null Chance: Das Verfahren dauere dadurch auch unnötig länger, die Rede war von drei bis sechs Monaten. Und für die Investoren lohne sich der teurere Hochhausbrandschutz gar nicht.

Contra

„Arkadien hat ein eigenes Gesicht, das zum Charme der Stadt beiträgt, beim Mehrgenerationenhaus wird es auch mit der Höhe und der Fassade gelingen, dann können wir nicht gleich daneben so einen Fremdkörper hinstellen. Ich will urbanen Charme und Alt mit Neu verbinden.“ Martin Oßwald-Parlow (ALi)

„Die Entwürfe, die vorliegen, bereiten mir keine Sorgen.“ Markus Siegloch (FWV)

„Man kann dort aus verschiedenen Gründen 40 Meter hoch bauen. Aber ich will deshalb keinen Zeitverlust.“ Frank Rommel (CDU)

„So ein großes Gebäude braucht Luft zum Atmen. Die Kastenschule und die Leute an der Bushaltestelle hätten den Turm vor der Nase.“ Richard Fischer (CDU)

„Der Kirchturm ist eine Nadel, dieser Bau wird massiger. Das passt da nicht rein.“ Christoph Mohr (ALi)

„Aus unserer Sicht sind die Proportionen der bisherigen Vorgabe stimmig und ausgewogen.“ Markus Schlecht, Stadtentwicklungsamt


Pro

„40 Meter setzen einen Akzent, und wir wollen einen Frequenzbringer für die untere Marktstraße. Wir können ruhig mutiger sein. Wenn man von Breuningsweiler herunterfährt, sieht man den Torturm und die katholische Kirche. Ein dritter Turm passt gut rein.“ Nicole Steiger (FDP)

„Ich habe mit vielen Leuten darüber diskutiert, die Jungen sind für ein höheres Gebäude.“ Maria Papavramidou (ALi)

„Wir denken zu konservativ. Das wäre ein Meilenstein, der noch 50 Jahre steht und die Wohnungsnot lösen könnte.“ Robin Benz (FDP)

„So ein Turm gefällt mir erst mal nicht. Aber es wird nicht so kommen, dass wir uns für den Bau schämen müssen. Nicht alle können in Einfamilienhäusern wohnen und die Bauflächen sind begrenzt. Dass hier gehobene Wohnungen entstehen, ist nicht schlimm, denn es werden so Wohnungen frei.“ Willi Halder (ALi)

„Wir können ruhig mehr Weitsicht zeigen, Winnenden verträgt ein solches Gebäude an so einer Stelle und die Architektur kann einen Akzent setzen. Dass Hochhäuser schlecht sind, ist in unseren Köpfen. Aber ich habe mich auch woanders für Höhe eingesetzt, auch weil dadurch weniger Grün wegfällt und wir mehr Leute dazugewinnen.“ Erich Pfleiderer (FWV)

„Der Platz ist endlich und hier sehe ich Entwicklungspotenzial, das würde herausragend, stadtbildprägend. Wir sollten nachverdichten und in die Höhe denken.“ Jürgen Hägele (FDP)

„Auch die Marktstraße 1 hat eine eigenwillige Form, in den 70er Jahren hat man alles in Beton gemeißelt. Aber als wir nichtöffentlich den höheren Entwurf sahen, sagten viele: Warum nicht? Der Turm wäre ein Hingucker.“ Uwe Voral (SPD)

„Winnenden hat sich verändert, ist städtischer geworden, auch durch die Bebauung des neuen Kärcher-Areals. Der Turm sieht bestimmt klasse aus. Die Konsequenzen daraus würden mich nun noch interessieren.“ Andreas Herfurth (SPD)

Kommentar von Regina Munder: Gutes Signal

Interessant, dass ein Investoren-Hochhaus an prominenter Stelle die Wohnungsprobleme der unteren Schichten lösen soll. Wer sich dort einen Alterssitz leisten kann, macht eher ein teures Haus frei. Der Gedanke von Robin Benz ist dennoch ein gutes Signal – demnächst entscheidet er mit, wie viele Sozialwohnungen die Stadtbau an der Forchenwaldstraße bauen soll.

Vergleichshöhen

Gemessen ab Geländekante sind dem Stadtentwicklungsamt folgende Gebäudehöhen bekannt:

Kastenschule (Bahnhofstraße 43): etwa 14,7 Meter

Denn’s Biomarkt, Stadtwerke, Tanzakademie Minkov im ehemaligen Schlitter-Möbelhaus (Alfred-Kärcher-Straße 6): 17,5 Meter

Geschenk-Manufaktur und Café Zirbenwald Ecke Alfred-Kärcher- und Ringstraße 32): 9,4 Meter.