Winnenden

Joachim Kienzle: Der Winnender Rentner mit dem Milliardenbudget

Rentenversicherung
Joachim Kienzle. © ALEXANDRA PALMIZI

Joachim Kienzle ist ein Winnender Urgestein, stadtbekannt wegen des Traditions-Haushaltswarengeschäfts Häussermann an der Marktstraße. Seine Tochter Stefanie führt es und ist mittlerweile auch Gesellschafterin, doch er ist noch immer, mit 75, Hauptgesellschafter. Und auch im kirchlichen Kulturkreis, nämlich der Jugendkantorei/Winnender Kantorei, war er als junger Mann gut vernetzt und als Organisator der Auslands- und Inlandskonzertreisen dicke eingebunden. „Und ich war Gründungsmitglied der Metrum Big Band“, sagt Joachim Kienzle schmunzelnd.

Wegen der RAF wusste niemand in Winnenden, wo er arbeitet

Das Musizieren (Cello und Gesang) stand dann aber rasch wegen Bundeswehr und Jurastudium hintenan und ging gar nicht mehr, als er anfing, beim Arbeitgeberverband in Esslingen zu arbeiten. „Das war 1978, es war die heiße Zeit, in der die RAF Hanns-Martin Schleyer entführt und umgebracht hat. Deshalb wusste niemand in Winnenden so genau, was ich eigentlich mache. Um meine Familie zu schützen. Ich war eigentlich nur Schlafgast in Winnenden.“ Joachim Kienzle läuft es heute noch „eiskalt den Rücken runter“, wenn er sich vorstellt, wie Bundeskanzler Helmut Schmidt es ablehnte, Forderungen der Rote Armee Fraktion zu erfüllen. Zwei Tage vor der Entführung hatte Kienzle den Arbeitgeberpräsidenten noch auf einer Konferenz getroffen.

Logischer Schritt vom Arbeitgeberverband ins Ehrenamt bei der Rentenversicherung

Beim Arbeitgeberverband fiel dem Winnender der Schwerpunkt Rentenversicherung zu, und in dieser Rolle kandidierte er vor 40 Jahren erstmals auch für die Selbstverwaltung der Deutschen Rentenversicherung (DRV), also für ein Ehrenamt. „Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände schlagen Kandidaten vor, die sich engagieren wollen und die beruflich alle im weitesten Sinne mit Reha zu tun haben, und die sind dann quasi auch gewählt.“

2011, als er nach 33 Jahren beim Arbeitgeberverband aufgehört hat, wurde er zum Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Rentenversicherung gewählt und blieb es bis heute. Auch das wissen womöglich die wenigsten Winnender.

Der Mann gesteht, ein Workaholic zu sein, will aber 2023 aufhören

Joachim Kienzle arbeitete zwar „nebenher“ noch weiter, „ich bin ein bissle ein Workaholic“, sagt er entschuldigend. Er verdingte sich als Anwalt noch fünf, sechs Jahre in der Beratung großer Firmen mit der an sich unangenehmen Aufgabe „Restrukturierung, also Personalabbau – das ist klar, da bist du nicht everyone’s darling“, sagt er sachlich. In seinem Ehrenamt aber, nichts anderes ist der „Vorstandsvorsitz“, arbeitet er wiederum mit Gewerkschaftsvertretern zusammen, genauer mit einem der hochrangigsten, dem DGB-Vorsitzenden, denn der Rentenversicherungs-Aufsichtsrat ist paritätisch besetzt wie alle anderen Posten.

Die Aufgabe ist alles andere als Däumchendrehen, „als Rentner beschäftigt mich das heftig“, schildert Kienzle: „Im Durchschnitt täglich ein Telefonat, offiziell acht bis zehn Sitzungen im Jahr, inoffiziell viele weitere.“ Er trägt Mitverantwortung für 3800 Beschäftigte, dazu gehören auch neun Rehakliniken mit ihren Mitarbeitern. Das vom Bund zur Verfügung gestellte Haushaltsvolumen beträgt circa 22 Milliarden Euro im Jahr, der zweitgrößte Haushalt nach dem Landesetat.

Er sitzt außerdem noch als Vertreter der Rentenversicherung im Aufsichtsrat der Federseeklinik Bad Buchau und steht dem Aufsichtsrat des Seebads Albeck an der polnischen Grenze vor, an dem die DRV beteiligt ist, „zweimal im Jahr fliege ich nach Berlin und fahre den Rest der Strecke". Dort, wo kurz nach der Wende Birken auf den Balkonen wuchsen, ist nun alles schick, und die Bäderlandschaft ist vom Feinsten, wenngleich im 20-Kilometer-Umkreis der Hund begraben ist.

„Die Mitarbeiter der Rentenversicherung haben nach der Wende eine gigantische Leistung vollbracht, auch wenn es im Osten nicht immer so clever ankam, wir haben denen unser System übergestülpt, das war schon heftig“, zieht Joachim Kienzle Bilanz.

Wofür er persönlich nichts kann, aber ebenfalls als oberster Vertreter bisweilen mitgescholten wird, ist die Rentenerhöhung. „Wenn es eine gibt, dann im Juli, und ihre Berechnung beruht auf Werten aus dem Vorjahr. Das heißt, die hohe Inflation ist bei der Erhöhung 2022 nicht mit berücksichtigt“, gibt er Kritikern ein Stück weit recht. Und er kritisiert selbst: „Die Rentenformel wird immer komplizierter, das ist irrsinnig.“

Neue Aufgabe: Gesund in die Rente

Zu Joachim Kienzles Aufgaben gehört konkret auch, Bau und Sanierung der DRV-Gebäude, Verwaltung und Reha-Kliniken, zu veranlassen und zu begleiten. „Das macht natürlich Spaß, mit anderer Leute Geld zu bauen. Es gab Abende, da kam ich nach Hause und erzählte meiner Frau: ,Brigitte, heute haben wir 30 Millionen Euro verbraten.’“ Bei aller Flapsigkeit, Kienzle betont, dass die Sanierungen durchaus wirtschaftlich sein müssen, aber im Ergebnis auch schön.

„Unsere neueste Aufgabe lautet: Gesund in die Rente“, berichtet Joachim Kienzle von einem Präventionsmodell für die Mitarbeiter mittelständischer Firmen, das ihnen nach Feierabend Rehasport und zum Abschluss ein „Refresher-Wochenende“ bietet. Long Covid beschäftigt die DRV dagegen noch nicht stark, aber ausgeblendet wird die Arbeitsunfähigkeit nach einer Corona-Erkrankung deshalb nicht. „Sie tritt manchmal erst Monate später auf, auch bei Geimpften, und ich habe schon von Fällen im Alter von Mitte 50 gehört, die das Laufen neu lernen mussten.“ Kienzle sagt, die Zahlen seien noch überschaubar, „aber unsere Kliniken sind vorbereitet, und sie erproben Therapiekonzepte“.

Für seine 40 Jahre aktive Ehrenamtstätigkeit in der Selbstverwaltung der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg hat Joachim Kienzle im Juni die Verdienstmedaille verliehen bekommen, die höchste Auszeichnung für besondere Verdienste. Aufhören wird er erst, wenn die Amtszeit abgelaufen ist, in gut einem Jahr, am 30. September 2023.

Joachim Kienzle ist ein Winnender Urgestein, stadtbekannt wegen des Traditions-Haushaltswarengeschäfts Häussermann an der Marktstraße. Seine Tochter Stefanie führt es und ist mittlerweile auch Gesellschafterin, doch er ist noch immer, mit 75, Hauptgesellschafter. Und auch im kirchlichen Kulturkreis, nämlich der Jugendkantorei/Winnender Kantorei, war er als junger Mann gut vernetzt und als Organisator der Auslands- und Inlandskonzertreisen dicke eingebunden. „Und ich war Gründungsmitglied der

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