Winnenden

Junge Frau aus Winnenden tritt und spuckt auf Polizisten - doch der Amtsrichter bestraft sie nicht

Wodka
Eine zerbrochene Wodkaflasche. © Pixabay/Coke42

„Jetzt hast du schwarz auf weiß, wie du dich aufführst, wenn du zu viel gesoffen hast. Das sollte dir eine Lehre sein. Also besser, du denkst vorher darüber nach und passt auf, dass du nicht wieder in eine solche Situation kommst“, gab Richter Armin Blattner am 23. März in seiner väterlich-bodenständigen Art der 20-jährigen Angeklagten mit auf den Weg, nachdem er das Verfahren wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung eingestellt hatte.

Eine Flasche Hugo und reichlich Wodka

Es waren die Folgen eines feuchten und zumindest in der Anfangsphase wohl auch fröhlichen Zechgelages, das am 20. Mai vergangenen Jahres die Angeklagte und ihr Freund in einer Winnender Bushaltestelle miteinander veranstalteten, und das die junge Dame nun im Waiblinger Amtsgericht vor das Richterpult gebracht hatte - übrigens nicht zum ersten Mal, wie ein Blick ins Vorstrafenregister enthüllte, das bereits vier Einträge wegen Diebstahls, Unterschlagung und Falschaussage aufwies. Irgendwann im Laufe dieses verhängnisvollen Abends, bei dem gemeinsam eine Flasche Hugo und reichlich Wodka konsumiert wurden, kippte die Stimmung und es kam zum Streit zwischen dem Paar. Wirklich daran erinnern, um was es ging und was an diesem Abend im Detail abging, könne sie sich nicht mehr, erklärte die Angeklagte dem Richter, eigentlich seien sie und ihr Freund gut miteinander.

Licht ins Dunkel beziehungsweise den Alkoholdunst brachte im Zeugenstuhl dann der Polizeibeamte, der den Vorgang bearbeitet hatte. Er berichtete, dass die Polizei von Anwohnern alarmiert worden sei, weil ein Paar lautstark miteinander stritt, sich beschimpfte und schließlich gegeneinander handgreiflich wurde. Ein Handy sei dabei wohl sogar im Verlauf der Auseinandersetzung zu Bruch gegangen. Als zwei Beamte der Hundestaffel, die gerade einen anderen Einsatz hinter sich hatten, bei der Bushaltestelle eintrafen, an der der Streit über die Bühne ging, gelang es ihnen zunächst nicht, die Situation zu deeskalieren und die junge Frau zu beruhigen. Ihr mussten Handschellen angelegt werden, woraufhin sie eine Beamtin aufs Übelste beschimpfte und ankündigte, dass sie sich selbst umbringen werde. Der schließlich alarmierte Notarzt empfahl, sie zunächst ins Krankenhaus zu bringen und anschließend einem Psychiater vorzustellen, auch deshalb, weil der Freund der Angeklagten erklärte, sie habe schon öfters Suizidabsichten geäußert und sich auch bereits selbst verletzt. Nachdem die junge Frau schließlich beruhigt werden konnte, wurde sie ins Winnender Krankenhaus gebracht.

Der Streit endet in einem Tobsuchtsanfall

Dort wurde bei einer Blutprobe, der sie freiwillig zustimmte, nicht nur eine Blutalkoholkonzentration von 1,7 Promille festgestellt („Das ist recht ordentlich betrunken“, stellte dazu Richter Blattner fest), sondern als man sie darüber informierte, dass es ins Zentrum für Psychiatrie weitergehen sollte, erlitt sie einen neuerlichen Tobsuchtsanfall. Vier Beamte waren notwendig, um ihrer Herr zu werden. Als sie schließlich auf der Behandlungsbahre fixiert werden konnte, trat und spuckte sie in Richtung der Beamten, beleidigte sie aufs Übelste und wünschte ihnen, dass sich ihre Mütter alle an Corona anstecken und daran sterben sollten. Auf Empfehlung des Psychiaters, der sie begutachtete, wurde die junge Frau dann in die Cannstatter Jugendpsychiatrie überstellt.

Dass es für sie jetzt im Amtsgericht ein gutes Ende nahm, hatte dann mehrere Gründe. Zum einen lag es daran, dass sie bereits am 26. Mai eine ausführliche E-Mail ans Polizeirevier Winnenden schrieb, in der sie ihr Verhalten zu erklären versuchte und die Beamten, die sie derart in Atem gehalten und beschimpft hatte, um Entschuldigung bat, so dass die darauf verzichteten, auch noch privatrechtlich gegen die junge Frau vorzugehen. Weiter war die Beamtin der Hundestaffel, die eigentlich über die Vorgänge an der Bushaltestelle als Zeugin hätte befragt werden sollen, krankheitsbedingt nicht erschienen. Sabine Gerner, die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, berichtete über den bisher alles andere als einfachen Lebensweg der jungen Frau durch Wohngruppen und Betreuungseinrichtungen. Sie lebe nun in der Paulinenpflege, begann dort im September eine Ausbildung und erzielte in den zehn Monaten, die seit dem Vorfall vergangen sind, große Fortschritte in ihrem Reifeprozess. In der Paulinenpflege nehme sie zudem regelmäßig an einem sozialen Kompetenztraining teil und werde vom psychologischen Dienst betreut.

Statt Strafe ein Training, das die junge Frau fit fürs Leben machen soll

„Zu mehr hätte ich dich heute auch nicht verurteilen können“, begründete Richter Blattner die Verfahrenseinstellung. Diese Maßnahmen, wandte er sich noch an die Angeklagte, „sind keine Strafe. Sie sind ein Training, das dich für das Leben fit machen soll. Und sie sind gleichzeitig die letzte Chance für dich. Wenn du in zwei Monaten 21 wirst, und du danach noch einmal vor den Richter treten musst, dann wird es für dich womöglich richtig teuer!“

„Jetzt hast du schwarz auf weiß, wie du dich aufführst, wenn du zu viel gesoffen hast. Das sollte dir eine Lehre sein. Also besser, du denkst vorher darüber nach und passt auf, dass du nicht wieder in eine solche Situation kommst“, gab Richter Armin Blattner am 23. März in seiner väterlich-bodenständigen Art der 20-jährigen Angeklagten mit auf den Weg, nachdem er das Verfahren wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Beleidigung eingestellt hatte.

Eine Flasche Hugo und

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