Winnenden

Kärcher erwägt Abschied aus Katalonien

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Die Kärcher-Niederlassung in Katalonien._0
Die Kärcher-Niederlassung in Katalonien. © Kärcher
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Der Winnender Reinigungshersteller Kärcher hat seinen Sitz in Granollers, rund 25 Kilometer nordöstlich von Barcelona. © VLP

Winnenden/Granollers. Etwa 800 der 1400 deutschen Unternehmen in Spanien haben ihren Sitz rund um Barcelona. Von BASF über Bayer, Lidl oder Siemens – bis hin zu Kärcher. Der Winnender Reinigungshersteller erwägt, seinen Sitz aus Granollers bei Barcelona zu verlegen, sollte sich Katalonien unabhängig erklären.

Die Fronten zwischen der katalanischen Regional- und der spanischen Zentralregierung sind verhärtet. Die ersten spanischen Unternehmen wie der Sekt-und Weinhersteller Freixenet oder die Großbank Banco Sabadell haben bereits Konsequenzen gezogen und angekündigt, ihre Firmensitze aus Katalonien zu verlegen.

Kärcher ist in seiner Branche auch in Spanien der Marktführer, sagt Kärchersprecher Frank Schad. Die Vertriebsgesellschaft beschäftigt rund 150 Mitarbeiter in Granollers, Madrid und weiteren fünf Niederlassungen. Eine Produktion hat Kärcher in Spanien nicht.

„Wir sind nicht glücklich über diese Situation!“

„Wir könnten relativ leicht ausweichen“, sagt Schad zu den Überlegungen und betont: „Wir sind nicht glücklich über diese Situation!“ Aber für die Kärchers sei es im Falle einer katalonischen Unabhängigkeit einfach nicht machbar, den spanischen Markt von Katalonien aus zu bearbeiten. Schad räumt ein, dass auch das Unternehmen von der Entwicklung überrollt wurde und sich die Ereignisse in Katalonien überschlagen haben.

Für den Reinigungshersteller ist Spanien zwar ein großer Markt, aber nicht vergleichbar mit den Hauptabsatzgebieten Deutschland, den USA oder Frankreich. Außer in Granollers hat Kärcher Büros in Madrid, Malaga, La Coruna, Sevilla, Vitoria und Palma de Mallorca.

Der wirtschaftsstärkste Raum Spaniens

Für ausländische Investoren war Katalonien aufgrund seiner Wirtschaftskraft interessant. Barcelona ist der wirtschaftsstärkste Raum Spaniens. Das Erstarken der aktuellen Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien speist sich laut der Nachrichtenagentur dpa vor allem aus einem Datum: dem 28. Juni 2010.

Damals kippte das Oberste Gericht Spaniens auf Betreiben der konservativen Volkspartei (PP) ein neues Autonomiestatut für die Region, das 2006 unter der Regierung des sozialistischen Ministerpräsidenten Zapatero vom Parlament in Madrid und von den Katalanen selbst in einer Volksbefragung gebilligt worden war.

Knapp zwei Wochen später kam es zu einer Massendemonstration in Barcelona, an der mehr als eine Million Menschen teilnahmen. Seit Mariano Rajoy und seine PP im Dezember 2011 an die Macht kamen, gab es kaum noch Gespräche der Zentralregierung mit der Region im Nordosten des Landes.

Der katalanische Schlachtruf lautet: „Espanya ens roba!“

Die Menschen im wirtschaftsstarken Katalonien sind vor allem wütend über die Korruptionsskandale der Regierung und wettern, Rajoy und seine Verbündeten verfolgten noch immer die gleichen Ziele wie die Franco-Diktatur. Viele Bürger auf den Straßen geben übereinstimmend an, sie müssten viel zu viel Geld an die „korrupte Regierung“ in Madrid abgeben, was die eigene Jugend in die Perspektivlosigkeit geführt habe.

Schlachtruf: „Espanya ens roba!“ - Spanien raubt uns aus! Die Separatisten glauben, dass ein unabhängiges Katalonien in Europa besser dastünde. Im Januar 2016 wurde Carles Puigdemont als neuer katalanischer Hoffnungsträger zum Chef der Generalitat (Regionalregierung) gewählt.

Als er im Juni 2017 bekanntgab, am 1. Oktober ein Referendum über die Unabhängigkeit abzuhalten, sahen viele Katalanen ihre Stunde gekommen. Bei der Volksbefragung stimmten mehr als 90 Prozent der Teilnehmer für die Trennung. Allerdings hatten nur 43 Prozent der 5,3 Millionen Wahlberechtigten teilgenommen.

Konfrontation mit der Zentralregierung in Madrid

Neuesten Zeitungsberichten zufolge soll die Regionalregierung in Katalonien die derzeitige Konfrontation mit der Zentralregierung in Madrid von langer Hand geplant haben. Die spanische Zeitung „El País“ zitierte am Dienstag aus einem angeblich von der Polizei sichergestellten Dokument, in dem die Allianz von Kataloniens Regierungschef Carles Puigdemont, Junts pel Sí, den Weg seit den letzten Regionalwahlen 2015 bis heute vorgezeichnet hat.

Darin ist unter anderem von einer „politischen und wirtschaftlichen Destabilisierung“ die Rede. Der vorgezeichnete Weg sah unter anderem eine heftige Reaktion der Zentralregierung sowie das Eingreifen der Justiz und der Polizei vor - ähnlich zu dem, was jetzt im Zuge der Volksbefragung auch geschehen ist.

Dies sollte zu einem „demokratischen Konflikt führen, der auf die Unterstützung von einem großen Teil der Bürger zählen kann und der auf eine politische und wirtschaftliche Destabilisierung abzielt, der den Staat letztlich dazu zwingt, Trennungsverhandlungen oder ein Referendum zu akzeptieren“.


Kärcher

  • Kärcher hat im vergangenen Jahr seinen Umsatz auf 2,3 Milliarden Euro gesteigert und verkaufte seine Produkte in 65 Länder. Der Anteil des Exports beträgt rund 85 Prozent. Ende 2016 beschäftigte der Reinigungsgerätehersteller in 65 Ländern weltweit 11 862 Mitarbeiter.