Winnenden

Kärcher trotzt den Krisen

Hartmut_Jenner_02_0
Seit 25 Jahren bei Kärcher und seit 15 Jahren der Chef: Hartmut Jenner. © Ramona Adolf

Winnenden. Kärcher wächst weiter ungebrochen: Mit 2,224 Milliarden Euro hat der Weltmarktführer für Reinigungstechnik im vergangenen Jahr einen neuen Umsatzrekord erzielt. Kärcher-Chef Hartmut Jenner rechnet sogar - trotz der weltweiten Krisen - in diesem Jahr mit einem noch stärkeren Wachstum.

Ein Umsatzplus von 5,1 Prozent verzeichnete Kärcher. Das ist zwar etwas weniger als in den Vorjahren. Hartmut Jenner ist dennoch zufrieden: „Wir liegen im Planungsrahmen. Kärcher ist in den vergangenen sechs Jahren im Durchschnitt um 10 Prozent pro Jahr gewachsen.“

Für den Wermutstropfen hat die schwierige Lage in Russland und die Wirtschaftskrise in Brasilien gesorgt - zwei wichtige Märkte für Kärcher. Russland leidet unter dem Fall der Ölpreise, dem Niedergang des Rubels und dem in der Folge sinkenden Volkseinkommen. Damit fällt derzeit ein möglicher Wachstumsmarkt für Kärcher aus.

„Die Globalisierung ist eine große Hilfe für Kärcher“

Krimkrise, Krieg in der Ostukraine, Börsensturz in China, Griechenland vor der Pleite, Flüchtlingskrise, die angeschlagene Weltkonjunktur: Hartmut Jenner bleibt trotzdem optimistisch. „Wir müssen mit den Krisen leben“, sagt er. „Die Globalisierung des Unternehmens bleibt trotzdem eine große Hilfe.“ 85 Prozent des Umsatzes erwirtschaftet Kärcher inzwischen außerhalb von Deutschland. Das Unternehmen verfügt über 100 Firmen in 60 Ländern. „Wir haben momentan Rücken-, Seiten- und Gegenwind“, sagt Jenner. „In so einer Zeit muss man das Unternehmen mit maßvollem Risiko und natürlich auch mit Fortune steuern.“

Der Umsatz bei Kärcher kommt zur einen Hälfte aus dem Privatkundenbereich und zur anderen Hälfte aus dem Profi-Sektor. Neu hinzu kommen digitale Service-Produkte - ein Bereich, den Kärcher in den kommenden Jahren stärker ausweiten will.

Im vergangenen Jahr kam ein System für das Flottenmanagement von Reinigungsgeräten auf den Markt. Reinigungsfirmen behalten so den Überblick, wo ihre Geräte stehen, wie und wo sie eingesetzt werden. Außerdem wird rechtzeitig angezeigt, wann Verschleißteile ausgetauscht werden müssen. Und der Kärcher-Kundendienst kann sich per Computer auf die Geräte aufschalten und Probleme per Ferndiagnose lösen.

Große Veränderungen sieht Jenner auch im Verkauf der Kärcher-Produkte. Der Online-Handel und der Direktverkauf, etwa in den 600 Kärcher-Centern, werden zunehmen. Klassische Baumärkte stagnieren, der Fachhandel schrumpft. „Unsere große Stärke ist: Wir sind auf allen Kanälen zu Hause“, sagt er. „Das sind gute Zeiten, um näher an den Kunden heranzurücken. Wir sind stark vertriebsorientiert. Bei Kärcher arbeiten 45 Prozent der Mitarbeiter in vertriebsnahen Bereichen.“

Kärcher hat immer mehr Mitarbeiter: 11 333 waren es weltweit zum Jahresende 2015 – ein Plus von rund 200 Personen. In Deutschland arbeiten 4461 Menschen für Kärcher, davon in Winnenden 2609 und in Schwaikheim 257. An den beiden Standorten stieg zusammengerechnet die Zahl der Mitarbeiter um 75. In den Planungen sind weitere Neueinstellungen vorgesehen. „Aber wir werden hier nicht mehr mit der Dynamik wachsen wie in den Vorjahren“, berichtet Jenner.

Eine Milliarde Euro hat Kärcher seit 2009 in Deutschland investiert, davon 400 Millionen Euro in Winnenden und Schwaikheim. Auf dem Gelände der ehemaligen Ziegelei Pfleiderer am Winnender Bahnhof ist ein weiteres Gebäude mit Versuchsräumen und Büros für die Waschtechnik geplant und eine Teststrecke für Kommunal- und Kehrmaschinen. Wenn die Bebauungspläne für das Gelände, das auch nach Leutenbach hineinragt, fertig werden, sind weitere Projekte möglich. „Konkrete Beschlüsse gibt es aber noch nicht“, sagt Jenner.

12,84 Millionen Geräte hat Kärcher im vergangenen Jahr verkauft. Darunter waren zahlreiche neue Produkte: verbesserte Bewässerungspumpen, tropffreie Spritzpistolen oder die sogenannten Full-Control-Hochdruckreiniger. Hier kann der Nutzer über ein Display an der Spritze die Leistung des Reinigers steuern. Denn Holzmöbel vertragen weniger Wasserdruck als eine Steinmauer. 552 aktive Patente hält Kärcher, 55 kamen im vergangenen Jahr hinzu.

Den ersten „Virtual Store“ hat Kärcher ausgerechnet im krisengeschüttelten Moskau errichtet. Hier können Kunden die Produkte am Computer auf ihre Bedürfnisse hin konfigurieren. „Das Geschäft war bereits nach einer Woche profitabel“, freut sich Jenner. „Die Bereitschaft, sich auf diese Dinge einzulassen, ist auf neuen Märkten größer. Deutschland ist nicht immer der Vorreiter.“

Kärcher baut Flüchtlingsunterkünfte

Wie schafft man schnell Unterkünfte für die vielen Flüchtlinge in Deutschland? Eine Antwort hat Kärcher Futuretech in Schwaikheim. Entwickelt wurde die Lösung eigentlich als moderne Feldlager für die Bundeswehr. Die Unterkünfte sind schnell gebaut, sie können autark mit eigener Stromversorgung und eigener Wasseraufbereitung funktionieren. Ein Vorteil, sagt Hartmut Jenner, ist der Preis: Er ist nur halb so hoch wie bei einer festen Bauweise. Außerdem kann das Material anschließend wieder verwertet werden.

Im Landkreis Starnberg werden jetzt schon die Flüchtlingsunterkünfte von Kärcher verwendet. Auch der Rems-Murr-Kreis hat Interesse: In Fellbach wird Kärcher auf dem Gelände des alten Freibades aktiv.