Winnenden

Kärcher-Wahl: Kein klarer Gewinner

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Ein Drohnenbild vom Werksgelände von Kärcher in Winnenden. © Frank Nipkau

Winnenden. Die Mehrheitsverhältnisse im neuen Betriebsrat von Kärcher in Winnenden sind fast so unübersichtlich wie im Bundestag. Gleich fünf verschiedene Listen sind nach der 2018er-Wahl in dem Arbeitnehmergremium vertreten. Die von der IG Metall unterstützte Gruppe errang einen Wahlsieg, der bei näherem Hinsehen womöglich gar keiner ist.

Knapp 2000 Kärcher-Beschäftigte gaben ihre Stimme ab, 21 Betriebsratssitze waren zu vergeben – als klarer Gewinner, der bei der künftigen Gremiumsarbeit unangefochten den Ton angeben wird, darf sich keine der angetretenen Listen fühlen.

Explizit gewerkschaftsnah unter den Bewerbergruppen ist nur die von der IG Metall unterstützte Liste „Blickwinkel“, die im traditionell gewerkschaftsfernen Unternehmen Kärcher 2014 erstmals kandidiert und aus dem Stand sechs von damals 19 zu vergebenden Sitzen geholt hatte – diesmal legte sie noch etwas zu und ergatterte Platz eins im Buhlen um die Wählergunst: 711 Stimmen, rund 36 Prozent; macht acht von 21 Sitzen.

„Blickwinkel“-Team muss auf Bündnisse setzen

Die bei elf Sitzen liegende absolute Mehrheit hat der „Blickwinkel“ damit aber deutlich verfehlt und wird sich bei künftigen Abstimmungen im Gremium Bündnispartner suchen müssen – was nicht leicht werden dürfte angesichts der Ausrichtung der vier anderen im Rat vertretenen Listen. Sollten die sich zusammenschließen, fände sich die IG-Metall-Gruppe genau wie in den vergangenen vier Jahren in der Oppositionsrolle wieder. Insofern dürfte das „Blickwinkel“-Team mit dem Wahlergebnis keinesfalls glücklich sein.

Platz zwei belegte die Liste „Pro!Aktiv“, die sich erstmals zur Wahl stellte und als geschäftsführungsnah gilt – zumindest spricht dafür die personelle Besetzung: Unter den 13 Kandidaten befanden sich acht Gruppenleiter, ein Teamleiter und ein Abteilungsleiter. Im Wahlkampf warb „Pro!Aktiv“ unter anderem mit dem Argument: „Führungskräfte im Betriebsrat bereichern die Vielfalt – aus eigenstem Interesse sind sie darauf fokussiert, dass ihr Team motiviert, gut ausgebildet und zielstrebig ist.“ Mit der IG Metall hat diese Liste nichts am Hut (Wahlkampfzitat: Kärcher solle sich nicht „fremdsteuern“ lassen) und dürfte in der künftigen Betriebsratsarbeit den klaren Gegenpol zum „Blickwinkel“ bilden. „Pro!Aktiv“ kam als Wahl-Debütant gleich auf 451 Stimmen, etwa 23 Prozent; macht fünf von 21 Sitzen.

Betriebsratsvorsitzender Ziegler kandidierte nicht

Stärkste Kraft vor vier Jahren war die Liste um den – ebenfalls erklärtermaßen nicht gewerkschaftsfreundlichen – Betriebsratsvorsitzenden Hans-Jörg Ziegler; sie errang damals neun von 19 Mandaten. Dieses Pfund ist bei der 2018er-Wahl massiv abgeschmolzen. Ziegler selbst kandidierte diesmal gar nicht mehr – und seine einstigen Listenkollegen teilten sich auf in zwei Fraktionen: Die Liste „Souverän, erfolgreich – Kärcher“ um den vormaligen Ziegler-Stellvertreter Stefan Ostermeier kommt auf zwei von 21 Sitzen, die Liste „Mitarbeiter Zukunft gestalten“ um Ex-Ziegler-Mitstreiter Martin Föll auf drei.

Fehlt noch die Liste „Brandheiß“, die in der Vergangenheit bei Abstimmungen im Betriebsrat tendenziell mit dem Ziegler-Block und gegen den IG-Metall-gestützten „Blickwinkel“ votierte: Sie errang vor vier Jahren zwei Sitze und diesmal drei.

Wer wird der neue Vorsitzende

Damit ist vor der konstituierenden Sitzung am 24. April unklar, welche Liste künftig den Betriebsratsvorsitzenden stellen wird: Der „Blickwinkel“ müsste aus den kleineren Fraktionen mindestens drei von acht Leuten auf seine Seite ziehen, um die absolute Mehrheit von elf Stimmen zu erreichen – „Pro!Aktiv“ erringt den Vorsitz im Gremium, wenn es gelingt, mindestens sechs Unterstützer zu finden.

Für beide Szenarien gibt es Argumente: Einerseits steht der „Blickwinkel“ mit seinem klaren Gewerkschafterprofil im Gremium allein da. Andererseits haben die IG-Metall-Gruppe und das vormalige Ziegler-Lager zuletzt im Streit um Versetzungen von Winnender Beschäftigten nach Obersontheim an einem Strang gezogen und die Geschäftsführung einstimmig kritisiert.

Denkbar ist natürlich auch, dass sich künftig im Kärcher-Betriebsrat je nach Thema wechselnde Mehrheiten bilden.