Winnenden

Kampf gegen Alkoholsucht: Warum Winnender Ärzte nicht sofort zu Abstinenz raten

Alkoholsucht
Wer sich mit seinem Alkoholkonsum nicht mehr wohlfühlt, muss nicht komplett verzichten. © Axel Bueckert/stock.adobe.com

Dass zu viel Alkohol schädlich ist, wissen eigentlich alle. Dennoch wird der legalen Droge, die quasi überall verfügbar ist, stark zugesprochen. Und wer nicht aufpasst, der wird süchtig, dessen Konsum ist alles andere als gesund, oft leiden Partner/-in, Kinder und Kollegen darunter. Doch wie kommt man da wieder raus? Wie lässt man die Finger vom gewohnten Feierabendbierchen, wie sagt man nach dem Gläschen Wein mit Freunden in der Kneipe „Stopp“?

„Es ist eigentlich ganz einfach“, sagt Professor Joachim Körkel. Seine erforschte und erfolgreiche Methode, die sich nicht nur für Alkohol, sondern auch Nikotin, Cannabis, Heroin etc. eignet, wendet das Zentrum für Psychiatrie Klinikum Schloss Winnenden nun strukturierter an. Treibende Kraft dafür war laut Chefarzt Dr. Christopher Dedner die Oberärztin Dr. Julia Pach – und er steht voll dahinter: „Wenn wir bis vor ein paar Jahren den Patienten gesagt haben, ,Sie müssen abstinent werden’ – das war in der Suchttherapie ein unverrückbares Dogma –, dann haben viele die Arme verschränkt und gesagt: ,Gar nichts muss ich!’“

Die meisten Alkoholabhängigen schreckt die „Gar-nichts-mehr“-Forderung ab

Bei einem Vortrag für Haus- und Fachärzte, Psychologen von Beratungsstellen sowie Mitarbeiter des Gesundheitsamts stellte Körkel das zehnwöchige Programm vor. Dr. Pach findet es wichtig, dass auch die niedergelassenen Ärzte nach einem Warnsignal wie einem zu hohen Leberwert das Gespräch und gute Tipps anbieten, wohin man sich wenden kann, oder eben auch ans ZfP überweisen. „Sie sollen es offen thematisieren, ohne erhobenen Zeigefinger“, so Julia Pach. Körkel: „Wir freuen uns über jeden, der abstinent wird. Aber wir fordern es nicht von vornherein, dass der Patient gar keinen Alkohol mehr trinken soll.“ Das entspreche laut einer US-Studie auch dem Wunsch der meisten Alkoholabhängigen über 60 Jahre: Sie wollen ihren Konsum reduzieren. Sie wollen wegkommen vom Übermaß, aber dabei sein, wenn man bei einem Geburtstag mit einem Glas Sekt anstößt. 

„Dass nur Abstinenz funktioniert, ist ein Mythos“, sagt der Professor. Die Forschung unter anderem der Institute*, an denen Körkel arbeitet, belegt, dass das Gehirn nicht unwiederbringlich abhängig ist von Drogen, es führt ein Weg zurück, „daher zahlen die Krankenkassen die Verhaltenstherapie“, so Körkel. Zudem wünscht er, dass in der Gesellschaft nicht mehr von „Rückfall“ (gleichbedeutend mit Scheitern und Scham) gesprochen wird. „Man darf sich nicht runterziehen lassen, wenn es nicht gleich klappt.“

Nicht der Therapeut nennt das Ziel, sondern der Patient selbst

Daher musste die Hürde, überhaupt mit einer Veränderung zu beginnen, drastisch gesenkt werden. Doch was ist das Geheimnis des kontrollierten Trinkens?

  • Der Patient schreibt ein Tagebuch, beobachtet sein Trinkverhalten und überlegt sich, was er in der nächsten Woche anders machen will, um sich wohler zu fühlen. „Der Therapeut ist nur der Guide, der Patient der Motor der Veränderung“, sagt Körkel. Beim nächsten Treffen schauen beide, was hat geklappt, was nicht? Und auch, warum.
  • „Gemeinsam analysiert man die Risiken, welche Lebensprobleme zum Trinken geführt haben.“ Außerdem zeigt der anleitende Therapeut auf, mit welchen Tricks man dem Ziel näher kommt.
  • „Trinken Sie vor jedem alkoholischen Getränk ein nicht alkoholisches. Da ist der Magen des größten Bauarbeiters recht rasch voll, so trinkt man automatisch weniger“, sagt der Psychologe.
  • Auch der Wechsel von Hochprozentigem zu Wein oder Bier ist ein Schritt. „Zu dieser Schadensminderung gehört auch, nicht Auto zu fahren, wenn man etwas getrunken hat.“
  • Sich anonyme Hilfe im Internet, bei Gruppen oder Beratungsstellen zu suchen, ist ein Weg.
  • Der Partner zieht mit. Hört ebenfalls nach einem Glas auf oder stupst den Betroffenen an, bevor er übers Ziel hinausschießt.

Dass zu viel Alkohol schädlich ist, wissen eigentlich alle. Dennoch wird der legalen Droge, die quasi überall verfügbar ist, stark zugesprochen. Und wer nicht aufpasst, der wird süchtig, dessen Konsum ist alles andere als gesund, oft leiden Partner/-in, Kinder und Kollegen darunter. Doch wie kommt man da wieder raus? Wie lässt man die Finger vom gewohnten Feierabendbierchen, wie sagt man nach dem Gläschen Wein mit Freunden in der Kneipe „Stopp“?

„Es ist eigentlich ganz einfach“, sagt

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