Winnenden

Klinik ist Vorbild in der Krebstherapie

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Versammelt auf der onkologischen Abteilung, von links: Geschäftsführer Marc Nickel, Landrat Richard Sigel, Gynäkologie-Chef Prof. Hans-Joachim Strittmatter und Onkologie-Chef Prof. Markus Schaich. © Sarah Utz

Winnenden. Das Krankenhaus in Winnenden hat sich einer Großoperation unterzogen. Die Krebsstation und verwandte Bereiche sind jetzt zertifiziert zum Onkologischen Zentrum. Das Klinikum spiele damit in der Bundesliga, höher hinaus könne es nicht gehen, verkünden Chefarzt und Klinikleiter.

Sie kamen für zwei Tage und drehten jeden Stein rum. Die Prüfer fürs Zertifikat ließen sich die Patientenakten kommen, sprachen mit Kranken, überraschten das Personal mit der Frage nach dem Notfallkoffer und fuhren hinaus zu den niedergelassenen Onkologen und Röntgenfachärzten.

Denn: Eines ist klar und das machte jetzt der Chefarzt der Hämatologie, Onkologie und Palliativmedizin Prof. Markus Schaich deutlich: Alle müssen zusammenarbeiten. Dieser Ruf mit Siegel ist nur interdisziplinär und interprofessionell zu erlangen. Es kommt nicht nur auf die Ärzte an, sondern aufs Pflegepersonal, auf die psychologische Betreuung der Patienten mit der schicksalhaften Diagnose Krebs, auf die Ernährungsberaterin und den Kunsttherapeuten.

Winnenden ist eines von 80 zertifizierten Zentren

Das Qualitätssiegel wird verliehen für ein Expertennetzwerk in der Krebsbehandlung. Winnenden ist damit neu eines von 80 Zentren in der Bundesrepublik, das nach festgelegten nationalen und internationalen Standards arbeitet. Höher hinauf können nur Uni-Kliniken.

Der Landrat Richard Sigel freut sich. Sagt, „jetzt müssen die Patienten aus dem Rems-Murr-Kreis nicht mehr aufbrechen durch den Kappelbergtunnel nach Stuttgart und Tübingen“. Das mache ihn stolz. Der Klinikleiter Marc Nickel zieht den Hut vor den Mitarbeitern, denn ein Zertifizierungsprozess bringe für alle Extraanstrengung mit sich. Er erweiterte den Kreis noch. Man könne nun mithalten mit Heilbronn „und durchaus auch München“. Eine „Glanzleistung“ sei’s.

Seit drei Jahren arbeiten Hämatologie, Onkologie und andere Teams, vor allem auch die aus der Gynäkologie, auf dieses Ziel hin. Dass es binnen zwei Jahren erreicht wurde, weise auf die exzellente Arbeit hin, sagt Schaich. Die Zertifizierung ist für ihn vor allem eine Bestätigung für den eingeschlagenen Kurs, sich hohe Standards der Wissenschaft und Behandlungspraxis eigen zu machen. „Wir brauchen uns jetzt nicht mehr zu verstecken.“

50 Prozent können geheilt werden

Ist einmal die Diagnose Krebs gefallen, ist Schaich über das Medizinische hinaus „die psychosoziale Komponente“ wichtig. Er will dem Patienten wieder Freiräume verschaffen in seinem Leben, er soll sich „als Mensch wahrnehmen können“. Nicht als Fall. Seit einem Jahr gibt es ja auch eine ambulante Palliativversorgung im Kreis.

Jeder einzelne Patient wird besprochen in einer Tumorkonferenz. Dies, „um für jeden das bestmögliche Konzept zu entwerfen“.

Die Krebstherapie mache Fortschritte. Über den Daumen gepeilt könnten über 50 Prozent aller Befallenen als geheilt entlassen werden.

Gleichzeitig warnen Gesundheitspolitiker und Pharmakritiker davor, von einem Durchbruch in der Krebstherapie zu sprechen, nur weil jetzt angeblich personalisierte Krebsmittel auf dem Markt sind. Sie sind hochteuer und verlängern das Leben oft nur um Wochen. Bewährte und günstige Medikamente werden dagegen vom Markt genommen.

Die Chemotherapie als Rückrat der Onkologie

Schaich sagt auf Nachfrage, er wisse um den Druck der Industrie. Gerade deshalb sei es ihm wichtig, Anschluss an einen anerkannten Standard zu bekommen. Denn sein Ansatz sei es ja gerade, „sehr, sehr konservativ“ vorzugehen, nach nachprüfbaren Kriterien, das gesamte ärztliche Spektrum abzufragen im Zusammenschluss mit Experten anderswo, dabei den „breiten Konsens“ zu suchen und nicht auf ein Mode-Medikament zu setzen. Die Frage müsse immer sein: „Was ist der nachgewiesene Erfolg, was die Standardtherapie.“ Verspricht das nichts, könne weitergegangen werden zu „experimenteller Therapie“. So bilde gerade in der Onkologie die „altbekannte Chemotherapie“ immer noch das Rückgrat.


Das Zusammenspiel
All diese Stationen und Disziplinen sind beteiligt an der Zertifizierung, machen sie möglich, profitieren aber auch von ihr. Über die Onkologie hinaus Hämatologie, Radiologie, Viszeralchirurgie, Gastroenterolgie mit dem jetzt auch parallel zertifizierten Darmzentrum, die Gynäkologie mit dem Brustzentrum, Labor, Pathologie und die Palliativmedizin.