Winnenden

Kontroverse Debatte über Notaufnahme

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Die Notfallaufnahme am Klinikum Winnenden wird seit Sommer 2016 umgebaut und mit der Notfallpraxis der niedergelassenen Ärzte zusammengelegt. Am 1. Februar wird die gemeinsame Einrichtung eröffnet, die vor allem abends und am Wochenende die Notaufnahme entlasten soll. © Rems-Murr-Kliniken

Winnenden. Eine kontroverse Diskussion hat der Kommentar „Notaufnahme: So geht es nicht weiter“ auf Facebook und auf unserer Online-Seite ausgelöst. Die Beiträge zur Situation in der Notaufnahme des Klinikums Winnenden reichten von Zustimmung – „Der Kommentar trifft voll und ganz zu“ – bis hin zu scharfer Kritik – „Leider ist der Artikel unreflektiert und oberflächlich“.

Die mehr als 100 Beiträge zeigten aber auch, dass das Thema erstens bewegt, dass – zweitens – das Klinikum nicht allein mit seinen Problemen in der Notaufnahme ist. Und drittens: dass hinter der Misere in den Notaufnahmen ein grundsätzliches Problem im Gesundheitswesen steckt. Immer mehr Patienten kommen in die Kliniken, weil sie von den niedergelassenen (Fach-)Ärzten im Stich gelassen werden.

Kirsten Schniepp schrieb auf Facebook: „Ich habe es genauso empfunden, als ich dort war! Sehr gut geschrieben! Ich würde im Moment jede andere Klinik vorziehen als das Rems-Murr-Klinikum Winnenden!“ Markus Diler bestätigt die Eindrücke, die in unserem Kommentar „Notaufaufnahme: So geht es nicht weiter“ beschrieben wurden: „Leider wahr! Beim Fußball verletzt dann rein in die Notaufnahme. Kurz geröntgt. Arzt sagt kleine Prellung. Ergebnis beim Orthopäden: Gelenkkapselriss und Bänderriss. So viel zu kleine Prellung und dafür fünf Stunden warten!“

Marco Bareiß hat gute Erfahrungen im Klinikum gemacht: „Ich wurde Ende November als Notfall eingeliefert. Ich wurde freundlich behandelt, vom Oberarzt nach diversen Untersuchungen ausführlich aufgeklärt, was meinen Gesundheitsstatus angeht. Kann mich absolut nicht beschweren.“ Ivica Brnadic’ Eindrücke aus der Kinderklinik sind positiv: „Wir mussten bis jetzt dreimal nach Winnenden in die Kinderklinik. Mussten nie lange warten, die Ärzte haben sich Zeit genommen für unseren Sohn und haben alle Fragen ausführlich beantwortet. Ein Lob an das Team.“

Auch Christine Raab kann sich nicht über die Kompetenz der Ärzte, Schwestern, Pfleger oder auch des Anmeldepersonals beschweren: „Was ich dort neben wirklich Kranken und Verletzten vorgefunden habe, waren Eltern mit ihren fiebrigen Kindern, Privatpatienten mit unerhörtem Benehmen am Tresen, motzenden Angehörigen, weil der Patient nicht von einer Untersuchung zurückkam, und viele Menschen, die freitags bei ihrem Hausarzt, Orthopäden etc. keinen Termin mehr bekommen haben.“

Diana Kalantidis schrieb: „Also mein Kind und ich wurden durch das Klinikum gerettet! Da ging alles Hand in Hand! Vom RTW bis hin zur Notsectio! Dann erstklassige Behandlung auf der Neonatologie! Ich bin heute noch dankbar! Sonst wäre mein Kind nicht neben mir.“

Fabian Kieser: „Als ich im Rems-Murr-Klinikum war, betrug meine Wartezeit maximal zehn Minuten (entweder lag es an meiner blutenden Schnittwunde oder an meinem Bekanntheitsgrad als Rettungsdienstler). Dennoch ist der Rettungswagen bzw. Krankentransportwagen nicht die richtige Lösung, denn wer laufen kann, für den reicht ein Taxi. Der Rettungsdienst ist kein Taxiunternehmen!“ Die lange Wartezeit komme auch durch die Mentalität der Bürger zustande: „Zum Beispiel Rückenschmerzen seit drei Wochen, und anstatt in diesen drei Wochen zum Hausarzt zu gehen, welcher manche Rückenschmerzen auch ambulant in der Praxis beheben kann, geht man lieber nachts um zwei ins Krankenhaus, bestellt sich im Härtefall noch einen Krankentransportwagen und wartet an der Straßenkreuzung und winkt freudig (wirklich schon erlebt) oder Schnupfen oder Grippe oder oder oder.“

„Die Klinik ist eine Katastrophe“

Stefanie Schmidt indes meint: „Die Klinik ist eine Katastrophe. Es fehlt an Personal.“ Melanie Hambrecht: „Genau so, wie Sie es beschrieben hatten im Zeitungsartikel, ist es mir ergangen. 5,5 Stunden warten, 2,5 Stunden alleine sitzend im Behandlungszimmer und geholfen wurde mir nicht.“

„Stäffelesbauer“ schrieb auf zvw.de zum Kommentar unserer Autors Frank Nipkau: „An dem Tag, an dem Sie eine für sich negative Erfahrung in der Notaufnahme gemacht haben, sind sicher eine Vielzahl von Patienten mit ihrer Behandlung in der Notaufnahme zufrieden gewesen und waren dankbar dafür, dass man ihnen geholfen hat. Nur dass diese zufriedenen Patienten in der Regel eben keine Zeitung als Sprachorgan zur Verfügung haben.“

„Trollinger“ meinte: „Jammern auf hohem Niveau ist dieser Artikel, geschrieben von einem Journalisten und daher subjektiv, schon aus beruflicher Sicht gehalten. Dass es Mängel in den organisatorischen Abläufen gibt, bestreitet niemand, aber das erhöhte Arbeitsvolumen im Hinblick auf den knappen Personalstand, sollte man dabei nicht außer Acht lassen.“

Simsala: „Das Problem ist doch eigentlich nicht (nur) die Notaufnahme, denn im gesamten Klinikum gibt es unsagbar viele Schwierigkeiten. Im Übrigen nicht nur in dieser Klinik, auch in vielen anderen. Und meiner Meinung nach liegt es an unserem Gesundheitssystem, das immer mehr Personal einspart und immer mehr Patienten in immer weniger Zeit behandeln möchte, um bei möglichst geringsten Kosten möglichst immer mehr Geld zu verdienen.“

„Christele“ befand: „Nun ja, Herr Nipkau, so ist das wohl, wenn Wunschvorstellung und Realität im heutigen Gesundheitssystem nicht zueinander passen. Dass dies aber ein generelles Problem in unserem Gesundheitssystem ist und nichts mit den Rems-Murr-Kliniken zu tun hat, sollte Ihnen eigentlich klar sein.“ Der Leser „Interessant“ schrieb: „Meiner Meinung nach kein unabhängiger, eindrucksvoller Bericht. Vielleicht sollten Sie selbst einmal in einer Notaufnahme Tag und Nacht arbeiten ... Also bevor Sie so einen Artikel schreiben, erst mal selbst die Schuhe anziehen. Von außen lässt sich’s gut meckern.“ Der Leser „Nachdenklicher“ gibt zu bedenken: „Wer als Journalist selber betroffen ist, sollte vorsichtig sein.“

„Sunny“ pflichtete dem Autor bei: „Der Kommentar trifft voll und ganz zu. Ich war jetzt leider auch schon einige Male mit Familienmitgliedern in der Notaufnahme in Winnenden. Es macht auch keinen Unterschied mit oder ohne Krankenwagen, man wartet immer.“ „Insider“ entgegnete: „Hallo, wenn Sie nach neun Stunden und einer Magenspiegelung nach Hause gehen konnten, gehören Sie meiner Meinung nach nicht in eine Notaufnahme, sondern zum niedergelassenen Facharzt mit der vielgelobten Überweisung Ihres Hausarztes. Aber hier: nicht neun Stunden, sondern mindestens drei Monate warten auf den Termin bzw. die Behandlung.“

„Mit einem noch so kleinen Wehwehchen in die Notaufnahme“

„Frank“ sieht die Schuld der langen Wartezeiten auch bei den Patienten: „Es wird sich nie was ändern, wenn sich die Patienten nicht ändern. Stundenlange Wartezeiten kommen deshalb zustande, da jeder mit einem noch so kleinen Wehwehchen in die Notaufnahme geht.“

„Ullamue“ arbeitet in der Notaufnahme und ist eigenen Angaben zufolge sprachlos: „Die andere Seite der Geschichte ist, dass uns als Personal jede Menge Patienten tagtäglich erwarten, die so gar nicht in eine Notaufnahme gehören. Keinen Termin beim Facharzt bekommen „Ich dachte, ich komme mal vorbei“, „Sonst muss ich doch arbeiten“, „Sie sind ja sowieso da ...“ – und nein: Nagelpilz oder Beschwerden seit Wochen sind KEIN Notfall. Ein Krankentransport ist auch kein Taxiersatz! Wir erleben viel Ungeduld und Unverständnis, manches Mal auch Aggressivität. Der falsche Ansatz ist es, noch mehr ärztliche und pflegerische Kapazitäten einzufordern. Das Selbstverständnis, eine Notfallambulanz zu nutzen, wird immer größer. Und die Patienten, die ernsthaft krank und gefährdet sind, müssen Abstriche machen.“

„Ischia S.“ widerspricht aus eigener leidvoller Erfahrung: „Liebe Ullamue, es gibt auch Patienten, die eigentlich keine bei Ihnen in der Klinik sein sollten und eigentlich auch nicht sein wollen. Aber es bleibt manchmal eben keine andere Option übrig. So wie bei mir. Da lag ich nun mit meinen Rückenschmerzen am Tropf im Wartebereich und bekam die ganze Tragödie eines Mannes meines Alters, so um die 40, mit Schlaganfall direkt mit. Da bekommt man eine ordentliche Einheit Demut gelehrt und fühlt sich deplatziert. Aber warum lag ich nun in der Klinik und war nicht beim Arzt? Ich hatte von morgens bis nachmittags telefonisch versucht, einen Termin bei einem Orthopäden oder ähnlich kompetenten Mediziner zu bekommen, da ich mich kaum noch bewegen konnte. Von Esslingen, Schorndorf bis Cannstatt wurde ich abgewiesen und bekam fast immer den Hinweis: Geh'n Sie halt in die Klinik. Ja, dann geht man eben.“

Wutrede

Die Rems-Murr-Kliniken haben in unserer Dienstagsausgabe Stellung zu den Vorwürfen bezogen. Unserem Leser „Ich habe keinen Bock mehr“ ging daraufhin der Hut hoch: „Klar: Es wird wieder alles kleingeredet. Ich habe nix anderes erwartet“, schrieb der Leser auf zvw.de: „Wenn in der Notaufnahme 1 – in Worten: ein – Arzt zur Verfügung steht und parallel auch noch der normale Klinikablauf mitbehandelt werden muss, was soll das werden? Denen gehen die „Beschwerden“ doch irgendwo hinten vorbei. Kein Wort von „zu wenig Personal“, was aber Fakt ist. Klar kommen viele, die in der Notaufnahme nix zu suchen haben: Die muss man rausfiltern. Das ist auch Fakt: Wegen solchen bekloppten Prozessabläufen musste ich mit meinem Neunjährigen mit gebrochenem Arm sechs Stunden warten. Danke auch! Die wollen nur Geld spare. (Notfall-)Patienten stören da nur.“