Winnenden

Kunstprojekt der Winnender Stöckachgrundschule

1/4
Das Gesicht der Heimat_0
Auf die Masken haben Stöckachschüler Flaggen ihrer Heimatländer gemalt: Deutschland, Kroatien, Italien, Portugal, Ukraine, Österreich. © Schneider / ZVW
2/4
Flaggenmasken
Links könnte am Ende Portugal die Maske zieren. © Gaby Schneider
3/4
Heimattage
Jedes Kind hat von seinem Gesicht eine Gipsmaske gemacht. © ALEXANDRA PALMIZI
4/4
Heimattage
Welche Heimat kriegen diese Gesichter? © ALEXANDRA PALMIZI

Winnenden. „Komisch: Ich habe hier Freunde. Aber ich habe auch das Gefühl, dass ich in Italien zu Hause bin.“ So wie die Viertklässlerin Francesca empfinden viele Schüler der Stöckachschule, wenn sie nach ihrer Heimat befragt werden. Die Grundschule beschäftigt sich mit dem Thema noch bis zu den Weihnachtsferien – im Hinblick auf das Landesfest Heimattage. Dabei entstehen Flaggenmasken und ein Film.

„Wir wollten uns gern an den Heimattagen beteiligen. Aber dass wir schwäbische Lieder singen, das passt nicht zu uns“, sagt Rektorin Susanne McCafferty. Von den 300 Kindern an der Schule können gerade mal zehn Schwäbisch, schätzt sie. Ein Projekt, in dem die Kinder etwas basteln und malen können und nicht nur über Definitionen nachdenken, erschien ihr hingegen das Richtige.

Sie hat dafür das Angebot der Sozialpädagogik-Absolventin Sibylle Schwarz angenommen, die darüber ihre Abschlussarbeit schreiben wird. Sie begann mit den Kindern der Vorbereitungsklasse. „Das kam so toll an, dass wir es mit den dritten und vierten Klassen auch machen wollten.“

Wo der Großteil der Familie lebt, fühlen sich Kinder wohl

Für das Kunstprojekt haben die Lehrer die sonst üblichen Freundesgrüppchen neu gemischt – damit sich die Kinder übers Heimatthema besser kennenlernen. Beim Gipsmaskenbemalen staunt daher ein Mädchen: „Jorgo macht Griechenland!“ War ihr bisher wohl nicht aufgefallen, warum auch? Wo ist für mich Heimat und warum, diese Frage beantwortet Francesca, felsenfest überzeugt, mit Italien. „Weil dort meine Oma, meine Tanten, meine ganze Familie leben.“ Sie verbringt ihre kompletten Sommerferien dort, der Umgang ist herzlich. Es ist egal, dass sie in Deutschland geboren ist und dort Italienisch gesprochen wird. So wie Francesca, das zeigt das Maskenprojekt, geht es vielen Kindern in der Schule.

Rektorin McCafferty bewertet das nicht, sondern erkennt: „Wir haben sehr viele Kinder mit deutschem Pass, die aber heftig darüber nachdenken, ob ihre Heimat nicht doch die Türkei oder Portugal ist. Diese Kinder sind häufig wie zerrissen zwischen Deutschland und dem Herkunftsland ihrer Eltern. Aber darum haben sie auch so toll auf das Thema reagiert.“ Auch die Kinder, die keinerlei Migrationshintergrund haben, hätten die Gefühle und Gedanken nachvollziehen können.

Der nächste Schritt beim Heimatprojekt ist die Frage: Wann oder wodurch bemerke ich meine Heimat – meist, wenn ich sie verlasse oder sie sogar vermisse. Das fängt schon beim Heimweh im Schullandheim an oder wenn man mal woanders übernachtet. Oder man, wie ein Kind sagt, die Brezel als den Geschmack von Heimat definiert.

In den Kunststunden sind zu diesen Gedanken anschließend Zugvögel entstanden, die nun an einem Mobile rund um eine Weltkugel „flattern“. Auf einem großen Ast sind Nester aus Bast und Wolle drapiert, ebenfalls von den Kindern gebastelt. „Darin können die Vögel sich wohlfühlen. Und darin liegen nun tröstende Dinge, die sie an die Heimat erinnern“, hält McCafferty bewundernd einen kleinen Hai, Trauben und eine Menschenfigur, vielleicht eine Oma, in die Höhe.

Der dritte Projektteil hat diese Woche begonnen, draußen sammeln die Kinder Gegenstände, machen Fotos, merken sich Dinge. All das fließt in eine Collage ein, die zeigen soll, wie man heimisch wird, wie man eine neue Heimat findet.

Und noch etwas entsteht seit Projektbeginn in der Schule. Mehrere Lehrer und der Schulsozialarbeiter interviewen Kinder zur Heimat. „Das ist unfassbar gut, und zwar nicht, weil das Einserkinder wären, sondern weil die Aussagen ganz tief aus dem Bauch kommen“, schwärmt McCafferty und bewundert die Kinder, die sich das überhaupt trauen, vor der Kamera zu reden.

Stadt bekommt die Kunstwerke und den Film fürs Landesfest

„All dies, was bis Weihnachten entsteht, stellen wir der Stadt für die Heimattage 2019 zur Verfügung. Sie kann es, wo auch immer, ausstellen. Und den Film kann sie in Endlosschleife zeigen.“ Hauptsache, die Stöckachschüler müssen keine schwäbischen Lieder singen ...


Leichtes Lernen

Im Schulbericht der Stadt Winnenden heißt es: 177 ausländische Kinder besuchten im Schuljahr 2017/18 die acht Grundschulen. 401, fast die Hälfte der Grundschüler, haben inzwischen einen Migrationshintergrund.

Der Bedarf an Vorbereitungsklassen für Kinder, die ohne Deutschkenntnisse hergekommen sind, sinkt. An der Stöckachschule gibt es eine mit 21 Kindern. Manche wechseln nach einem halben Jahr in Regelklassen.

Rektorin Susanne McCafferty: „Den ausländischen Eltern empfehlen wir, mit den Kindern in ihrer Muttersprache zu reden. Dadurch lernen die Kinder in der Schule leicht und richtig Deutsch.“