Winnenden

Landrat zum Winnender Apotheker und Kräutertee-Experten Dr. Hirt: „Bewusst falsche Darstellungen“

Artemisia Annua
Hans-Martin Hirt und die Pflanze Artemisia annua anamed. © Benjamin Büttner

Was wird aus Anamed und aus dem Heilkraut Artemisia? Der Gründer von Anamed und geistige Vater der Artemisia-Bewegung, Dr. Hans-Martin Hirt, ist in seinem Streit mit den Behörden kurz davor, die letzten Türen zuzuschlagen, die ihm gerade noch ein bisschen offenstehen. Am 5. November bekam er eine gesalzene E-Mail von Landrat Dr. Richard Sigel, wie sie wohl selten einen Bürger dieses Landkreises erreicht. „Bewusst falsche Darstellungen“ wirft der Landrat dem Apotheker vor und erklärt ihm, dass er die von Hirt geführte Diskussion um Artemisia „langsam als unerträglich“ empfinde.

Ein Landrat schreibt so etwas nicht im Zorn. Es ist ein bewusstes Signal an den Verein Anamed und an Dr. Hirt, dass der Landrat Grenzen setzt im Streit um das Heilkraut und seinen Verkauf. Diese Woche soll ein Gespräch stattfinden zwischen Vertretern des Landratsamts und Dr. Hirt. Sigel sagt dem Apotheker, dass dieses Gespräch nur dann Sinn macht, wenn es auf einer sachlichen Basis geführt wird.

Wörtlich schreibt der Landrat: „Wir leben glücklicherweise in einem Rechtsstaat, in dem sich Verwaltungen und staatliche Institutionen nicht über Gesetze hinwegsetzen, sondern sich diesen verpflichtet fühlen. Beamte und Amtsträger legen darauf einen Amtseid ab. In Ihrem Fall sind es rechtliche Vorgaben, die beim Vertrieb schlicht nicht eingehalten werden.“

Was hat eigentlich Dr. Hans-Martin Hirt getan, dass ihn so eine schroffe Mail erreicht?

Hirt erzählt von Krankheiten, die ein Mensch nur überlebt, wenn er täglich genügend Artemisia-Tee bekomme. Er schreibt in einer Mail: „Und jetzt? Jahrelang warten, bis Artemisia zugelassen wird? Dies ist absolut sarkastisch. Wollen manche Politiker, dass diese Patienten alle legal sterben? Heißt Verbraucherschutz, zu bestimmen, wer überleben darf und wer nicht?“ Zuletzt schickte Hirt solche Erklärungen und Beschuldigungen nicht nur an einen kleinen Kreis von Interessierten, sondern gleich an alle Kreisräte. Nicht explizit, aber unterschwellig, macht Hirt nicht namentlich genannte Gesetzgeber und Beamte für den erwarteten Tod von bestimmten Patienten verantwortlich. Ob er damit den Landrat meint, ist nicht gesagt. Dem Rems-Murr-Landratsamt direkt wirft Hirt vor, dass es die Zulassung des Kräutertees als Novel Food verlange, obwohl dies für einen Verein wie Anamed unbezahlbar sei und zu viel Zeit koste.

Kostet die Zulassung von Artemisia Millionen von Euro?

Landrat Sigel widerspricht in seiner Mail: „Und abschließend bitte ich Sie, nicht weiterhin fälschlich zu behaupten, dass eine Zulassung Millionen kosten würde. Es ist schlicht nicht zutreffend, irreführend und falsch, dass die Zulassung für einen rechtmäßigen Vertrieb, egal ob als Lebensmittel oder Arzneimittel, einen so großen Aufwand verursachen würde, insbesondere wenn die Pflanze so unproblematisch und heilend ist, wie Sie das versprechen.“ Hier steht Aussage gegen Aussage.

Sterben Patienten, wenn der Artemisia-Verkauf unterbunden wird?

Einmal angenommen, es stimmt, dass Patienten nur überleben, wenn sie Artemisia bekommen, gilt immer noch: Im Garten selbst angebautes Artemisia darf verwendet werden. Dies hat der verantwortliche Dezernent des Landratsamts, Gerd Holzwarth, auf Nachfrage ausdrücklich bestätigt.

Musste Dr. Hirt Ende Oktober 5000 Euro Zwangsgeld bezahlen, weil er weiterhin Artemisia verkauft?

Dieser Betrag mit dieser Frist wurde ihm tatsächlich einmal angedroht von einem Sachbearbeiter des Landratsamts, aber Ende Oktober geschah nichts, und wie zu hören war, wurde die Zwangsgeldandrohung zwar nicht ausgesetzt, aber wenigstens wurde die Frist verlängert.

Hat eigentlich Anamed gar keine Chance auf den Verkauf von Artemisia ohne Zulassungsverfahren?

Hier kommt wieder der Rechtsstaat ins Spiel. Dr. Hirt klagt zusammen mit einem Rechtsanwalt gegen die Zwangsgeldandrohung vor dem Verwaltungsgericht in Stuttgart. Die Klage wird in einem Eilverfahren behandelt, und dieses Verfahren hat das Landratsamt dazu bewegt, vorerst kein Zwangsgeld in der großen Höhe einzutreiben. Es bleibt also vorerst bei den 500 Euro, die Hirt beim ersten Versuch einer Konfiszierung bezahlen musste. Gewinnen Anamed und Dr. Hirt den Prozess am Verwaltungsgericht, der voraussichtlich noch in diesem Jahr stattfinden wird, dann können sie zumindest vorläufig in Ruhe Artemisia weiter verkaufen. Aber: Ob sie gewinnen, kann im Moment keiner sagen. Und wenn sie gewinnen, ist damit noch lange nicht die Novel-Food-Verordnung der EU weg.

Ist Artemisia hilfreich gegen Covid-19?

Dr. Hirt glaubt daran. Die Forschungen von Prof. Seeberger am Max-Planck-Institut in Potsdam haben bis jetzt ergeben, dass ein Artemisia-Tee in vitro, also im Reagenzglas, gegen Coronaviren aktiv ist, dass er deren Vermehrung stoppt. Das sagt aber noch nicht, wie der Kräutertee im kranken Menschen wirkt. Die Forscher haben im Juli mit klinischen Studien in Amerika begonnen und hofften auf frühe gute Ergebnisse, denn ein Kräutertee wäre bei weitem die kostengünstigste Therapie gegen Corona. Allerdings liegen bis jetzt keine Ergebnisse aus den klinischen Studien vor.

Kommt es noch zum Gespräch zwischen Dr. Hirt und Vertretern des Landratsamts?

Auf den geharnischten Brief des Landrats antwortete Dr. Hirt vorsichtig: „Besten Dank für Ihren Brief. Auf Ihre Vorwürfe gegen mich gehe ich hier nicht ein.“ Später raunt Hirt allerdings doch in seiner Mail an den Landrat: „Bei einer Konfrontation haben Sie Ihren guten Ruf zu verlieren und wir viel Geld.“ Es sei wichtig, bei diesem Gespräch „eine neue Phase der Zusammenarbeit einzuläuten“. Das Gespräch wird zustande kommen, nach allem, was von beiden Seiten zu hören ist. Und es wird, wie man so schön sagt, „ergebnisoffen“ geführt.

Was wird aus Anamed und aus dem Heilkraut Artemisia? Der Gründer von Anamed und geistige Vater der Artemisia-Bewegung, Dr. Hans-Martin Hirt, ist in seinem Streit mit den Behörden kurz davor, die letzten Türen zuzuschlagen, die ihm gerade noch ein bisschen offenstehen. Am 5. November bekam er eine gesalzene E-Mail von Landrat Dr. Richard Sigel, wie sie wohl selten einen Bürger dieses Landkreises erreicht. „Bewusst falsche Darstellungen“ wirft der Landrat dem Apotheker vor und erklärt ihm,

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