Winnenden

Leben im Tiny House: So funktioniert das Zusammenleben zu sechst auf nur 63 Quadratmetern

Mini-Haus
Zu sechst auf engstem Raum – am großen Esstisch im Wohnzimmer der Härdters ist locker noch Platz für Besucher. Von links: Michael, Annette, Felix, Niklas, Malin und Florian Härdter. © Benjamin Büttner

Für alle, denen ein kleines Häuschen als romantische Idee im Kopf herumspukt, in dem es sich als Student oder Rentnerin doch schön minimalistisch leben ließe: In Höfen zeigt die sechsköpfige Familie Härdter, was ein Raumsparwunder ist.

Ein Mini-Haus, im Trend-Sprech Tiny House, ist hipper Trend auf dem Wohnungsmarkt, aber hier im Ballungsraum der Region Stuttgart selten zu finden. Doch in Winnenden gibt es durchaus noch kleine Wohnhäuschen, aber eben Altbauten, in den Altstadtstraßen – oder in Höfen an der Kriegsbergstraße. Hier wohnt Familie Härdter auf 63 Quadratmetern. Zuerst waren es nur Annette und Michael, die 1996 einzogen. Zwischen 1999 und 2006 kamen die vier Kinder zur Welt. Wurde das Häuschen mit vier Zimmern, Küche, Bad und Flur, Keller und Gartenhaus da nicht irgendwann zu eng?

„Als Malina noch ein Säugling war, wollten wir das Haus tatsächlich mal um ein Stockwerk vergrößern, haben es aber wegen der Kurzarbeit, die Michael über Jahre immer wieder hatte, gelassen“, sagt Annette Härdter (50). Schon davor lebte die Familie sehr sparsam, hat eine Freude daran, Jäger und Sammler zu sein, gebrauchte Kleider zu tragen, Dinge upzucyceln und auf ein eigenes Auto und einen Fernseher zu verzichten. „All das, und eben auch das Wohnen auf engem Raum, hat uns finanzielle Freiheit beschert“, sagt Michael Härdter (56). „Wir haben keine Geldprobleme und können uns gutes Essen und Reisen leisten. Und wenn etwas kaputtgeht, wird es ersetzt.“ Vor acht Jahren ließen sie das Häuschen dämmen, ohne einen Kredit aufnehmen zu müssen, wie beim Kauf damals auch. Geheizt wird zentral mit Holz und einem einzigen Kaminofen im Wohnzimmer. Durch ein Loch, das Michael in die Decke gesägt hat, kommt etwas Wärme auch ins Obergeschoss.

Jedes Familienmitglied kann seinem Hobby nachgehen

Das Tiny House macht für den zweitältesten Sohn Florian (21) eigentlich nur Sinn, wenn es auch günstig ist: „Wir haben uns die Ausstellung in Weinstadt während der Gartenschau angeguckt. Die hohen Preise haben uns erschreckt.“ Hohe Preise, wohlgemerkt ohne Grundstück, das zudem über Wasser-, Abwasser-, Internet- und Stromanschluss verfügen sollte. Der Maschinenbaustudent weiß außerdem, dass in unserer „auf Konsum eingestellten Gesellschaft“ das Leben auf engstem Raum „nicht mehrheitsfähig“ sei. Wenig Wohnraum heißt allerdings nicht automatisch Verzicht auf alles. Was das angeht, hoffen die Härdters, andere ermuntern zu können, es mal mit einem Wohnungstausch oder einer Wohngemeinschaft zu versuchen. Würden mehr mitmachen, der Wohnraummangel wäre deutlich entschärft oder gar beseitigt.

„Wir haben wenig gestritten und viel zusammen gespielt“, erzählt Malina (18) von der gemeinsamen Lego-Leidenschaft der Geschwister in der Kindheit, der ein damals ganzes Zimmer gewidmet war. „Zwar hat bei uns keiner ein eigenes Zimmer. Aber jeder hat ein Hobby“, erzählt Niklas (16), dass er zurzeit fast täglich Darts trainiert. Im gleichen Zimmer haben der 3-D-Drucker von Florian, der PC und das Rack von Felix (23) Platz. Er ist Programmierer von Beruf und macht als Hobby elektronische Musik mit Computern, die er aus ausrangierten Elementen in einem Turm zusammengebaut hat, der so hoch wie das Zimmer ist. Deshalb wohnt Felix auch immer noch hier. Will einer feiern, sorgen die anderen für sturmfreie Bude und weichen auf die Wohnungen von Freunden und Verwandten aus. Der Garten ist im Sommer eine wichtige Rückzugsmöglichkeit.

„Unser Zusammenleben funktioniert nur mit Toleranz und Rücksicht“, sagt Michael Härdter. Der Stauraum wird gemeinsam genutzt, größere Vorhaben oder Anschaffungen werden stets im Familienrat besprochen und gemeinsam beschlossen. Auch beim Aufstehen und Ins-Bett-Gehen stimmen sich die sechs so untereinander ab, dass jeder ins Bad kann, es keine Wartezeiten und keinen Streit gibt. „Hier im Wohnzimmer passiert das meiste, und weil wir so nah beieinander sind, nimmt man relativ viel Anteil an den Themen der anderen“, beschreibt Annette Härdter eine Besonderheit. „Es wird auch schnell zurückgemeldet, wo die Grenzen sind, zum Beispiel wenn nachts der Subwoofer angeht und andere schlafen schon.“

Das kleine Haus hat die Familien-WG sehr eng zusammengeschweißt

Das klingt nach einem normalen Familienleben, und doch melden Besucher zurück, dass es hier besonders gemütlich zugeht. Statt Privatsphäre steht hier das Gemeinschaftsgefühl an oberster Stelle. „Es ist doch schöner, wenn man Leute um sich hat und vieles gemeinsam nutzt. Das WG-Modell ist doch eigentlich besser als ein Tiny House“, findet Annette Härdter. „Früher war ich tatsächlich neidisch auf die Leute mit großen Wohnungen oder Häusern, wenn wir woanders zu Besuch waren“, gibt sie offen zu. Doch das hätte sie zum Geldverdienen gezwungen, so konnte sie für Kinder und Ehrenämter da sein und macht inzwischen als freie Illustratorin und Kunstpädagogin Projekte und gibt Kurse. Der Neid auf andere ist fort, gewichen dem Gefühl, es genau richtig gemacht zu haben. „Inzwischen träume ich oft, ich müsste hier raus, dann klammere ich mich im Traum am Türrahmen fest und schreie ,Nein!’“, berichtet sie lachend. Falls sie und ihr Mann mal nicht mehr die schmale steile Stiege zum Bad hochsteigen können, werden sie sich zu zweit „eine coole Alters-WG suchen“.

Für alle, denen ein kleines Häuschen als romantische Idee im Kopf herumspukt, in dem es sich als Student oder Rentnerin doch schön minimalistisch leben ließe: In Höfen zeigt die sechsköpfige Familie Härdter, was ein Raumsparwunder ist.

Ein Mini-Haus, im Trend-Sprech Tiny House, ist hipper Trend auf dem Wohnungsmarkt, aber hier im Ballungsraum der Region Stuttgart selten zu finden. Doch in Winnenden gibt es durchaus noch kleine Wohnhäuschen, aber eben Altbauten, in den Altstadtstraßen

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