Winnenden

Lebhafte Geschmacksdebatten

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Annette Traub (links) hilft am Stand des Weinguts Luckert und schenkt, passend zum kühlen Wetter, Rotwein aus. Fotos: Habermann © Habermann/ZVW
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Das Wetter ist frisch und trocken - am WWKV-Stand gibt’s den Spätburgunder mit denselben Merkmalen. © Gabriel Habermann

Winnenden. Wo es Wein gibt, sind wir halt gern daheim: zu sehen am sehr gut besuchten Weintage-Samstag. Wer den Winnender Rebensaft verkosten will, lässt sich auch vom kühlen Wetter nicht davon abbringen.

„Gestern konnten wir sogar kurzärmelig schaffen“, sagt Birgit Siegloch. Am Samstag ist es dafür definitiv zu frisch, die Weinflaniermeile bietet lange nicht mehr gesehene Momentaufnahmen: Mit Regenschirmen, Fleecepullis und warmen Jacken stapfen die Menschen im Genießer-Bummelgang über die belebte Marktstraße. Sie ist, der Idee des ruhigen kleinen Weinfests folgend, von angeregtem Plaudern erfüllt, nicht von gesprächskillender Musik.

Blindverkostung bietet fünf verschiedene Spätburgunder

Munter wandern Weinfreunde die Weinlauben ab, nippen und stoßen an. Die Ausschenkenden öffnen temperaturbedingt vermehrt die Rotweinflaschen, so auch die mit der Weintage-Weinsorte Spätburgunder. Winzer David Siegloch stuft den Spätburgunder als „Übergangswein“ ein. Gerade wenn dem Sommer langsam die Puste ausgeht, sich die „winter-mollige Rotweinstimmung“ aber noch nicht einstelle, mache man mit einem Glas Spätburgunder alles richtig.

Zum Beispiel in der Blindverkostung am Stand des Winnender Wein- und Kulturvereins (WWKV). Fünf gibt es dort verdeckt zum Probieren, Erraten und Bewerten. Für Alexander Gayer aus Schwaikheim muss Rotwein ein „Begleitwein zum Essen“ sein, mit schweren, trockenem Roten kann er privat wenig anfangen. Und vor wenigen Tagen, bei der Hitze, hatte er noch gar keine Lust auf Rotwein. Spätburgunder interessiere ihn nun aber „auf jeden Fall“, auch wenn ihn der erste noch nicht recht überzeugen kann. „Irgendwie trocken, für mich noch kein Highlight“, meint er, ebenfalls recht trocken.


Boden entscheidend

Spätburgunder (Pinot noir) ist wie der Riesling eine Terroir-Sorte, die auf jedem Boden (Französisch: terroir) anders schmeckt. Pinot noir ist ein Verschnittpartner bei der Champagner-Erzeugung und in jedem Champagner mit drin.

Obwohl er Spätburgunder heißt, zählt er zu den Sorten, die früh gelesen werden. David Siegloch beginnt diese Woche mit der Lese. Im Gegensatz etwa zum Trollinger eigne sich Spätburgunder besser für den höherwertigen Bereich und für den Ausbau im Barriquefass. Spätburgunder besitzt keine Farbpigmente für Lila, darum sei er von der Farbe her hell, was aber nichts über die Intensität des Weins sage.

„Der Spätburgunder überzeugt durch seine filigrane Weichheit und Frische, nicht durch seine Wucht. Er ist kräftig, aber immer elegant“, so der Winnender Selbstvermarkter David Siegloch über die Stilistik. Sie herauszukitzeln, sei kein Spaziergang für den Wengerter. Man müsse den richtigen Lese-Zeitpunkt erwischen, die Traube verzeihe keine Fehler. „Wenn man zu spät dran ist, verliert er seine typische Frucht“, meint David Siegloch.


Seine Begleiterin Bettina Müller bevorzugt halbtrockene Weine, „wenn sie schön fruchtig sind“. Sie vermisst beim Ersten die Frucht, die ihr aber im zweiten Probierglas beim Schnuppern angenehm die Nase hochsteigt. „Der ist saftartig, viel gereifter“, steht ihr Geschmacksurteil fest. „Oh ja, der hat jetzt den typischen Spätburgunder-Geschmack, schön samtig“, urteilt Alexander Gayer über den dritten, der mit leichten Brauntönen im Glas schimmert. Die Geschmacksknospen sind gefordert: Sie könnte auf die „Holzfassnote“ verzichten, die hingegen er mit anerkennendem Augenverdrehen wahrnimmt. Beim fünften Gläsle leuchten ihre Augen: „Der ist beerig, schöne Frucht, das ist mein Favorit.“ „Gehaltvoll, aber leicht“, meint er.

Vereinsvorsitzender freut sich über lebhafte Geschmacksdebatten

„Das ist der Sinn der Verkostung, dass hier lebhaft diskutiert wird“, freut sich WWKV-Vorsitzender Willi Hackel. Beim Spätburgunder ist dies kein Wunder, er ist kein „Oifacher“.

„Es ist eine ganz schöne Kunst, aus ihm einen guten Wein zu machen“, findet Karl-Heinz Eckstein, Winzer und Vorsitzender der Weingärtnergenossenschaft Winnenden. Die Rebe mag betütelt werden. Mit ihren Bodenansprüchen sei sie in Winnenden in der Lage Holzenberg am richtigen Platz. Wer sie hegt und pflegt, habe einen „gehaltvollen, feinen, leichten Wein mit sehr viel Charakter“ im Glas, so Eckstein, der vor der bevorstehenden Lese nichts gegen etwas Regen hätte. „Dann geht er noch mal auf und gibt mehr Saft.“ Die derzeit kühlen Nächte sind auch ideal.

Spätburgunder ist in Deutschland die Rebsorte Nummer eins

Spätburgunder ist übrigens die Rebsorte Nummer eins in Deutschland, bezogen auf Menge und Qualität in der gesamten Republik. Nach Auskunft von Karl-Heinz Eckstein wird Spätburgunder im Remstal auf 30 Hektar angebaut, in Winnenden seien es drei oder vier Hektar.


Wie's weitergeht

Die vier Selbstvermarkter Weingut Häußer (Höfen), Weingut Luckert (Winnenden), Weinhof Lorenz (Hanweiler), Siegloch (Winnenden) sowie die Weingärtner Winnenden veranstalten zum 19. Mal die Weintage. Das Fest öffnet am Montag, 27. August, von 11 Uhr an (ein Stand, die anderen öffnen am Nachmittag). Von 15 bis 19 Uhr ist nochmals die Blindverkostung der fünf Spätburgunder möglich. Wer seine Karte in die Losbox wirft, kann bei der Ziehung um 20 Uhr acht feine Preise vom Goldberg-Restaurant-Gutschein bis zur Flasche Sekt gewinnen. Zudem wird verkündet, welcher Spätburgunder der Beliebteste unter den Gästen war (Titel: Weintagswein 2018).

Zeitgleich feiert das Weinhaus Haar in Backnang das 15. Weindorf, ebenfalls noch heute ab 17 Uhr auf dem Adenauerplatz.

Beim Stuttgarter Weindorf sind von 29. August bis 9. September erstmals das Weingut Siegloch und das Schwaikheimer Weingut Maier in einer Gemeinschaftslaube (Nummer 17) mit insgesamt 18 Jungwinzern der Region Stuttgart vertreten.