Winnenden

Lehrermangel im Rems-Murr-Kreis

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Symbolbild © Christine Tantschinez

Backnang. Der Backnanger SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber hat es wieder getan: Er hat Zahlen zusammengetragen und miteinander verglichen. Und rechnet damit dem Kultusministerium vor, dass die Situation in den Schulen immer schlimmer wird. Die Statistik untermauert, was auf Elternabenden stets zu hören ist: keine Lehrer da.

Es gibt im Rems-Murr-Kreis tatsächlich Rektoren, die treibt der Mut der Verzweiflung in die Öffentlichkeit der Elternschaft. Sie erklären, dass sie nicht garantieren können, dass der Unterricht, der den Kindern zusteht, stattfindet. Dass die Stunden, die sie laut Lehrplan erhalten müssten, nicht gesichert sind. Das impliziert natürlich, dass der Lernstoff, den die Kinder am Ende eines Schuljahres im Kopf haben sollten, aller Wahrscheinlichkeit nach nur fragmentarisch oder stark verkürzt bis gar nicht vorhanden ist. Es gibt Rektoren, die geben sogar Elternbriefe raus, in denen explizit aufgeführt ist, was in welcher der vielen Klassen an Unterricht ausfallen muss, verschoben wird, nur von wechselnden Lehrerinnen und Lehrern oder gar im Duett – am einen Tag der, am anderen die – unterrichtet werden kann. Die Rektoren vollbringen planerische Kunststücke, die Schulen tauschen Lehrerinnen und Lehrer hin und her, doch zaubern kann niemand: Es gibt zu wenig Lehrerinnen und Lehrer. Wird jemand krank, ist Ersatz so gut wie nicht zu finden.

Jede Woche 1,5 Stunden früher aus

Gernot Gruber, SPD-Landtagsabgeordneter aus Backnang, hat mit bekannter Beharrlichkeit und feinem Gespür für wichtige Zahlen zweimal im Kultusministerium angefragt, wie es um Schüler- und Klassenzahlen, um Lehrerstellen, um Befristungen steht. Und siehe da: Das, was Eltern nur so fühlen, dass nämlich ständig Unterricht ausfällt, lässt sich auch schwarz auf weiß nachrechnen. Statistisch gesehen, schreibt Gruber, „gehen alle Gymnasiasten und Berufsschüler jede Woche 1,5 Stunden früher nach Hause“. Das seien von einem Jahr auf das andere 20 Prozent mehr Unterrichtsausfälle. Zementiert würde dieser Zustand durch die Tatsache, dass die Landesregierung nicht bereit gewesen sei, die Krankenreserve weiter auszubauen.

"Springer" in den Sommerferienmonaten ohne Einkommen

Um Krankheitsausfälle auffangen zu können, gibt es Lehrerstellen, die nicht fest an eine Schule gebunden sind. Diese Lehrer, die sogenannten „Springer“, kommen immer dort zum Einsatz, wo jemand fehlt. Viele dieser Springer sind nicht fest und unbefristet angestellt, sondern haben Verträge, die von September bis Juli laufen. In den Sommerferienmonaten stehen diese Pädagogen ohne Einkommen da beziehungsweise müssen sich arbeitslos melden. Viele suchen daher einen Ausweg, entweder in anderen Bundesländern, im Ausland oder in der freien Wirtschaft. Dennoch: Schon im Juni 2017, Susanne Eisenmann besuchte die Kreis-CDU, erklärte die Kultusministerin, dass sie – Lehrermangel hin oder her – an dieser Tatsache nichts zu ändern gedenke.

Realschulen stemmen sich gegen den Trend

Gernot Gruber stellt jetzt fest: Es bleibt nicht nur bei der Zahl der befristet Angestellten, sondern es werden immer mehr. An den Gymnasien etwa arbeiteten im Rems-Murr-Kreis im Schuljahr 2016/2017 insgesamt 848 Lehrkräfte. 18 davon waren nur befristet angestellt. Im Schuljahr 2017/2018 arbeiten 829 Lehrkräfte insgesamt an den Gymnasien, also 19 weniger. Davon befristet angestellt sind 22, also vier mehr. In den Gemeinschaftsschulen arbeiteten 2016/2017 insgesamt 496 Lehrerinnen und Lehrer, 2,4 Prozent davon waren befristet angestellt. Im laufenden Schuljahr sind bei insgesamt 604 Lehrkräften 3,8 Prozent befristet angestellt. Die Realschulen stemmen sich gegen den Trend – wobei dieser Fakt eigentlich nur mit bitter-ironischen Lachen quittiert werden kann: Waren 2016/2017 insgesamt 613 Lehrkräfte im Dienst und davon 14 befristet angestellt, sind es im Schuljahr 2017/2018 zwar ein Lehrer insgesamt weniger, aber dafür zwei weniger, die eine Befristung haben.

Gruber wollte von Susanne Eisenmann noch wissen, wie viele Schulstunden an den Schulen im Rems-Murr-Kreis tatsächlich gehalten wurden. Er erfuhr: Erstens gibt es diesbezüglich keine kreisbezogenen Auskünfte. Und zweitens würden „detaillierte Erhebungen zu allen Unterrichtsausfällen in einem Schuljahr bislang nicht durchgeführt“. Man fragt nur stichprobenartig ab, in einer einzigen Woche im November. Das Kultusministerium wird schon wissen, warum.