Winnenden

Müller im Verfolgungswahn überfallen

Müller_0
Der Müllermarkt in Winnenden. © Ramona Adolf

Stuttgart /Winnenden. Das war kein „normaler“ Raub, dieses Jahr am Dienstag, 7. Juni, 18 Uhr: Die Täterin wollte ins Gefängnis kommen, um beschützt zu werden. Am Landgericht beschrieben Zeugen aus Laiensicht den seelischen Notstand der 28-Jährigen. Sie war beherrscht von Verfolgungswahn und Todesangst. Die Frage ist nun, ob sie in Freiheit bei ihrer Therapie bleibt oder abbricht und im Wahn erneut jemanden gefährdet.

Wie ein Puzzle setzen sich zehn Zeugenaussagen und das psychiatrische Gutachten am Landgericht zusammen und ergeben das Bild einer intelligenten, sympathischen Frau mit großem Gerechtigkeitssinn und überschaubaren Schulden – wegen eines Ausbildungskredits. Sie ist allerdings seit etwa zwei Jahren an einer paranoiden Schizophrenie erkrankt. Am Tattag litt sie unter einer akuten Psychose, einer krankhaft seelischen Störung, weshalb sie nicht einsehen konnte, dass sie ein Unrecht begeht. „Ihr gesamtes Handeln diente nur einem Ziel: Schutz suchen“, so die Oberärztin an der forensischen Klinik Weissenau. Sie stützt mit ihrer Aussage den Antrag des Staatsanwalts auf dauerhafte Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie-Abteilung. „Dauerhaft“ bedeutet nach deutschem Recht, dass nach einem Jahr erneut geprüft wird, wie der seelische Zustand ist, ob die Art der Unterbringung geändert wird.

Verteidigerin setzt sich für freiwillige Therapie ein

Die Schorndorfer Rechtsanwältin Barbara Lischik-Nickel, sieht die Verbesserungen schon seit einem halben Jahr eingetreten: Ihre Mandantin nehme ihre Medikamente zuverlässig ein und arbeite mit den Therapeuten zusammen. Sie fordert von Schöffen und Richtern daher, die Strafe auf Bewährung auszusetzen, der Beschuldigten also zu vertrauen und die Therapie in einer offenen Abteilung machen zu lassen. Das Urteil wird am Donnerstag, 22. Dezember, von der 7. Großen Strafkammer im Landgericht Stuttgart verkündet.

Von der Angst überschwemmt

Die Prognose der Medizinerin jedoch hörte sich nicht so optimistisch an. „Sie kann gegenüber den Behandlern kein Vertrauen fassen und hat in Winnenden die Medikamente nicht zum vorgegebenen Zeitpunkt eingenommen“, hat sie aus den Krankenakten entnommen. „So konnte sich ihre Psychose während eines halben Jahres nie zurückbilden, sondern prägte sich bei jeder neuen Belastung wieder aus. Dass sie ab und zu Cannabis konsumierte, hat das noch weiter verschärft. Sie wurde von Angst überschwemmt und rief dann alte Bekannte oder ihren Vater an“, nahm die Sachverständige Bezug auf die Zeugenaussagen und Schilderungen ihrer Kollegen in der Weissenau. „Auch das war teils irrational, hat sie doch immer wieder Angst vor ihrem Vater geäußert und dass er sie durch nicht näher benannte Personen verfolgen lässt.“

Patientin wirkte gesünder als sie war

Klang die Psychose leicht ab, schaffte es die Patientin, „die Fassade aufrechtzuhalten“ und gesünder zu wirken, als sie war. Sie machte im ZfP Ängste vor Mitpatienten geltend, was gewissermaßen plausibel sei – man verlegte sie auf eine andere Station. „Eine reale Gefahr hat dort für sie aber nie bestanden“, betonte die Gutachterin das Ergebnis ihrer Recherchen. Und fügte hinzu: „Die Psychose wurde wieder stärker, sie wollte wieder verlegt werden.“ Als dies verneint wurde, blieb die Patientin „äußerlich unauffällig, fühlte sich aber innerlich massiv bedroht. Ihre Folgerung: Ich muss weg.“

Oberärztin: Längerfristige medikamentöse Behandlung ist einziger Ausweg

Weil ihr für diese Flucht vor der Psychiatrie auch der Überfall recht war, und „weil sie sich der Behandlung momentan nicht freiwillig stellen kann, ist eine Unterbringung notwendig“. Die 51-jährige Oberärztin sieht nur in einer „längerfristigen medikamentösen Behandlung“ einen Ausweg, „damit die Schizophrenie abklingen kann. Und danach braucht sie ein tragfähiges Bündnis für ihren Neustart.“ Es gebe sehr viele positive Beispiele, bei denen die Patienten wieder Fuß fassen, arbeiten oder „sogar ein Studium schaffen“. Die durchschnittliche Behandlungsdauer liege bei drei bis vier Jahren. „Es wird aber in der Therapie, in der Klinik immer ausprobiert, wie viel Freiheit mehr man dem Patienten geben kann.“


Hauptschullehrer und Sozialarbeiterin berichten von einem problematischen Elternhaus

Die Verteidigung hat zwei Zeugen um ihre Aussage gebeten, die die Beschuldigte von früher kennen. Ihren früheren Hauptschullehrer aus Sulzfeld (2001 bis 2003) und eine Sozialarbeiterin von der Jugendhilfeeinrichtung „Rosa“ für traumatisierte Jugendliche in Stuttgart (2005 bis 2009).

Der Lehrer erzählte, dass das Kollegium problematische Familienverhältnisse vermutete. „Wir hatten den Eindruck, die Schule ist der einzige Ort, wo es für das Mädchen lief, wo sie sich angenommen fühlte.“ Sie war geprägt von einem großen Gerechtigkeitssinn, machte sich selbst mit ihrem Verhalten und ihrer Kleidung unsichtbar, beobachtete aber alles mit wachen Augen. Da er als Klassenlehrer mit ihr als intelligenter Schülerin nie Probleme hatte, gab es auch kein Gespräch mit den Eltern. „Wir haben nur gespürt, da ist was nicht in Ordnung, das Haus, an dem ich täglich vorbeikam, war verschlossen, und sie konnte keine Freunde mitbringen.“

Mit 17 Jahren, die Beschuldigte hatte auf ihren sehr guten Hauptschulabschluss hin die Mittlere Reife abgelegt, floh sie vor ihren Eltern in die Obhut von „Rosa“. Die dort tätige Sozialarbeiterin berichtet, dass sie Vertrauen fasste und persönliche Ziele wie ein Studium und Geldverdienen verfolgte, zudem Verantwortung für ihre Geschwister empfand. Zugleich plagten sie große Ängste vor dem Vater. „In der Familie passierten massive Gewalttaten, der Vater schlug die Mutter vor den Augen der Kinder, aber auch die Kinder – und die Mutter konnte sie nicht beschützen.“ Obwohl es der Jugendlichen in der Einrichtung besser ging, konnte sie sich vom Vater nicht abgrenzen. „Er sagte zu ihr, er werde ihr etwas antun, wenn sie nicht zurückkomme.“

In der Stuttgarter Zeit wurden die Folgen all der erlebten Gewalt, die Folgen des Traumas therapiert. Die Sozialarbeiterin erzählt von „Schlafstörungen und Schwierigkeiten beim Regulieren von Stress. Unter Alkohol wurde sie handgreiflich und verletzte weitere unserer Regeln.“

Die psychologische Gutachterin ordnet die Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung den großen Spannungen im Elternhaus zu, das den Kindern „keine stabilen Aufwachsbedingungen gab“ und ihnen auch „kein Urvertrauen“ vermittelte. Schläge, Schreie, Misshandlungen, dazu viele Umzüge, ein Aufenthalt im Kinderheim, die Zweitfrau des Vaters – kein Wunder könne die Frau bis heute zu Therapeuten kein Vertrauen fassen.

Entschuldigung

Mit dem Überfall auf den Winnender Müller-Markt am Adlerplatz befasst sich das Landgericht seit 6. Dezember (wir haben am 7. und 13. Dezember berichtet).

Die betroffene Kassiererin wurde von der Frau mit einem Schälmesser mit gebogener, spitzer Klinge bedroht und kann seitdem keine Spätschichten mehr machen. Außerdem begegnet sie Kunden, ganz anders als früher, mit Misstrauen.

Im Gerichtssaal übergab die Beschuldigte der Kassiererin einen Brief, in dem sie sich entschuldigt.

Bei den zwei Männern, die sie bei ihrer Flucht durch die Fußgängerzone bis zur BW-Bank verletzt hat, entschuldigte sie sich gleich vor Ort mehrmals während ihrer Festnahme, berichteten die als Zeugen geladenen Polizisten.