Winnenden

Müller-Räuberin war seit 2005 Psychiatrie-Patientin

Müller
Ein kurioser und zugleich trauriger Fall wird derzeit am Landgericht verhandelt: Eine Psychiatrie-Patientin hat am 7. Juni den Müller-Markt überfallen und die Beute in den Mülleimer geworfen. © Palmizi / ZVW

Stuttgart/Winnenden. Mit einem spitzen Schälmesser bedrohte eine 28-jährige Deutsche am 7. Juni eine Kassiererin des Müller-Markts, verlangte Geld und verletzte bei ihrer Flucht durch die Marktstraße Passanten, die sie aufhalten wollten.

Wie am 7. Dezember berichtet, hat der Prozess am Landgericht Stuttgart begonnen. Es geht um die Frage, ob sie aufgrund einer psychischen Erkrankung schuldunfähig, aber auch für die Allgemeinheit gefährlich ist und daher in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden muss.

Wie konnte es zu dem schweren Raub kommen?

Der Vorsitzende Richter Gless hat sich am ersten Verhandlungstag ausführlich die Biografie der jungen Frau schildern lassen. Er will wissen, wie es zu dem schweren Raub kommen konnte, nach dem sie – für Außenstehende kurioserweise – erst ruhig vor dem Drogeriemarkt stehen geblieben ist und dann die Beute in einen in der Nähe stehenden Mülleimer geworfen hat.

Ihre Erklärung: Sie wollte aus Angst nicht zurück in die Winnender Psychiatrie, verübte daher den Raub, ohne das Geld wirklich zu brauchen, um beschützt von der Polizei übernachten zu können. Am nächsten Tag wollte sie nach Paris fahren, ein neues Leben beginnen. Die Familiengeschichte der kleinen, dunkelhaarigen Frau ist eng mit psychiatrischen Behandlungen verknüpft. Als das Mädchen in die zweite Klasse kam, wurden sie und alle Geschwister vom Jugendamt in einem Kinderheim in Bopfingen untergebracht.

"Meine Mutter schlug mich"

Ein Jahr später zog die Familie nach Magstadt und dann nach Karlsruhe. Die Hauptschule besuchte das Kind trotz Gymnasialempfehlung, es machte schließlich Mittlere Reife mit einem guten Schnitt. Mit 17 Jahren jedoch war sie ein halbes Jahr in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Olgahospitals. Sie haute außerdem von zu Hause ab. „Warum?“, wollte Richter Gless wissen. „Meine Mutter schlug mich, sie war jeden Tag besoffen und konnte sich dann nicht mehr beherrschen. Und mein Vater wollte, dass ich die Schule abbreche. Ich wollte meine Zukunft selbst in die Hand nehmen“, erzählte sie im Gerichtssaal und tupfte sich die Tränen ab.

Die Angeklagte kam beim Verein Rosa unter, lebte unterschiedlich stark betreut vier Jahre unter dessen Dach, schaffte in der Zeit sogar ihr Fachabi. Danach „ist viel passiert“, sagt die junge Frau mit heller, monotoner Stimme. Sie berichtet von etlichen Wohnungswechseln, einem zwielichtigen Arbeitgeber, der sie in die Prostitution bringen und einem Partner, der mit ihr Drogen anbauen wollte. „Ich weigerte mich, er schlug und bedrohte mich.“ Sie floh in ein Frauenhaus nach Bielefeld.

"Ich war so naiv“

Davor und danach war sie in psychiatrischen Kliniken in Furtbach, Calw und Pniel. Vor ihrer Tat war sie ein halbes Jahr im Zentrum für Psychiatrie (ZfP) Winnenden. Keinen Monat war sie draußen, dann wurde sie schon wieder dort zwangsuntergebracht. „Halten Sie sich selbst für psychisch krank?“, fragte der Richter freundlich. „Nach sechs Monaten in der Psychiatrie Weissenau geht es Ihnen ja besser. Sind Ihre Ängste rückblickend berechtigt oder nur eingebildet?“ Eine einfache Antwort war nicht möglich.

Die Frau schilderte Erlebnisse mit Fremden und ihrem früheren Arbeitgeber. „Die Sachen sind so passiert. Er wollte mich mit einer Wohnung abhängig machen und mich im Puff einschleusen. Und mein Freund kannte die Hells Angels. Natürlich kriegt man da Angst. Auch mein Vater war wegen Zuhälterei angeklagt.“ Wieso die Angst nun aufgehört habe, fragte ihre Rechtsanwältin. „Ich sehe ein, ich muss mehr aufpassen, mit wem ich umgehe. Ich war so naiv.“ Auf die Frage des Richters, ob sie in Winnenden eine Nacht auf einer Tischtennisplatte verbracht und einen Stuhl und einen Zuckerstreuer geworfen habe, sagte sie: „Die Zeit dort war für mich die Hölle, ich habe protestiert, weil ich nicht telefonieren durfte. Aber geworfen habe ich nichts. Ich bin nicht gewalttätig. Ich habe mich gewehrt, aber selber niemand geschlagen.“

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