Winnenden

Mann stirbt 20 Tage nach Verkehrsunfall in Winnenden: Wer ist schuld an seinem Tod?

Gericht Unfall
An der Ecke Forststraße/Steinhäusle ist es im Januar zu einem Unfall zwischen einer Autofahrerin und einem Radfahrer gekommen. © Benjamin Büttner

Am 10. Januar dieses Jahres hat eine Winnender Autofahrerin einen vorfahrtsberechtigten Fahrradfahrer übersehen, der mit seinem Rad von der Straße Steinhäusle links auf die Forststraße in Richtung des Rems-Murr-Klinikums abbiegen wollte. Der 61-jährige Radfahrer stürzte und verletzte sich dabei schwer. 20 Tage später ist er im Krankenhaus gestorben. An den Folgen des Unfalls? Diese Frage versuchten die Beteiligten rund um Richter Kärcher am Waiblinger Amtsgericht zu klären.

Angeklagte: „Ich war abgelenkt durch den Gegenverkehr“

„Ich bin mit meinem Auto durchs Schelmenholz gefahren“, erklärte die 44-jährige Angeklagte. Sie sei definitiv nicht schneller als die erlaubten 30 Stundenkilometer gewesen. „Ich war abgelenkt durch den Gegenverkehr, dachte, dass ein anderes Auto auf meine Spur kommt“, sagte sie. Plötzlich sei ein Radfahrer vor ihr aufgetaucht. Sie habe noch versucht zu bremsen und das Steuer herumzureißen. Einen Zusammenstoß mit dem Radfahrer verhinderte das nicht. „Hier ist doch rechts vor links“, habe der schwer verletzte Radfahrer am Boden liegend noch geschrien. Sie sei sofort zu ihm geeilt und habe dann ihr Handy aus dem Auto geholt, um den Notruf zu wählen. Glücklicherweise seien auch sofort Augenzeugen zur Unfallstelle gekommen. „Ich bin eigentlich eine extrem vorsichtige Autofahrerin und halte mich an alle Verkehrsregeln“, sagte die Angeklagte. „Ich bin extrem erschüttert. Die arme Familie. Ich erlebe den Unfall nachts noch immer flashbackartig“, so die Angeklagte sichtlich bewegt. Am Unfallort habe sie sich bei dem Radfahrer noch entschuldigt, ihm gesagt, wie sehr ihr das leidtut. Zusätzlich habe sie ihm ein paar Tage später eine Karte und ein kleines Präsent vor die Haustüre gestellt, da niemand zu Hause gewesen sei. 20 Tage nach dem Unfall sei ein Anruf von der Polizei gekommen, dass der Radfahrer in einem Stuttgarter Klinikum gestorben sei. „Damit klarzukommen, dass ich mit dem Unfall für den Tod eines Menschen verantwortlich bin, das fällt mir unheimlich schwer“, sagte die Angeklagte.

Der erste Zeuge hat den Unfall vom Balkon aus beobachtet

Der erste Zeuge in dem Fall war einer der Ersthelfer. Vom Balkon seiner damaligen Lebensgefährtin aus habe er den Unfall beobachtet, erklärte er mit tiefem hessischen Einschlag. „Ach Gott, ach Gott“, habe er gerufen, als der Radfahrer in hohem Bogen über das Auto geflogen sei. „Die Kreuzung an dieser Stelle ist ganz, ganz haarig. Die breite Straße verleitet dazu, schnell zu fahren“, sagte der Zeuge. Der Radfahrer habe riesige Schmerzen gehabt. Da er eine Ausbildung zum Rettungsschwimmer habe, habe er sich um den Mann gekümmert, ihm zugesprochen, damit er bei Bewusstsein bleibt. „Wie schnell ist der Fahrradfahrer gewesen, als es zum Unfall kam?“, fragte der Anwalt der Angeklagten. „Um die Kurve zu kriegen, musste der Mann bremsen“, antwortete der Zeuge. Das Auto habe den Radfahrer mittig erwischt. „Er ist weit über das Dach geflogen und mit der Hüfte auf den Boden geknallt“, so der Zeuge.

Der zweite Zeuge hat den Unfall von der Gegenfahrbahn der Angeklagten aus gesehen. „Ich wollte mit meinem Auto in die Straße, aus der der Radfahrer gekommen ist. Es lief wie im Film ab. Ich habe gleich gedacht, dass das nicht gut ausgeht“, sagte der Mann. Er habe das Gefühl gehabt, dass beide nicht aufgepasst hätten. „Das Auto war nicht zu schnell, aber die Fahrerin hat nicht aufgepasst und der Radfahrer hat auf seine Vorfahrt bestanden“, schilderte der Zeuge.

Gutachterin sieht Zusammenhang zwischen Unfall und Tod

Richter Kärcher ließ nun die medizinische Gutachterin die Ergebnisse der Obduktion des Radfahrers verlesen. „Der Radfahrer hat mehrere Beckenbrüche gehabt“, schilderte sie. Am 28. Januar sei im Krankenhaus in Stuttgart, in das der Mann aus der Winnender Klinik verlegt wurde, eine tiefe Beinvenenthrombose festgestellt worden. „Einen Tag später ist es zu einer Lungenembolie gekommen. Der Mann kam auf die Intensivstation“, so die Gutachterin. Dort habe man versucht, das Blutgerinnsel aufzulösen. „Wenn man so will, dann ist das das letzte Mittel, das in solch einem Fall zu Verfügung steht. Es ist dann trotzdem zu einem Versagen des rechten Herzens gekommen. Der Mann ist am 30. Januar um 6.04 Uhr im Krankenhaus gestorben“, sagte die Gutachterin. Eine Thrombose sei typisch nach solchen Brüchen, wie der Radfahrer sie gehabt habe. „Da die Thrombose ziemlich sicher die Folge des Beckenbruchs ist und dieser beim Unfall passiert ist, besteht für mich ein Zusammenhang zwischen dem Unfall und dem Tod des Mannes“, so die Gutachterin.

Weshalb lagen zehn Tage zwischen dem Unfall und der ersten OP?

„Weshalb ist der Mann erst am 20. und am 22. Januar operiert worden? Ist das üblich?“, hakte der Anwalt der Angeklagten nach. „Dazu kann ich leider nichts sagen, da ich die Krankenakten des Mannes nicht gesehen habe. Zehn Tage zwischen Unfall und der Operation sind allerdings eher ungewöhnlich“, antwortete sie.

Richter Kärcher erklärte, dass man seiner Meinung nach die Verhandlung an einem anderen Tag fortführen müsse. „Es ist wichtig, zu wissen, ob es vielleicht auch Behandlungsfehler gab“, sagte er.

Schließlich sei der Mann auch auf Blutverdünner angewiesen gewesen, die er laut Gutachterin nicht jeden Tag im Krankenhaus bekommen habe. „Das muss ich ebenfalls in den Krankenakten nachschauen. Vielleicht wurde der Blutverdünner an den OP-Tagen ausgesetzt. Das wäre normal“, so die Gutachterin. Das Gericht beziehungsweise die Staatsanwaltschaft müsste eine Freigabe der Akten anfordern, was allerdings meist kein einfaches Unterfangen sei. Die Verhandlung soll Mitte November fortgesetzt werden. Zum Leidwesen der Angeklagten. „Ich kann nicht mehr. Zehn Monate ist der Unfall jetzt schon her. Bitte sprechen Sie einfach ein Urteil“, reagierte die Frau schluchzend auf den neuen Termin.

Was bei jenem neuen Termin herauskam, lesen Sie hier: 

Am 10. Januar dieses Jahres hat eine Winnender Autofahrerin einen vorfahrtsberechtigten Fahrradfahrer übersehen, der mit seinem Rad von der Straße Steinhäusle links auf die Forststraße in Richtung des Rems-Murr-Klinikums abbiegen wollte. Der 61-jährige Radfahrer stürzte und verletzte sich dabei schwer. 20 Tage später ist er im Krankenhaus gestorben. An den Folgen des Unfalls? Diese Frage versuchten die Beteiligten rund um Richter Kärcher am Waiblinger Amtsgericht zu

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