Winnenden

Martin Stierand, Seelsorger am Rems-Murr-Klinikum, pilgert in den Ruhestand

Stierand
Martin Stierand neben der Pilgerskulptur auf der Piazza des Rems-Murr-Klinikums, in dem er acht Jahre Seelsorger war. © Benjamin Büttner

Mit Martin Stierand verlässt ein besonderer Typ Seelsorger das Rems-Murr-Klinikum in Winnenden, und auch seine Tätigkeit war alles andere als ein gewöhnlicher Beruf. In Gesprächen mit einzelnen Patienten gab es für ihn immer nur eins: „Genau hinhören. Die Botschaft haben ja die Leute. Um sie geht es.“ Also waren sein eigenes Leben, seine Hobbys Reisen und Lesen, die eigene Familie (Frau, drei Kinder, fünf Enkel) nurmehr „Andockmöglichkeiten“, wie der Noch-65-Jährige sagt, um ein Gespräch in Gang zu bringen. „Der meistgehörte Satz im Krankenhaus ist: Ich will nach Hause. Ganz wichtig war für mich, zu fragen, wo die Menschen biografisch herkommen, und was ihr Zuhause ist.“ Auf diese Weise hat er großes Vertrauen erfahren. „Viele haben auf den letzten Metern ihre Kriegserlebnisse mit mir geteilt, oder dass sie ein Kind verloren haben. Ich bin dankbar, dass mich Patienten in die Verästelungen ihres Lebens reingelassen haben.“

Doch jetzt hat er diesen Donnerstag (30.6.) seinen letzten Arbeitstag, geht in Ruhestand. Wie plant er den zu verbringen? „Ich bin reiselustig, und ich bin ein Jakobuspilger. Ich will wieder ein paar Abschnitte machen“, sagt er, kurz nachdem er sich am kleinen Pilgerdenkmal hat fotografieren lassen. „Als Pate betreue ich den Jakobsweg von Obermühle bis zum Rems-Murr-Klinikum“, erzählt er. Die schöne Wandergegend um Murrhardt herum haben ihn und seine Frau einst bewogen, in die kleine Stadt zu ziehen. Inzwischen ist er dort in der zweiten Legislaturperiode Gemeinderat der grünen Liste und will auch bei der nächsten Kommunalwahl wieder antreten und über die Geschicke der Stadt mitentscheiden.

Er bietet ein Gespräch an und erfüllt Wünsche, und wenn es ein Ladekabel ist

Dass Martin Stierand bei der katholischen Kirche angestellt ist – am Kranken- oder gar am Sterbebett ist das absolut nebensächlich. Mit der evangelischen Kollegin Annkatrin Jetter teilt er sich die Patientenbesuche, da wird nicht nach der Konfession gefragt und auch nicht missioniert. Es geht um menschliche Begleitung. Wenn der Patient lange leiden muss oder keine Perspektive hat und dadurch niedergeschlagen ist, womöglich nicht einmal Angehörige hat, kann das auch für den Seelsorger belastend sein. Als Martin Stierand das erzählt, schluckt er schwer, schüttelt den Kopf und seufzt, richtet sich dann aber wieder auf und sagt: „Viele bewältigen ihr Schicksal auch toll, dann bedanke ich mich, dass sie den Seelsorger getröstet haben.“ Die Gespräche können auch etwas lösen, oder es kann etwas daraus erwachsen, meint Stierand. „Ich unterstütze immer das, was positiv ist, was an Kraft da ist.“ Für die einen sei es der Garten, für die anderen der Hund – „Gott kommt auf tausend Spuren daher“, sagt Stierand weise lächelnd. „Und wenn Angehörige da sind, stütze ich sie, das ist so eine Netzwerkgeschichte.“

Und wenn er fragt, was er für den Patienten tun kann, und dieser nach einer Telefonkarte verlangt oder nach einem Ladegerät, dann ist sich Martin Stierand dafür nicht zu fein, sondern besorgt das Gewünschte, denn: „Das ist doch auch ein Symbol, es geht darum, dass man Kontakt kriegt zu seinen Angehörigen.“ Noch samariterhafter wird es, als Martin Stierand von seiner kleinen „Kleiderkammer“ aus gespendeten, bequemen Kleidungsstücken berichtet. „Es gibt Notfälle, da kommen die Patienten in der Unterhose hier an und haben niemanden, der ihnen etwas zum Anziehen bringen kann.“ Die Pflegekräfte wenden sich dann an ihn, und er sucht etwas aus seinem Fundus heraus.

Enge Zusammenarbeit mit den Pflegekräften auf den Stationen

Insgeheim hofft Martin Stierand, dass sein Nachfolger das fortführt, aber zunächst einmal ist er froh, dass es mit Thomas Blazek nahtlos weitergeht. Vieles, sinniert Stierand, werden Blazek und Jetter wieder von vorne aufrollen müssen, weil es so lange brachlag durch die Pandemie, etwa die große Erinnerungsfeier für Angehörige oder die internen Fortbildungen für Pflegekräfte und ehrenamtliche Seelsorger. Auch sie dürfen endlich wieder auf die Stationen, acht sind derzeit noch in Ausbildung.

Die Begleitung durch die Seelsorger, die im ganzen Haus unterwegs sind, gilt auch für die Krankenhausmitarbeiter. „Vor allem die am Einlass kriegen viel ab, sie werden überrannt und angemotzt.“ Auch bei Abteilungsbesprechungen und Übergaben zwischen den Schichten ist Stierand immer wieder dabei gewesen, wodurch er auch als Moderator zwischen Medizinern und Laien fungieren kann, und wodurch er auf Leute aufmerksam gemacht wurde, die Zuwendung brauchen. Vier bis fünf Patienten hat er täglich besucht. „99 Prozent nahmen das Angebot, dass ich mit ihnen spreche, an.“

Mit Martin Stierand verlässt ein besonderer Typ Seelsorger das Rems-Murr-Klinikum in Winnenden, und auch seine Tätigkeit war alles andere als ein gewöhnlicher Beruf. In Gesprächen mit einzelnen Patienten gab es für ihn immer nur eins: „Genau hinhören. Die Botschaft haben ja die Leute. Um sie geht es.“ Also waren sein eigenes Leben, seine Hobbys Reisen und Lesen, die eigene Familie (Frau, drei Kinder, fünf Enkel) nurmehr „Andockmöglichkeiten“, wie der Noch-65-Jährige sagt, um ein Gespräch in

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