Winnenden

Medizinkonzept: Darf die Winnender Klinik weiter wachsen?

Notaufnahme
Klinikum: Wachstum adieu? © Büttner / ZVW

Waiblingen. Was wird aus der Winnender Klinik? Darf sie weiter wachsen, wie das medizinische Konzept es vorsieht? Oder wird nichts aus dem Plan, weil das Landes-Sozialministerium sich querstellt? Mit diesen Fragen befasst sich der Kreistag am Montag.

Wir wachsen! Das war die frohe Botschaft, als der Schorndorf bringen wir für 60 Millionen Euro Sanierungs- und Instandhaltungskosten in Top-Zustand – und in Winnenden erhöhen wir die Bettenzahl von 620 auf 720.

Wir wachsen! Denn Wachstum ist unsere Rettung, Wachstum bringt höhere Einnahmen, Wachstum wird uns helfen, das Jahr um Jahr anfallende heftige Betriebsdefizit der Kliniken zu senken; nun gut, nicht sofort und nicht auf null. Aber vielleicht bis 2024 auf 5,5 Millionen Euro per anno.

„Wir sind auf einem guten Weg, wir können die Vergangenheit abschließen“

Wir wachsen! So endete ein Streit, der zuvor monatelang gegärt hatte. Zwischenzeitlich hatten die Winnender Chefärzte in einem Brief angeregt, das sanierungsbedürftige Schorndorfer Haus zu verkleinern oder gar ganz dichtzumachen. Nun aber, im Frühjahr 2017, begruben die Medizinkoryphäen der beiden Standorte das Kriegsbeil, schüttelten einandern die Hände, und die Kreisräte schwärmten: „Wir sind auf einem guten Weg, wir können die Vergangenheit abschließen“.

Wir wachsen! Bei einem Hollywoodfilm hätte sich an dieser Stelle die Einblendung „Ende“ empfohlen.

Einige Betten noch nicht genehmigt

Im echten Leben aber geht es immer weiter. Mittlerweile ist Ernüchterung eingekehrt, und das hat mit dem Landes-Sozialministerium zu tun. Das nämlich hat von den 620 Betten, die es derzeit in Winnenden gibt, bislang erst 570 genehmigt. „Nicht genehmigt“ bedeutet zwar nicht, dass man sie nicht haben darf. Aber es heißt: Die Behandlung von Patienten, die in „wilden Betten“ liegen, wird von den Kassen nicht voll honoriert. Das fehlende Ja-Wort führt zu Einnahme-Ausfällen in Millionenhöhe.

Warum tut sich Lucha schwer, die weiteren Betten zu genehmigen?

Der grüne Landessozialminister Manne Lucha tut sich offenbar schwer damit, die einst quasi auf Verdacht bezogenen Matratzen nachträglich abzusegnen. Warum? Darüber lässt sich mangels habhafter öffentlicher Äußerungen nur spekulieren. Vielleicht hat Lucha schlicht einen anderen Blickwinkel. Während der Rems-Murr-Kreis dringend an möglichst vielen Betten interessiert ist, betrachtet der Minister womöglich die Lage aus der Vogelperspektive und sieht: In der Region Stuttgart insgesamt gibt es keine Betten-Unterversorgung – wozu also Überkapazitäten billigen?

Stellungnahme der Krankenkassen abwarten 

Der Krankenhausausschuss des Landes jedenfalls will sich vorerst mit dem Begehr aus Winnenden nicht einmal befassen. Die offizielle Begründung dafür fällt karg aus: Man warte zunächst die Stellungnahmen der Krankenkassen ab. Aber ist das die ganze Wahrheit?

Medizinisches Konzept sieht eigentlich 720 Betten vor

Wie auch immer: Dass von 620 Betten erst 570 durchgewunken sind, ist für sich genommen bereits ungut für den Rems-Murr-Kreis. So richtig heikel wird die Lage aber erst, wenn man bedenkt: Eigentlich soll es bei 620 nicht bleiben, das medizinische Konzept sieht ja 720 vor. Manche Kreisräte fragen mittlerweile hinter vorgehaltener Hand bang: Wenn das Ministerium schon derart zögert, 50 vorhandene Betten abzunicken – wie soll es dann erst klappen mit dem Okay für weitere 100 noch nicht vorhandene? Hält uns Luchas Ressort absichtlich hin, damit wir gleich gar nicht auf die Idee kommen, uns allzu hochfahrende Hoffnungen zu machen? Aber was wird dann aus unserem Medizinkonzept? Wir wollen, nein, wir müssen doch wachsen!

Gute Belegungszahlen ohne faule Tricks

Sicher, der Landkreis hat gute Argumente, um seine Wünsche zu untermauern. Von Anfang Januar bis Ende Mai stiegen die Leistungen in den Rems-Murr-Kliniken gegenüber dem Vorjahres-Vergleichzeitraum um zwölf Prozent. Die Belegungszahlen sind gut – und werden nicht durch faule Tricks erreicht, nicht dadurch, dass Ärzte ihre Patienten länger als notwendig auf der Station halten. Im Gegenteil: Die Verweildauer liegt zehn Prozent unter dem Bundesdurchschnitt. Landrat Dr. Richard Sigel sagt: „Die Rems-Murr-Kliniken werden von den Menschen angenommen. Wir haben noch nie so viele Patienten behandelt wie in den zurückliegenden Monaten.“ Botschaft zwischen den Zeilen: Also, wenn das kein Grund ist, uns weitere Betten zu genehmigen!

Allein, es hilft nichts: Womöglich wird sich der Kreistag in seiner Montagssitzung mit einem Plan B befassen müssen – was tun, wenn wir nicht wachsen dürfen?