Winnenden

Menschen mit Behinderung als Fachkräfte

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Schwungvolle Erfahrungsberichte, gute Gespräche: Das Arbeitgeberforum ermutigte dazu, Menschen mit Behinderung einzustellen. © Schneider/ZVW

Winnenden. Einen Menschen mit Behinderung einzustellen, eröffnet Chancen: für beide Seiten. Das wurde hinreißend deutlich bei einem Arbeitgeberforum im Winnender Kärcher-Auditorium. Moderator Christoph Sonntag glänzte mit Esprit – die wahren Stars des Abends aber waren ein paar ganz besondere, ganz normale Menschen.

Zum Beispiel Okhan Özkara, der junge Mann ist Chefsekretär des Waiblinger Jobcenter-Leiters – Gunnar Schwabs Vorzimmerdame sozusagen? Genau, lacht Özkara, „ich hab normalerweise ein Kleid an.“ Der Platz vor dem Chefbüro ist eine Schlüsselposition: Hier thront der Türhüter. Manchmal, erzählt Schwab, kommt jemand, um sich zu beschweren, stürmt ins Vorzimmer; und da sitzt: „Ein Mann. Erstes Schockerlebnis. Türkischer Herkunft. Und dann auch noch im Rollstuhl.“ Vor Staunen vergisst der Besucher, dass er wütend ist.

Es bedarf keiner salbungsvollen Mahnworte an diesem Abend. Seine Glaubwürdigkeit und Überzeugungskraft gewinnt er aus den Interviews auf der Bühne und Video-Statements. Und davor wie danach ergeben sich Gelegenheiten zum Gespräch.

„Sobald ein Bewerber sich offenbart, übrigens, ich hab auch ne Schwerbehinderung, geht durch die Köpfe durch: Nicht leistungsfähig. Fehlt dauernd. Und ich krieg ihn nie mehr los.“ Ralph Diehl von der Agentur für Arbeit kennt das Phänomen. Unkündbar? Ein Mythos, der sich zäh hält – in Wahrheit „gehen 70 bis 80 Prozent der Kündigungen durch“. Weniger bekannt sind die Vorteile für den Arbeitgeber: Menschen mit Behinderung sind oft extrem motiviert, weil sie das, was andere für selbstverständlich halten – einen Job –, enorm zu schätzen wissen. In Zeiten des Fachkräftemangels biete sich da „gerade für kleinere Betriebe eine Chance“. Und sie werden nicht allein gelassen: Es gibt Beratung, Fördertöpfe, Lohnkostenzuschüsse.

Rein in den Fettnapf – es lohnt sich!

Zum Beispiel Marc Schenkel, seit einem Motocross-Unfall im Rollstuhl – er arbeitet bei Reitlinger Engineering in Endersbach. Inklusion? Das sei „kein Begriff“ im Betrieb, „da denkt keiner drüber nach. Das ist bei uns völlige Normalität.“

Christoph Sonntag hatte vor Jahren mal ein Programm, bei dem er allabendlich von der Bühne stieg und irgendeine hübsche Frau in der ersten Reihe pantomimisch angeigte.

Einmal – sie sah toll aus! Erst als er direkt vor ihr stand, bemerkte er die Rollstuhlräder. Aus der Nummer kommst du nicht mehr raus, dämmerte ihm, und während er die Luftvioline fiedelte, brach ihm der kalte Schweiß aus. Aua, Fettnapf. Du stellst die arme Frau bloß, die fühlt sich bestimmt verspottet.

In der Pause klopfte es an die Garderoben-Tür. Die Frau. Jetzt gibt’s Kloppe, weil du sie vorgeführt hast . . .

„Woisch du was, Sonntag“, sagte Heike, sie sei schon oft bei Kabarettisten gewesen, viele hätten Publikumsspielchen getrieben, aber alle seien zurückgezuckt vor dem Rollstuhl und hätten sich jemand anders als Opfer gesucht. Sonntag, du bist der Erste, der mich nimmt, wie ich bin.

Sein Kumpel Jürgen, der eine Sprachstörung hat, sagte mal streng: „Ich hab das Recht, von dir verarscht zu werden!“

Gegenstände werfen bitte nicht persönlich nehmen

Zum Beispiel Marcel Hanna, Fachlagerist bei EF Logistik in Backnang. Was genau macht er im Betrieb? „Ich“, antwortet der junge Mann und setzt die Pointe mit einem Timing, das auch Sonntag nicht besser hingekriegt hätte, „mach hier das meiste.“

Dagmar Greskamp, Referentin der Aktion Mensch, rückt am Mikro das Wasserglas zurecht. „Wenn ich was durch die Gegend werfe, nehmen Sie’s nicht persönlich, das ist die Spastik.“ Zahlen, die Mut machen: Die Aktion Mensch hat in einer Studie das betriebliche Integrationsklima ausgelotet. Frage an die Arbeitgeber: Sehen Sie Leistungsunterschiede zwischen ihren Beschäftigten mit und ohne Behinderung? 78 Prozent antworteten: nein. Frage an die Arbeitnehmer: Fühlen Sie sich im Betrieb voll akzeptiert? 92 Prozent sagten: ja.

Unerwarteter Erfolg

Zum Beispiel Thomas Günther. Aus der Ferne sieht der junge Mann ehrfurchtgebietend aus: mächtige Mähne, Wallebart. Wer näher hingeht, blickt einer Seele von Mensch in die Augen. Günther wurde ohne Nieren geboren, überlebte dank Dialyse, eine Transplantation folgte. Nach der Fröbelschule fand er einen Praktikumsplatz bei Yalcin Akgüns Kunststoff-Spritzgussfirma in Schorndorf – und bekam danach einen unbefristeten Vertrag. Herr Akgün, warum haben Sie ihn genommen? Weil er so gut ist oder weil er so nett ist? „Beides.“

Rund 200 Gäste: Dieses Arbeitgeberforum ist ein unerwarteter Erfolg. Am Ende aber wird Moderator Sonntag tollkühn, er stellt eine wahnsinnige Frage: Nach all den mitreißenden, lebensmutigen Berichten – wer im Auditorium wolle verbindlich versprechen, sich morgen früh um die Einstellung eines Menschen mit Behinderung zu kümmern? Bitte strecken! Au Backe, das kann peinlich werden zum Ausklang, denn wer wird sich jetzt schon festlegen? Aber schau: Gleich zwei Hände gehen spontan hoch.

Zum Beispiel Simon Maier, Assistent der Geschäftsführung beim Kreisjugendring: „Ich hab ne tolle Familie, ne tolle Frau, ne tolle Wohnung – ich wüsste nicht, was mir noch fehlt.“

Die Macher

Dieses Arbeitgeberforum war eine Teamleistung mit vielen Akteuren – zur Programmabstimmung soll es eine rekordverdächtige Zahl von E-Mails gegeben haben. Unter anderem mit dabei: der Kreisjugendring, die Aktion Mensch, die Stiphtung Christoph Sonntag, die Agentur für Arbeit, der Integrationsfachdienst, die Firma Kärcher als Gastgeber. Cheforganisator war Frank Baumeister – aber selbst der verlor am Ende bei seiner Danksagung auf der Bühne den Überblick ob der Fülle hochmotivierter Partner.