Winnenden

Mit dem Hammer auf den Kopf geschlagen?

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen/Winnenden. Ein 21 Jahre alter Gambier soll im Asylbewerberwohnheim an der Albertviller Straße mit einem Hammer auf den Kopf eines Pakistaners geschlagen haben. Das Amtsgericht Waiblingen verurteilte ihn wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haftstrafe von einem Jahr und sechs Monaten. Doch es gibt Anhaltspunkte, dass es sich um eine Verwechslung handelt.

Staatsanwältin, Richter Luippold und die Schöffen ließen sich von leisen Zweifeln in ihrer Strafforderung und ihrem Urteil nicht erschüttern. Sie sahen die Krankenakte des Geschädigten, eines Pakistaners, der in einer eigenen Wohnung in Winnenden lebt und an dem verhängnisvollen Freitagnachmittag Ende Juni dieses Jahres im Wohnheim Freunde besuchen wollte. Der Hammer, der zweimal auf seine Schläfe sauste, bewirkte mehrere Risse im Bereich seiner Augenhöhle. Die Platzwunde wurde genäht, der Mann blieb mit Verdacht auf Gehirnerschütterung ein paar Tage im Klinikum. Letztlich hatte er Glück, die Brüche heilten ohne Operation, nach einem Monat ließen die Schmerzen nach.

"Plötzlich hat er aus seiner Jacke einen Hammer gezogen"

Zwei Zeugen, der Geschädigte, ein 31-jähriger Pakistaner, und sein Freund, ein 23-jähriger Afghane, beschuldigten den jungen Gambier: Man sei in Streit geraten, weil der Angeklagte ihrem Freund Geld weggenommen habe. „Plötzlich hat er aus seiner Jacke einen Hammer gezogen und zugeschlagen“, berichten die beiden übereinstimmend. Dem Pakistaner sei es dann gelungen, ihm den Hammer wegzunehmen, er habe den Jungen eine Weile verfolgt, danach warf er den Maurer-Hammer weg, „damit er nicht mehr als Waffe benutzt wird“. Anschließend sei er allein ins Krankenhaus gegangen.

Dürftige Ermittlungen

Die Tatwaffe wurde von der Polizei nicht sichergestellt, auch hat sie keine Aufnahmen von den Verletzungen gemacht. Vernommen wurden nur vier Personen, die sich freiwillig gemeldet hatten. Das kritisierte der Pflichtverteidiger des Gambiers scharf. Richter Luippold fand die „Ermittlungen auch eher dürftig, aber bei solchen Vorfällen in Wohnheimen erleben wir oft, dass die zehn Zeugen sich an nichts mehr erinnern und alles doch gar nicht so schlimm war. Das verstärkt den Ehrgeiz der Polizisten nicht gerade.“

Angeklagter habe in Streit eingegriffen

Der Angeklagte räumte indes nur ein, dem Pakistaner mit der Faust an die Schläfe geschlagen zu haben. Er habe eigentlich nur in einen Streit zwischen jenem und Landsleuten aus Gambia eingegriffen, wegen Geld, das ihnen der Pakistaner in der Nacht zuvor weggenommen habe. Die Jugendgerichtshelferin kennt ihn seit anderthalb Jahren, bisher konnte sie mit ihm zügig arbeiten und vernünftig reden. Eine interessante Einschätzung angesichts der teils verworrenen Ausführungen des Mannes.

"Ein ganz lieber Junge, der keine Probleme macht"

Der junge Gambier wurde angeklagt, weil der Sicherheitsmann dessen Namen bei der Polizeivernehmung als Kontrahenten des Pakistaners nannte. Im Gericht wiederum schien der 23-jährige Waiblinger den Gambier nicht als Aggressor wiederzuerkennen. Er sei „ein ganz lieber Junge, der keine Probleme macht“. Es war dem Sicherheitsmann auch nicht klar, dass der Gambier seit zwei Monaten in Schwaikheim wohnt. Hat er also die Männer oder Namen verwechselt? „Als ich aus meinem Büro kam, blutete der Geschädigte bereits. Er hatte aber den Hammer in der Hand und versuchte, damit einen großen Schwarzen zu schlagen.“

Ehrenamtliche glaubt an Unschuld

Die Ehrenamtliche, die sich um den Angeklagten kümmert, glaubt an seine Unschuld und an eine gute Prognose im neuen Wohnheim. Sie bemüht sich, diesen anderen, ihr bekannten Schwarzen zu einer Aussage zu bewegen, zunächst beim Pflichtverteidiger. Hält jener die Geschichte für stichhaltig, wird er Berufung beantragen. Dann folgt eine Verhandlung beim Landgericht. Gibt es keine neuen Zeugen, Beweise oder Geständnisse, müssen Mandant und ehrenamtliche Helferin das Urteil anerkennen.


Haftstrafe ist kein Abschiebungsgrund

Droht einem Asylbewerber nach oder bei Verbüßen einer Haftstrafe die Abschiebung? Diese Frage stellten wir dem Innenministerium des Landes Baden-Württemberg.

Ohne auf die Schnelle den Einzelfall bewerten zu können, sagte ein Sprecher, dass lediglich die Ablehnung des Asylantrags zur Abschiebung führt.

„Eine Ausnahme kann es nur geben, wenn das Gericht eine dreijährige Haftstrafe verhängt.“ Es müsse dann aber gewährleistet sein, dass der Verurteilte in seinem Heimatland nicht gefährdet ist, etwa durch Folter oder Anwendung der Todesstrafe.

Der in Waiblingen angeklagte Gambier hat einen Asylantrag gestellt. Solange das Verfahren läuft, hat er eine Aufenthaltsgestattung. Angenommen, er muss die Haft (ein Jahr und sechs Monate) antreten, wird sein Verfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge währenddessen weiterlaufen.

Gambia gilt trotz des Regierungswechsels Anfang dieses Jahres noch nicht als sicheres Herkunftsland, in das der junge Mann einfach abgeschoben werden könnte.