Winnenden

Mit Hechtsprung über die Motorhaube

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Symbolfoto. © Joachim Mogck

Waiblingen/Winnenden. Ein 54-jähriger Winnender hat sich im Februar eine gleichsam gefährliche wie ausdauernde Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert. Weil er sich zudem mit Tritten seiner Verhaftung widersetzte und verbal kräftig beleidigte, verurteilten ihn die Schöffen am Amtsgericht Waiblingen zu einem Jahr und 10 Monaten Haft, setzten die Strafe aber drei Jahre zur Bewährung aus.

Die Nacht Anfang Februar werden die Polizisten des Backnanger Reviers nicht so schnell vergessen. Sie wollten lediglich einen Autofahrer darauf hinweisen, dass eins seiner Abblendlichter defekt war. Noch wussten sie nicht, dass er mit 1,8 Promille Alkohol im Blut ordentlich betrunken am Steuer saß. In der Nähe der Sulzbacher Diskothek Belinda bedeutete der 39-jährige Polizist dem Winnender mit Handzeichen und Blickkontakt, anzuhalten. „Er wurde langsam, fuhr dann aber plötzlich wieder an“, sagte er als Zeuge aus. „Ich warf mich auf die Motorhaube und seitlich wieder runter“, schilderte er den Auftakt zur Verfolgungsjagd. Drei Tage Kopf- und Rückenschmerzen waren die Folge eines verschobenen Brustwirbels. Wäre er nicht so geistesgegenwärtig gewesen, wäre es für seine Beine schlimm ausgegangen. Der Angeklagte war in diesem Punkt nicht geständig und beharrte darauf, den Beamten überhaupt nicht wahrgenommen zu haben.

Bei der Flucht rammte er ein Schild und schanzte in einen Graben

Die Polizisten verfolgten den Mann mit Blaulicht. „Ein anderer Autofahrer bremste, sonst hätte es einen Unfall gegeben“, so der Polizist. In einem Wohngebiet blinkte der Angeklagte auf einmal rechts und wurde langsamer. Die Polizisten machten einen erneuten Versuch, ihn zu kontrollieren. Doch kaum war die Tür geöffnet, gab der Winnender wieder Gas und schleuderte den Beamten in den Streifenwagen. Auch der zweite Kollege wurde dabei verletzt, eine Woche plagte ihn die Rückenprellung.

Polizist schlug die Scheibe ein, um den Mann verhaften zu können

„Er fuhr im Wohngebiet vorbildlich, doch bei der zweiten Flucht unkontrolliert, viel zu schnell, kriegte die Kurven nicht“, sagte der zweite Polizist aus. Die Fahrt Richtung Spiegelberg in Schlangenlinien und gegen ein Schild endete damit, dass das Auto in einen Graben schanzte und fahruntüchtig in einer Wiese steckenblieb. Doch der Mann stellte den Motor nicht ab, ließ ihn stattdessen immer wieder aufheulen und verriegelte die Türen. Verstärkung für die Polizisten war im Anmarsch, aber Warten war keine Alternative.

Einer der beiden schlug die Seitenscheibe ein, sie zerrten den Fahrer aus dem Auto, warfen ihn zu Boden und legten ihm Handschellen an. der Angeklagte war recht unbeeindruckt davon, trat und beleidigte, was das Zeug hielt. „Er war voller Wut und Aggressionen“, schilderten der dritte und der vierte Zeuge, dass der Mann während der Fahrt aufs Backnanger Revier die Beine gefesselt bekommen musste und ständig Beleidigungen und auch Drohungen ausstieß und die Beamten anspuckte. Ein Arzt nahm ihm um 1.15 Uhr Blut ab: 1,79 Promille. Weitere Drogenspuren wurden nicht entdeckt.

Nach einer Nacht in der Zelle wurde der 54-Jährige einer Kriminalpolizistin in Waiblingen vorgeführt. Es ging ja um versuchte Tötung eines Kollegen. „Er blieb ruhig und verhalten, wog ab, was er sagte“, schildert die Zeugin. Ein schlechtes Gewissen spürte sie aber auch nicht. „Er sagte, er wollte niemanden umbringen, behauptete aber, in einer Parkbucht von den Polizisten aus dem Auto und in den Dreck gezogen worden zu sein.“

Burn-Out und Alkoholproblem

Die Rechtsanwältin des Winnenders erklärte mit Ausführungen zu seinem Gesundheitszustand und seiner persönlichen Situation diesen extremen Ausfall und den raschen Wandel hin zum höflichen, freundlichen Mann, der er auch vor Gericht war: Er ist seit beinahe einem Jahr arbeitslos und war schon in Behandlung wegen manischer Depression/Burn-out und nimmt Psychopharmaka wegen Schlafmangels ein. „Je nachdem, wie der Prozess ausgeht, soll eine nervenärztliche Behandlung stationär oder teilstationär erfolgen“, so die Anwältin. Das Gericht kann das nachvollziehen: „Allein die Beleidigungen sind unverständlich für einen Menschen, der bei Sinnen ist“, sagte Richter Steffen Kärcher.

Zusätzlich will der Angeklagte, der das Urteil noch im Gerichtssaal akzeptierte, sein Alkoholproblem mit dem Besuch einer Gruppe der Anonymen Alkoholiker in den Griff kriegen. Richter Steffen Kärcher machte deutlich, dass man das auch von ihm erwarte. „Ihr Verhalten muss sich ändern.“ Der Führerschein wird dem Mann entzogen, vor Ablauf von zwei Jahren kann er keinen neuen beantragen. Kärcher: „Nicht zur Strafe, sondern zur Sicherung der Allgemeinheit.“

100 Stunden gemeinnützige Arbeit muss der Winnender leisten. Falls er eine Beschäftigung erhält, können sie in eine Geldstrafe umgewandelt werden. Ein Bewährungshelfer soll dem 54-Jährigen bei der Umsetzung seiner guten Vorsätze zur Seite stehen.

Schmähschriften säuberlich abgeheftet

Die Staatsanwältin hatte insgesamt acht Anklagepunkte aufgeführt. Die Liste begann im Juli 2014 mit Missachtung gegenüber Polizeibeamten. Er betextete Zeitungsartikel mit eigenen, ausländerfeindlichen oder anderen ehrverletzenden Überschriften und heftete die Papiere an Polizeiautos oder ans Winnender Revier. „Ich bin nicht Mitglied eines rechtsradikalen Vereins und habe auch nichts gegen Ausländer“, beteuerte der Angeklagte.

In verschiedenen Briefen ans Polizeipräsidium zeigte er Polizisten an und versah sie mit Schimpfwörtern wie „Pannentruppe“, „Pfeifen“, „Dachplatten“. Die Polizisten wehrten sich ihrerseits mit Anzeigen.

Zuvor war wegen Bedrohung von Passanten im November 2014 seine Wohnung durchsucht worden. „Er warf uns vor, wir hätten seine Wohnung nicht ordentlich verschlossen. Aber er konnte nichts benennen, was gestohlen worden wäre“, sagte ein Polizist aus. Die Beamten fanden jedoch viele Zeitungen und in einem Ordner, „fein säuberlich abgelegt, Blaupausen von Schmähschriften“, so der Zeuge.

Nach der Verfolgungsjagd und der Verhaftung fanden die Polizisten Waffen im Auto des 54-Jährigen: Pfefferspray und einen langen Stock, auf dem Rücksitz ein Gewehr und im Kofferraum eine Axt. Es stellte sich später heraus, dass das Gewehr eine nicht funktionsfähige Nachbildung war. „Ein Bekannter wollte die Dekowaffe kaufen, deshalb war es im Auto“, sagte der Angeklagte. Er verzichtete auf eine Rückgabe.

Über seine Anwältin ließ der Winnender eingangs erklären, dass er „entsetzt und beschämt sei über alle seine Taten“. Er sei froh, dass die Beamten nicht schwerer verletzt wurden, und entschuldigt sich bei allen. Die Staatsanwältin wunderte sich, warum er sich im Gerichtssaal nicht persönlich bei den einzelnen Zeugen entschuldigt hatte. „Wir wollten nicht, dass es als Lippenbekenntnis gewertet wird. Und wir wollten aus Achtung vor den Beamten auch kein Verzeihen fordern“, begründete die Anwältin.

Zwei Monate saß der Winnender in Untersuchungshaft. „Das hat ihn nachhaltig beeindruckt“, sagte die Rechtsanwältin. Der Angeklagte meinte abschließend: „Es war ein großer Fehler, der Gaul ging mir durch. So bin ich nicht.“