Winnenden

Mit zwei Kindern auf zwölf Quadratmetern: So lebt eine Familie in der Winnender Notunterkunft

Ukrainer
Sie leben jetzt nicht mehr in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der ukrainischen Hafenstadt Berdjansk, sondern auf zwölf Quadratmetern in der Buchenbachhalle: Das Ehepaar Viktor und Olena mit Töchterchen Alisa (2) und Sohn Dmytro (8). © Gabriel Habermann

Dass sie kurz vor Weihnachten mit ihren beiden Kindern in einer Sporthalle in Deutschland leben würden und nicht mehr in ihrer Dreizimmer-Wohnung in der Hafenstadt Berdjansk, das war für Olena (33) und Viktor (38) noch im Frühjahr unvorstellbar. Doch ihre Heimatstadt in der Ukraine ist seit März von Russland besetzt – und hier in ihrer zwölf Quadratmeter großen Koje in der Buchenbachhalle fühlen sie sich wenigstens sicher. Seit einer Woche lebt die Familie mit 28 anderen Geflüchteten in der Notunterkunft in Winnenden-Birkmannsweiler.

32 Menschen kommen auf einmal an: Ganz reibungslos lief der Einzug nicht ab

Am Mittwochmorgen vergangener Woche gegen 8.30 Uhr waren die 32 Menschen „gebündelt“ an der Unterkunft eingetroffen, berichtet Klaus Schromm, zuständig für das Gebäudemanagement der Stadt, bei einem Pressegespräch in der Buchenbachhalle. Die meisten kamen in Taxis, eine Familie reiste im eigenen Pkw an. Zuvor hatten die Geflüchteten bereits in Sindelfingen und Waiblingen in Notunterkünften gelebt. Unter ihnen ist auch eine Frau, die im siebten Monat schwanger ist.

Ganz reibungslos lief der Einzug nicht ab. Es habe Tränen gegeben, wohl angesichts der weiterhin sehr kargen Wohnverhältnisse. Die russisch sprechende städtische Integrationsmanagerin Saltanat Heinzelmann musste eine aufgelöste Frau trösten. Außerdem sorgte das viele Gepäck für Chaos. Und es brach kleinerer Zwist aus über die von der Stadt vorgesehene Belegung der Vierer-Kabinen. Nicht jeder wollte mit jedem einziehen in eine Zwölf-Quadratmeter-Kabine, abgesteckt durch filzdeckenverkleidete Bauzäune, ausgestattet mit zwei Stockbetten, Spind und Tisch.

Neben sechs Familien sind unter den Flüchtlingen drei Paare und sieben Einzelpersonen. 21 Personen sind weiblich, elf männlich. Alle stammen aus dem russischsprachigen, östlichen Teil der Ukraine.

Sozialarbeiter Jo Wagner: "Die Leute haben sehr gut mitgemacht"

Sozialarbeiter Jo Wagner hat in einem Windfang der Halle sein Behelfsbüro eingerichtet. Wenngleich es beim Einzug etwas holperte, so berichtet er doch von Demut und großer Hilfsbereitschaft unter den Geflüchteten. „Die Leute haben gut mitgemacht“, sagt Wagner, und zum Beispiel bereits belegte untere Stockbetten für ältere Bewohner wieder freigemacht. Das Feedback der Menschen, die jetzt in diesen beengten Verhältnissen leben müssen, sei „durchweg dankbar“ gewesen, sagt Jo Wagner. Und das, obwohl sich für einige von ihnen an der Buchenbachhalle die Hoffnung zerschlagen hat, endlich wieder in eine ordentliche Wohnung zu ziehen und nicht dicht an dicht auf engstem Raum mit Fremden zu leben.

Familienvater Viktor aus Berdjansk sagt, die Menschen von der Stadt Winnenden – Dolmetscher, Integrationsmanager, Sozialarbeiter, Mitarbeiter im Einwohnermeldeamt – seien sehr hilfsbereit. „Wir haben unsere Stadt verlassen, weil wir besetzt sind, und wir hoffen, dass sie bald kommen werden, um uns zu befreien“, übersetzt die Google-Translate-App auf seinem Smartphone ihn vom Russischen ins Deutsche.

Berdjansk liegt am Asow’schen Meer, rund eineinhalb Stunden entfernt von Mariupol, und wurde bereits im März von russischen Streitkräften eingenommen. Andere Familienmitglieder von Viktor und seiner Frau Olena sind noch dort. Sie stehen per Whatsapp in Kontakt. Die Sorge, ihnen könnte etwas zustoßen, ist groß.

Viktor und seine Familie wollen „schnell eine andere Unterkunft finden“

Und wie geht es Viktor und seiner Familie in der Buchenbachhalle? „Wenn wir alleine wären, ich und meine Frau, würden wir uns hier gut fühlen“, sagt der 38-Jährige. Aber mit den Kindern? In der Halle sei es sehr eng und schwer, zur Ruhe zu kommen. Mal bellt einer der drei Hunde, mal weint ein Kind, mal diskutieren Eheleute. Immerhin gibt es einen Spielbereich, auf der Bühne der Mehrzweckhalle. „Im Allgemeinen ist alles in Ordnung, aber ich möchte schnell eine andere Unterkunft finden“, sagt Viktor – mit etwas mehr Privatsphäre.

Das ist leichter gesagt als getan. „Wir benötigen dringend weiteren Wohnraum“, sagt die Sozialamtsleiterin Manuela Voith – und richtet sich damit an die Winnender Bevölkerung. Die beweist auf diesem Gebiet schon große Hilfsbereitschaft: Rund 80 Prozent der fast 300 Ukraine-Flüchtlinge in Winnenden sind in privaten Wohnungen untergebracht.

Der Trubel der ersten Tage hat sich in der Buchenbachhalle gelegt. In einem Rutsch sind die Bewohner im Einwohnermeldeamt auf dem Winnender Rathaus angemeldet worden. Manche hatten bis dahin noch gar kein Anrecht auf Leistungen vom Staat. Jetzt helfen ihnen die städtischen Mitarbeiter dabei, Formulare für die Schulanmeldung auszufüllen oder Arzttermine zu vereinbaren. Die Kirchen am Ort bieten ihre Hilfe an – die Methodisten haben schon eine Einladung für ihre Krabbelgruppe ausgesprochen. Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth sagt, der Betreuungsbedarf der Flüchtlinge aus der Ukraine, die aktuell nach Deutschland kommen – überwiegend Frauen, Kinder, Alte –, sei deutlich höher als zur Flüchtlingskrise 2015, als überwiegend junge Männer kamen.

Damals war die Buchenbachhalle ein Dreivierteljahr lang zur Notunterkunft geworden. Wie lange die jetzt eingezogenen 32 Geflüchteten aus der Ukraine hier leben werden, ist ungewiss – und nicht zuletzt von der Weltlage abhängig. Aktuell plant die Stadt den Betrieb für ein halbes Jahr.

Für dieses Jahr hat sie ihr Soll bei der Flüchtlingsaufnahme erfüllt. Wie es im neuen Jahr weitergeht, dazu gibt es noch keine offiziellen Zahlen. „Hinter vorgehaltener Hand“ aber werde bereits prognostiziert, dass der Flüchtlingsstrom, nicht nur aus der Ukraine, sondern auch über das Mittelmeer, nicht abreißen werde, sagt Gebäudemanager Klaus Schromm.

Dass sie kurz vor Weihnachten mit ihren beiden Kindern in einer Sporthalle in Deutschland leben würden und nicht mehr in ihrer Dreizimmer-Wohnung in der Hafenstadt Berdjansk, das war für Olena (33) und Viktor (38) noch im Frühjahr unvorstellbar. Doch ihre Heimatstadt in der Ukraine ist seit März von Russland besetzt – und hier in ihrer zwölf Quadratmeter großen Koje in der Buchenbachhalle fühlen sie sich wenigstens sicher. Seit einer Woche lebt die Familie mit 28 anderen Geflüchteten in der

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