Winnenden

Montagsspaziergänger machen in Winnenden weiter Stimmung gegen Corona-Impfung

Spaziergang
Sammeln zum Montagsspaziergang am Marktplatz. © Benjamin Büttner

Die sogenannten Montagsspaziergänge gibt es immer noch in Winnenden. Diese Form des Protestzugs ohne Transparent, Megafon und Anmeldung bei der Stadt Winnenden richtet sich seit Ende 2021 gegen die Corona-Maßnahmen. Obwohl von der Quarantäne bis zur Maskenpflicht, mit wenigen Ausnahmen, alle abgeschafft worden sind. Auch die allgemeine Impfpflicht ist kein Thema mehr, die für medizinisches Personal endet bald. Eigentlich müssten die Montagsspaziergänger sich mangels Anlass auflösen.  

„Im Rems-Murr-Kreis ist das die größte Gruppe, die sich noch regelmäßig trifft“, sagt ein Polizeisprecher aus dem Aalener Präsidium. Seine Kollegen vom Winnender Revier schauen stets mit einer Streife vorbei, wenn sich die Teilnehmer am Marktbrunnen versammeln. „Nach wie vor ist der Spaziergang nicht angemeldet, da macht sich jemand strafbar, aber es ist schwierig, einen Veranstalter zu identifizieren“, sagt Rudolf Biehlmaier. Nach wie vor gebe es aber keine Zwischenfälle, und die Zahl der Teilnehmer liegt unter 50 Personen und schwankt dabei noch stark: „mal sind es nur zwei, mal 35, dann sieben“, berichtet der Polizeisprecher.

Sechs Montagsspaziergänger laden zum sonntäglichen Plausch ein

Nun aber kommen sechs der regelmäßigen Teilnehmer insofern aus der Deckung, dass sie per Flugblatt in Winnender Briefkästen und Wochenblatt- sowie Zeitungsanzeigen zum „Bürgerdialog“ einladen. Die Unterschriften von Peter, Margret W., Anne K. und T. Brunner sind teilweise, andere gar nicht entzifferbar, doch bestätigt die Stadt Winnenden, dass die Veranstaltung an diesem Sonntagnachmittag auf dem Marktplatz erstmals angemeldet sei.

Ein Kurzbesuch an diesem Montagabend ergibt: 20 bis 25 Leute versammeln sich, unter ihnen auch Hans-Martin Fischer. „Ich gehöre auch zu den Unterzeichnern“, sagt er offen und freundlich lächelnd, während er Hände schüttelt. Auch den Presseleuten, denen er und seine fünf Mitspaziergänger im Brief „Druck und Panikmache in den Medien“ vorhält. Sie behaupten, dass das „in einen Zwang, sich ,impfen’ zu lassen, ausartete“. Wie ist das nun wieder gemeint?

Die sechs etikettieren ihr Treffen bei Glühwein, Kaffee und Weihnachtsgebäck einerseits als große Versöhnungsveranstaltung: „Wir möchten, dass die Bürger wieder zueinanderfinden.“ Sie versprechen Meinungsfreiheit, haben aber auch „Erfahrungsaustausch“ im Sinn: Die Gäste sollen berichten, ob sie einen moralischen Impfzwang in ihrer Firma zu spüren bekommen haben oder immer noch spüren. Und es sollen Hinweise darauf gesammelt werden, dass „,Impfungen’ auf die vielfältigste Weise nicht vertragen werden“. 

Hans-Martin Fischer, der in einem Leserbrief in dieser Zeitung schon behauptet hatte, er wisse von schweren Erkrankungen mit Krankenhausaufenthalt „trotz Impfung“ und plötzlichem Tod „nach dieser ,segensreichen Impfung’“ und damit diffuse Ängste schürte, muss im Spaziergängerbrief das Wort Impfen eigentlich gar nicht in Anführungszeichen setzen, um sich als Impfgegner zu outen. Doch das auf allerlei anekdotische Krankengeschichten erpichte Grüppchen stilisiert sich als „couragiert“ hoch, weil das Thema angeblich „meist unter den Teppich gekehrt“ werde.

Unsere Zeitung, auch die Wochenzeitung „Zeit“ und viele andere haben indes sehr wohl über das Thema „Impfschäden“ geschrieben. Wie unser ZVW-Kollege Peter Schwarz am 15. Oktober zusätzlich zum Faktencheck (ein Impfschaden auf 343 000 Impfungen, 0,0003 Prozent) erwähnte, war die Neurologie des Rems-Murr-Klinikums unter Leitung von Prof. Niehaus mitbeteiligt an der Entdeckung eines Zusammenhangs von Hirnvenenthrombose und einer Impfung mit dem Wirkstoff von Astrazeneca bei Personen unter 60. Die wenigen Betroffenen konnten geheilt werden, die Ständige Impfkommission zog Konsequenzen für die Impfempfehlung.

Hausarzt Marschall: Bei jeder Impfung ist eine schwere Nebenwirkung möglich

Unsere Redaktion hat in Winnender Hausarztpraxen nachgefragt, wie die Lage ist. Dr. Frank Marschall betont zunächst, dass Mediziner immer nur von einem „zeitlichen Zusammenhang“ zwischen irgendeiner gesundheitlichen Störung und der Covid-Impfung sprechen und nicht von der Impfung als Ursache: „Die Kausalität kann seriös weder bewiesen noch widerlegt werden.“ An ein Beispiel aus seiner Praxis erinnert sich Marschall, eine Thrombose innerhalb von acht Tagen nach Gabe des Vektorimpfstoffs im Mai 2021. Er hat damals den Fall an die Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft gemeldet und ordnet heute ein: „Schwere Impfnebenwirkungen in direktem zeitlichen Zusammenhang sind zwar sehr selten, aber eben doch nicht ganz auszuschließen – wie bei jeder anderen Impfung auch.“ Immer seien sie in schweren Fällen für die betroffenen Menschen schlimm. „Das Risiko zum Beispiel von Thrombosen durch eine Infektion mit Covid liegt wohl deutlich höher als durch die Schutzimpfung.“ Er empfiehlt, Mythen einem Faktencheck gegenüberzustellen. Dieser räume auch mit der Befürchtung auf, eine Masernimpfung löse Multiple Sklerose aus. Was ist mit Gürtelrose? „Sie kommt klassischerweise, wenn das Immunsystem anderweitig beschäftigt oder einfach zu schwach ist.“

Hausarzt Fiering: Das Risiko der Erkrankung mit dem der Schutzimpfung abwägen 

Ähnlich ist die Erfahrung des Hausarztes Dr. Thorsten Fiering. Er berichtet von drei Armvenen-Thrombosen, die zeitlich nah an den ersten Covid-19-Impfungen mit Biontech lagen. Außerdem gab es ein paar Patienten mit Herzproblemen und zwei MS-Diagnosen nach Impfung, doch „den eindeutigen Kausalzusammenhang herzustellen, ist schwierig“. Schließlich können solche Erkrankungen auch gänzlich ohne Impfung auftreten.

Fiering wägt dennoch ab, „wie hoch das Risiko jetzt noch aktuell ist bezogen auf die Todesquote unter der aktuell vorherrschenden Omikronvariante":  Unter den 80-Jährigen würden nur noch 0,5 Prozent der Infizierten sterben, bei den vorherigen Varianten seien es bei den 80-Jährigen um die 20 Prozent gewesen. Inzwischen ist aber auch eine Menge an verschiedenen, ausreichend getesteten Impfstoffen auf dem Markt. 

Ob sich auch ein Mediziner am Sonntag (11.12.) um 14 Uhr mit den Spaziergängern unterhalten wird und hilft, die gesammelten Geschichten einzuordnen? Wer weiß. Sicher wird aber die Polizei wieder das Treffen begleiten, kündigte der Pressesprecher an.

Die sogenannten Montagsspaziergänge gibt es immer noch in Winnenden. Diese Form des Protestzugs ohne Transparent, Megafon und Anmeldung bei der Stadt Winnenden richtet sich seit Ende 2021 gegen die Corona-Maßnahmen. Obwohl von der Quarantäne bis zur Maskenpflicht, mit wenigen Ausnahmen, alle abgeschafft worden sind. Auch die allgemeine Impfpflicht ist kein Thema mehr, die für medizinisches Personal endet bald. Eigentlich müssten die Montagsspaziergänger sich mangels Anlass auflösen.

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