Winnenden

Motorrad-Großkontrolle: Nur drei Fahrer zu schnell

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Motorradkontrollen bei Backnang: Die Polizei hatte bei der Sonne viel zu tun. © Alexander Becher
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Viele Fahrer prüfen den technischen Zustand ihrer Bikes nach der Winterpause nicht.

Sulzbach an der Murr. Im großen Stil hat die Polizei am Sonntag an der L 1066 zwischen Sulzbach und Spiegelberg kontrolliert. Der Schwerpunkt lag auf Motorradfahrern. Bei der Überprüfung und Ermittlung von Daten haben die Beamten seit jüngstem spezielle Smartphones im Gebrauch, die auf Behördenserver zugreifen können.

Noch keine fünf Minuten stehen die Polizeibeamten an der Bushaltestelle auf Höhe Siebersbach, da fährt ihnen schon der unrühmliche Spitzenreiter des Tages, was die Geschwindigkeit anbelangt, in die Arme: Die zwei Kollegen, die ein paar Hundert Meter weiter vorne das Tempo mittels Lasergerät messen, geben einen goldgrauen Audi TT mit 126 Kilometern pro Stunde durch. 70 sind erlaubt. Die Beamten winken den Raser in die Haltebucht. Ein junger Mann im weißen Muskel-Shirt, dunkle Sonnenbrille, baumelnder Duftbaum am Rückspiegel, händigt seine Papiere aus und beginnt, auf dem Smartphone zu tippen. Nach Abzug der Toleranz war er 51 km/h zu schnell unterwegs. Der Führerschein ist erst mal weg. Er nimmt’s klaglos hin.

19-Jähriger fährt in seine 38. Polizeikontrolle

So regungslos ist nicht jeder. Der unrühmliche Spitzenreiter, was die Uneinsichtigkeit anbelangt, fährt den Polizisten etwa eine Stunde später auf zwei Rädern in die Arme. Ein 19-Jähriger ist mit seiner KTM Enduro unterwegs, deren technischer Zustand den Beamten missfällt. Zuerst gibt sich der junge Mann kooperativ. „Kontrollen sind auch richtig so. Es gibt genug schwarze Schafe dahanna.“ Es sei seine 38. Polizeikontrolle. Die Kette schleift am Hinterrad, der Reifentyp ist für die Maschine nicht zugelassen, die gemessene Dezibelzahl, die der Auspuff von sich gibt, ist zu hoch. Der junge Mann behauptet, weder zu wissen, wie viele PS sein Motorrad hat, noch wie viele Dezibel es von sich gibt. Schließlich erwägen die Polizisten, ihn wegen seiner Aufmüpfigkeit zur Verkehrserziehung zu schicken. Weiterfahren darf er jedenfalls nicht. „Normalerweise sind Motorradfahrer eine angenehme Klientel“, sagt einer der Beamten.

Die Großkontrolle ist die erste ihrer Art in dieser Saison. Zum Saisonstart tanken viele nur voll und fahren los, ohne die Technik ihrer Zweiräder nach den Wintermonaten zu überprüfen – sagt Polizeiführer Fabian Fendt, der den Einsatz leitet. Eine weitere große Kontrolle ist für diesen Monat angesetzt, hinzu kommen viele weitere, kleinere Überprüfungen. Sie alle sind der Sicherheit der Motorradfahrer beziehungsweise dem Schärfen des Gefahrenbewusstseins geschuldet: In Baden-Württemberg sind im vergangenen Jahr 101 tödliche Motorradunfälle passiert. Aber allein in den beiden Polizeipräsidien Konstanz und Aalen ereignet sich zusammen ein Drittel aller Motorradunfälle mit tödlichem Ausgang. 2017 sind im Bereich des Polizeipräsidiums Aalen 18 Motorradfahrer ums Leben gekommen – die höchste Zahl der Jahre 2015 bis 2017. Obwohl die Saison 2018 erst wenige Wochen alt ist, ist Ende März in Waiblingen bereits der kreisweit erste Motorradfahrer der Saison tödlich verunglückt.

Einsicht aber keine Papiere

Zurück zur Kontrolle: Einsicht und Gefahrenbewusstsein sind bei einer Motorradfahrerin, die 32 km/h zu schnell unterwegs war, vorhanden. Dokumente aber nicht. Kein Führerschein, keine Fahrzeugunterlagen, kein Ausweis. Die Frau gibt an, ihren Wohnsitz nicht in Deutschland zu haben, sondern in Russland. Das Motorrad gehöre ihrer Cousine, die in Aalen wohnt. Die Halterdaten lassen sich zügig überprüfen: Seit etwa einem Monat haben die Polizeibeamten über speziell ausgestattete Smartphones Zugriff auf behördliche Server. Bis vor kurzem sei das via Funk gegangen an einen Kollegen, der in der Dienststelle am Rechner sitzt, sagt Einsatzleiter Fendt.

Allein die Identität der Russin lässt sich nicht überprüfen. Sie verspricht zwar, eine Kopie des Ausweises noch am gleichen Tag an die Polizei zu faxen. Denn im Moment kann ihr keiner ein Foto von ihrem daheimgelassenen Ausweis auf das Smartphone schicken. So bleibt ihr nur, das Bußgeld von 145 Euro – 25 Euro Bearbeitungsgebühr schon inklusive – bar zu bezahlen. Den Betrag hat sie nicht dabei. Also heißt es warten, bis jemand sie „auslöst“. Bis zwei weitere Motorradfahrer vor Ort sind, die das Bußgeld dabeihaben, vergeht ihr die gute Laune nicht. „Was kann ich jetzt machen? Weinen bringt auch nichts. Ich weiß, dass ich zu schnell gefahren bin.“

Positive Bilanz nach dreieinhalb Stunden

Nach dreieinhalb Stunden volluniformiert in der prallen Sonne zieht Fendt eine positive Bilanz. Im Gegensatz zu den Autofahrern hätten sich die Motorradfahrer überwiegend an die vorgeschriebene Geschwindigkeit gehalten. Nur drei Motorradfahrer hätten die Geschwindigkeit überschritten. Auch seien wenige technische Mängel festgestellt worden. Dass es sich in Motorradfahrerkreisen blitzschnell herumspricht, sobald die Polizei kontrolliert, findet er nicht so schlimm: Wenn sich dadurch alle an die Geschwindigkeit halten, ist das auch eine „präventive Maßnahme“.