Winnenden

Neue Mietshäuser mit Gasheizung in Winnenden: Bauherren kritisieren falsche Förderanreize

Neubauwohnungen
Jürgen Schneider und Michael Rieger von der Baugenossenschaft. Die neuen Mietshäuser am Eichendorffweg werden über eine Nahwärmezentrale mit Gas geheizt. Dafür gab's vor Baubeginn noch eine staatliche Förderung. © Alexandra Palmizi

Die drei neuen Häuser der Baugenossenschaft Winnenden (BGW) am Eichendorffweg sind, wie so viele Neubauten, quadratisch, praktisch, mit Flachdach. Aber sie haben einen Hingucker: Die gelben Farbflächen zwischen den Fenstern leuchten und glitzern in der Vormittagssonne, als wären sie aus Gold. „Man könnte sagen, unsere Mieter sind uns Gold wert“, sagt Jürgen Schneider, ehrenamtlicher Vorstand der BGW. Das passt ziemlich gut, denn die drei Gebäude sind mit 11 Millionen Euro Baukosten für 44 Wohnungen die Rekordinvestition der Genossenschaft. Wohlgemerkt musste sie das Grundstück nicht kaufen, denn an derselben Stelle standen bereits alte Mietshäuser, deren Sanierung aber als nicht wirtschaftlich bewertet wurde.

Das ist insofern bedauerlich, weil eine Neubaumiete immer ungleich höher ist als eine Miete nach Sanierung. „Unsere Mieter zahlen hier zwischen 10,90 und 12,50 Euro“, sagt der hauptamtliche Geschäftsführer Michael Rieger. „Das ist für viele Menschen sehr viel Geld, im Vergleich zu anderen Neubauten in der Nähe aber noch günstig.“ Dort zahlt der Mieter zwischen 14 und 16 Euro pro Quadratmeter.

Den Anschluss ans gasbetriebene Heizkraftwerk hat der Staat gefördert

Dafür sind die Wohnungen nun barrierefrei erreichbar, in den Tiefgaragen befinden sich 20 Ladepunkte für Elektroautos mit Lade-Management, um eine Überlastung des Netzes zu vermeiden. Geheizt wird mit Gas, versorgt werden die Wohnungen über die Nahwärmezentrale der Stadtwerke Winnenden, die neben dem nahen Aldi-Discounter ein Blockheizkraftwerk laufen lässt. Michael Rieger seufzt. Dass das mit dem Gas nun so ein Problem wird seit Beginn des Ukraine-Kriegs, das hätte er sich nicht (alb-)träumen lassen. „Es gab ja sogar noch öffentliche Fördermittel für den Anschluss ans Fern- und Nahwärmenetz, und jetzt sind wir abhängig vom Gas.“

Ebenso wie die Strompreise haben sich die Gaspreise verdreifacht, und das, glaubt Michael Rieger, hat noch kaum ein Mieter auf dem Zettel. „Wir haben schon im August 2021 und Dezember 2021 die Vorauszahlungen erhöht, schrittweise. Für Familien in großen Wohnungen waren das trotzdem 100 Euro mehr im Monat. Da schreit keiner juhu. Und im Frühjahr hat die BGW den Mietern angeboten, dass die Nachzahlung auf mehrere Monate verteilt werden kann“, so Rieger. Es hätten bisher nicht viele davon Gebrauch gemacht. Das wird sich, vermutet auch Jürgen Schneider, nächstes Jahr ändern, wenn das böse Erwachen per Nebenkostenabrechnung kommt.

Rieger wünscht sich ein Vermieterrecht auf niedrigere Grundtemperatur

Wie nun könnten die Winnender Genossen Gas sparen? 80 Prozent der Gebäude sind bereits saniert, die Verbräuche gehen also zurück, die BGW kann so viel nicht tun. „Jetzt hängt das Energiesparen vom Einzelnen ab“, sagt Michael Rieger, „und wir wissen über unsere Heizkostenabrechnungen, dass es einige Leute gibt, die bei offenem Fenster heizen.“ Und da die BGW das nicht im Einzelfall kontrollieren oder gar abstellen kann, würde der größte Vermieter Winnendens gern die Grund-Heizungstemperatur im Winter drosseln. „Dafür müssen wir jetzt die Heizungsbauer bestellen, denn die haben im Winter anderes zu tun.“ Bisher ist es aber noch so, dass die Gesetze die Mieter stützen. Sie könnten laut Rieger eine Grundtemperatur von über 20 Grad in ihrer Wohnung einklagen. Das geht mit den beinahe täglichen Appellen des Wirtschaftsministers Robert Habeck, Energie zu sparen, gar nicht mehr zusammen. „Jedes Grad mehr bedeutet zehn Prozent mehr Energie“, so Rieger. „Wir als Vermieter würden beim Sparen mitmachen, brauchen dafür aber Rechtssicherheit.“

Die Mieter verbrauchen den auf ihren Dächern erzeugten Strom selbst

Positiv ist, dass die Mieter der drei Häuser im Eichendorffweg den Strom, den die Photovoltaikanlagen auf dem Dach erzeugen, direkt verbrauchen. „Das bringt gesamtgesellschaftlich etwas, wir müssen umdenken“, bestätigt Rieger durchaus diesen Kurs der Regierung. Aber die Wahrheit sei eben auch, dass zurzeit keine PV-Module für Neubauten erhältlich sind, und dass die deutsche Produktion samt und sonders schon unter der Großen Koalition ausgerottet worden ist durch sinkende Förderungen und steigende EEG-Umlage. Das ändert sich nun wieder, aber den Markt bedient inzwischen China.

Düsterer Blick in die Zukunft: „Wir wissen nicht, wohin die Reise geht“

Michael Rieger und Jürgen Schneider können die Kritik an falschen Förderanreizen und verfehlter Wirtschaftspolitik gefühlt unendlich fortsetzen. Sie als „Bauherren“ werden auch oft gefragt, auf welche Heizart sie denn jetzt setzen in der Energiekrise. Pellets? Rieger winkt ab. Die Kostenexplosion von 250 auf derzeit 800 Euro pro Tonne ist das eine. Das andere sei, dass die beiden süddeutschen Hersteller schlichtweg nichts mehr haben. Sie hätten gern schon längst Kapazitäten ausgebaut, warten aber auf Genehmigungen. Für Rieger passt das nicht mit der Förderung von Pelletanlagen zusammen.

Wie sieht es bei den Wärmepumpen aus? „Wartezeit ein Jahr, ohne Preiszusage“, sagt Jürgen Schneider. „Und dann ist die Frage, ob es in einem Jahr den Handwerker gibt, der sich mit ihrem Einbau auskennt.“ Deutschland könne auch wegen des Stromnetzes ihre Zahl nicht vervielfachen, das würde ständig wegen Überlastung zusammenbrechen, vermutet Rieger.

„Wir haben ein Haus am Schwalbenweg in Winnenden abgerissen, alles ist fertig, bis auf die Heizart. Wir wissen nicht, wohin die Reise geht und was wir machen sollen. Wir warten jetzt einfach mal ab“, sagt Michael Rieger.

Die drei neuen Häuser der Baugenossenschaft Winnenden (BGW) am Eichendorffweg sind, wie so viele Neubauten, quadratisch, praktisch, mit Flachdach. Aber sie haben einen Hingucker: Die gelben Farbflächen zwischen den Fenstern leuchten und glitzern in der Vormittagssonne, als wären sie aus Gold. „Man könnte sagen, unsere Mieter sind uns Gold wert“, sagt Jürgen Schneider, ehrenamtlicher Vorstand der BGW. Das passt ziemlich gut, denn die drei Gebäude sind mit 11 Millionen Euro Baukosten für 44

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