Winnenden

Neue Station für suchtkranke Straftäter im Zentrum für Psychiatrie Winnenden?

ZfPBAZ
Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth, ZfP-Geschäftsführerin Anett Rose-Losert, ärztliche Direktorin Marianne Klein (von links). © Gaby Schneider

Vor einer Woche hat Anett Rose-Losert, die Geschäftsführerin des Zentrums für Psychiatrie (ZfP), alle Mitarbeiter/-innen des Klinikums Schloss Winnenden informiert, der Gemeinderat befasste sich bereits in zwei nicht-öffentlichen Sitzungen mit dem Thema und nun, immer noch im sehr frühen Stadium, soll es die Bevölkerung ebenfalls früh über die Zeitung erfahren: Die Psychiatrie Winnenden prüft die Unterbringung verurteilter suchtkranker Straftäter.

Zahlreiche Fragen tun sich auf: Kann man dann noch sicher durch Park und Stadt gehen? Und man erinnert sich dunkel an die jüngsten Meldungen: Fünf Männer sind aus der forensischen Abteilung des ZfP Weinsberg ausgebrochen ... Da Anett Rose-Losert weiß, welche Sorgen, Ängste, Fantasien und Spekulationen die Menschen im Umfeld eines solch speziellen Therapieangebots umtreiben, setzt sie auf frühe Transparenz.

Bürgerinformation am 13. Dezember

Im Pressegespräch zusammen mit der ärztlichen Direktorin Dr. Marianne Klein und Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth werden erstmals öffentlich Fragen und Antworten transportiert. Und dann werden ZfP und Stadt am Montag, 13. Dezember, um 19.30 Uhr in der Hermann-Schwab-Halle Interessierte direkt informieren und Fragen beantworten.

Warum kommen bestimmte Straftäter nicht ins Gefängnis?

Schon lange ist bekannt, dass ein Mensch mit einer schweren psychischen Erkrankung, zu der Schizophrenie, Depression, aber auch eine Sucht zählen, im normalen Alltag einer Justizvollzugsanstalt nicht geheilt werden kann und daher nach Verbüßen seiner Strafe fast zwangsläufig wieder straffällig wird. Daher macht man einen Unterschied zwischen Strafvollzug im Gefängnis und Maßregelvollzug in einer Fachklinik.

Werden bei psychisch kranken Tätern Unterschiede gemacht?

Ja. Irgendwann trennte der Gesetzgeber die Fälle und schuf für den Umgang mit ihnen zwei Paragrafen. Wer wie der Messerstecher von Würzburg unter einer Psychose leidet und im Wahn jemanden ermordet, wird oft als vermindert schuldfähig oder nicht schuldfähig eingestuft. Er gilt als gefährlich für die Allgemeinheit und wird nach Paragraf 63 des Strafgesetzbuchs (StGB) verurteilt. Viele dieser Menschen müssen dauerhaft hinter Schloss und Riegel. „Diese Straftäter könnten wir in Winnenden nicht aufnehmen, dafür ist unser Standort zu klein und zu nahe an der Stadt“, sagt Dr. Marianne Klein.

Wer von ihnen soll in Winnenden seine Strafe verbüßen?

„Es geht um Menschen, die aufgrund ihrer Drogen-, Spiel- oder Alkoholsucht wiederholt straffällig wurden. Es ist die klassische Beschaffungskriminalität, die von schwerem Diebstahl über Betrug bis Raub reicht.“ Der Gesetzgeber goss das in Paragraf 64 StGB. Er sieht auch für sie Haft vor, auch in einer Fachklinik, hier in einer „Entziehungsanstalt“. „Die Besserung der Patienten steht im Vordergrund, es ist Therapie unter gesicherten Umständen“, so Marianne Klein. Die Verurteilten sind in der Regel schuldfähig, man rechnet zwar mit weiteren Taten, aber auch mit Therapieerfolg. Das Ziel ist, dass die Leute nach der Entlassung nicht mehr einschlägig straffällig werden.

Sind die suchtkranken Häftlinge im geschlossenen oder offenen Vollzug?

Die Unterbringung dauert maximal zwei Jahre, im Durchschnitt eher ein Jahr, und verändert sich, je nach Therapiefortschritt, stufenweise. Ein Gericht überprüft nach sechs Monaten, wie es um den Häftling steht. Anfangs bleibt der verurteilte Straftäter mindestens sieben Monate in der geschlossenen und hoch gesicherten Abteilung. Als Nächstes folgt die Entwöhnungsbehandlung (etwa zehn Monate) mit Lockerungserprobungen, danach die Adaptionsphase mit gewissen Lockerungen in einer Wohngemeinschaft (etwa vier bis acht Monate), dann die Entlassphase in der eigenen Wohnung, mit Auflagen und mit Nachbetreuung (vier Monate).

Eine geschlossene Abteilung gibt es in Winnenden übrigens auch jetzt schon, nur ist diese zum Schutz der Patienten verriegelt, die sich sonst selbst etwas antun würden. In einigen Stationen müssen sich die Patienten abmelden, wenn sie das Gelände verlassen wollen.

Auch die Suchttherapie ist lange etabliert am Schlossklinikum, mit 80 Betten. Generell ist das ZfP Winnenden so ausgelegt, dass der Aufenthalt eines jeden Patienten zeitlich begrenzt ist.

Wo werden Straftäter aus dem Einzugsbereich des ZfP Winnenden bisher therapiert?

Diese Menschen  müssen ins ZfP Zwiefalten, rund zwei Autostunden entfernt. „Das ist weder für die Angehörigen und Freunde schön, noch nützlich für die schrittweisen Lockerungen und die Re-Integration in die Gesellschaft“, sagt Anett Rose-Losert.

Warum hatte Winnenden eine solche Abteilung bisher nicht - und warum soll es sie jetzt bekommen?

Anett Rose-Losert weiß nicht, warum die seit 1834 bestehende Heilanstalt diese Abteilung als einziges ZfP bisher nicht hat. Doch inzwischen ist die Lage bundesweit sehr angespannt, auch in Baden-Württemberg, es fehlt an Plätzen. Die acht psychiatrischen Standorte des Landes mit ihren 1273 Plätzen im Bereich des sogenannten Maßregelvollzugs seien „massiv überbelegt“. Und da liegt es nahe, dass nun auch Winnenden künftig diese Aufgabe erfüllt.

Wie sicher ist es, dass die Abteilung gebaut wird? Wie groß wird sie?

Es ist wahrscheinlich, aber noch nicht absolut sicher. Außer in Winnenden laufen an zwei weiteren Standorten Prüfungen. Anett Rose-Losert hat zwar über einen Architektenwettbewerb ein Büro gefunden, mit dem sie den Neubau planen könnte, doch auf einen Standort hat man sich noch nicht festgelegt. „Sicher ist nur, dass die Station, wenn sie denn gebaut wird, auf unserem 19 Hektar großen Gelände entstehen wird und nicht außerhalb.“ Nach Gesprächen mit der Stadt weiß sie aber, dass sie auf ein etwaiges Zipfelbachhochwasser Rücksicht nehmen und Abstand zum Gewässer halten muss.

Des Weiteren muss die ZfP-Geschäftsführerin eine Konzeption erarbeiten, aus der dann auch die Mindest- und die Maximalzahl an Plätzen hervorgeht. „Zum heutigen Zeitpunkt kann ich gar keine Zahl nennen, wie viele Straftäter wir hier behandeln könnten.“

Wann könnte die neue Station in Betrieb gehen?

Anett Rose-Losert ist auch hier auf Schätzungen angewiesen: „Sieben bis zehn Jahre“, meint sie, wenn das Sozialministerium des Landes denn tatsächlich den Neubau in Winnenden will.

Vor einer Woche hat Anett Rose-Losert, die Geschäftsführerin des Zentrums für Psychiatrie (ZfP), alle Mitarbeiter/-innen des Klinikums Schloss Winnenden informiert, der Gemeinderat befasste sich bereits in zwei nicht-öffentlichen Sitzungen mit dem Thema und nun, immer noch im sehr frühen Stadium, soll es die Bevölkerung ebenfalls früh über die Zeitung erfahren: Die Psychiatrie Winnenden prüft die Unterbringung verurteilter suchtkranker Straftäter.

Zahlreiche Fragen tun sich auf: Kann

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