Winnenden

Neue Werke des Kunstsalons Winnenden

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Christoph Kuttner - mit der Fotografie eines „lavaroten Körpers“ lässt er der Fantasie der Betrachter viel Gedankenfreiraum. © Edgar Layher
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Nadja Schmidt. © Edgar Layher
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Eva Schwanitz (rechts), Leiterin des Kunstsalons, liest zur Einführung in die neue Schau Texte der Künstler zu ihren Werken vor. Hier stehen die Gäste vor Elke Lang-Müllers Fenster. © Edgar Layher

Winnenden. Das Ding leuchtet lavarot und zieht mit seinen schwarzen, fein verästelten Adern den Blick magisch an. Christoph Kuttner hat eine Fotografie für die neue Schaufenster-Ausstellung des Kunstsalons ausgewählt, die ästhetisch und unheimlich ist. Ein krasser Gegensatz zur beige gefliesten Kronenplatzunterführung im Betonlook.

Im Video: Der Kunstsalon Winnenden hat ein neues Mitglied Nadja Schmidt, die Ausstellung wird Vielfältiger in der Unterführung.

Ist’s ein Gehirn? Eine Niere?? In welchem OP-Saal hat der Fotograf sein Makroobjektiv benutzt? Christoph Kuttner (28) lacht. Sein Motiv erinnert an sehr vieles, aber sicher nicht an das, was es mal war. „Persea Americana“ lautet der Titel des Werks, und wer nun auch noch (gesundheits-)politische Botschaften aus den USA hineininterpretieren möchte, bitte schön.

Das Geheimnis? Getrocknete Avocadohaut

Das freut den früheren Schwaikheimer, der seit zehn Jahren in Stuttgart lebt und an der Kunstakademie kurz vor dem Abschluss steht. Das Motiv soll viele Deutungen provozieren. Exklusiv für unsere Zeitung lüftet Christoph Kuttner das Geheimnis: Er hat Avocadohaut getrocknet, das Makro-Foto weiter vergrößert und auf eine Backlit-Folie gebannt, die von der Werbeindustrie verwendet wird. Im Schaufenster verborgen steht eine Lampe, sie verleiht dem „Ding“ seinen geheimnisvollen Schimmer.

Christoph Kuttner wird Kunstlehrer und freier Künstler, so wie es sein Lehrer Markus Hallstein am Lessing-Gymnasium ist. „Er hatte mit seiner Motivation und seinem Engagement einen großen Einfluss auf mich“, sagt Kuttner. Über Hallstein ist der 28-Jährige schon zum zweiten Mal bei der Unterführungsausstellung dabei und trifft hier auch wieder auf Jaro Benoni, die früher die Kunstschule geleitet und Abiturienten wie ihn aufs Kunststudium vorbereitet hat.

Erstmals ist die Winnenderin Nadja Schmidt in der Passage vertreten

„Diese Passage habe ich früher immer als unangenehm empfunden, und die Fenster waren inzwischen ganz schön heruntergekommen“, sagt Kuttner. Daher sei’s eine „spannende Idee“, das Durchmarschtempo der Leute zweimal im Jahr mit neuen Kunstwerken in den unvermieteten Schaukästen zu drosseln, sie gar zum Stehenbleiben zu bewegen.

Kunstsalonleiterin Eva Schwanitz hat die Unterführung vor einem Jahr zum „Offspace“ erklärt, der „Schmuddelecke“ der Stadt, die durch Kunst aufgewertet wird. Elf Künstler machen bei der dritten Auflage mit, im zwölften Schaufenster prangt das Logo des Kunstvereins neben bunten, frühlingsinspirierten Blüten-Holzdrucken auf Stofffahnen.

„Ich bin froh, dass ich hier mitmachen darf"

Zum ersten Mal dabei im Kunstsalon ist Nadja Schmidt. Sie ist ganz ähnlich wie Kuttner über den Kunstunterricht und die Kurse in der Kunstschule zum Studium der Kunsttherapie in Nürtingen gekommen. Allerdings war die 25-jährige Winnenderin Schülerin von Eva Schwanitz am Georg-Büchner-Gymnasium.

„Ich bin froh, dass ich hier mitmachen darf, damit ich weiterhin künstlerisch tätig sein kann, trotz Vollzeitjob.“ Nadja Schmidt arbeitet zu 25 Prozent am Rems-Murr-Klinikum Winnenden in der Kinder- und Jugendpsychosomatik und zu 75 Prozent in der Tagesstätte für psychisch Kranke in Stuttgart.

„Künstlerisch will ich mich nicht festlegen"

Nadja Schmidt hat für die ausgestellten „Strukturen“, einen Torso und zwei Arme, den eigenen Körper mit Draht abgeformt. Die so entstandenen Gitternetze spielen mit den Gedanken an überdimensionale (Körper-)Zellen, schweben aber leicht und durchsichtig im Guckkasten. Lampen erzeugen feine Schattenmuster an den Seitenwänden, geben dem Ganzen eine weitere Dimension. „Schade, der Abstand ist hier sehr gering, ich kann nicht viel mit dem Licht machen“, sagt die Frau über das gerade mal zwei Meter breite Schaufenster.

„Künstlerisch will ich mich nicht festlegen, mal mache ich Malerei, mal Plastik, oder verbinde beides.“ Nadja Schmidt hatte im Januar in Waiblingen im Kulturhaus Schwanen eine Einzelausstellung. Für die Winnender Kunstnacht am 5. Mai arbeitet sie zurzeit an einem richtig großen Objekt, das in der Markthalle zu sehen sein und von der Decke hängen wird.


Zur meditativen Betrachtung laden die Werke von vier Künstlerinnen ein:

Wolfhild Hänsch kombiniert zwei „in Blau versunkene Fassaden, die jeder in Winnenden kennen müsste“ zu einem Triptychon. Volant-Vorhänge kontrastieren mit glattem Glas, es ist die Änderungsschneiderei Anastasia unweit des Kronenplatzes. Außerdem ein Ausschnitt des Stadtwerke-Kundencenters mit dem roten i der Touristinformation. „Die Bilder sind über Jahre zusammengewachsen“, ist die Winnenderin selbst erstaunt über die Entwicklung, die Gemälde nehmen können. Auf Schwarz und Weiß beschränkt sich dieses Mal Jaro Benoni. Menschensilhouetten lassen die Stühle, auf denen sie sitzen, durchscheinen, darüber Stacheldraht. „Es ist anstrengender, sich der Realität mit ihren vielen Zwischentönen zu stellen“, kritisiert sie damit das Schwarz-Weiß-Denken.

Eva Schwanitz hat analog einer Schrift von Wassily Kandinsky Klänge mit den Farben Gelb, Rot und Blau dargestellt. Je nach Vorstellungskraft hört der Betrachter drei Instrumente oder gleich ein kleines Orchester. Dem „architektonischen Unort“ Unterführung setzt Dorothea Geppert-Beitler die Makrofotografie einer Fliederblüte entgegen, „ein Stück Natur gegen die Unsäglichkeit der Gerüche und des Lärms“.

Fundstücke

  • Der erste Winnender Künstler, der sich sogar ein Schaufenster für seine Kunst gemietet hat, war Holger Krekeler, Künstlername Reglow. Er zeigt ein großes Sortiment an Köpfen, die durch allerlei Fundstücke zu Collage-Plastiken werden.
  • Waltraud Kaiser setzt dagegen auf ein großes Werk aus Verpackungsabfall. Durchsichtige Folie hat sie eng zusammengepresst und zu einer Art Wasserfall verschnürt, eine obenaufliegende blaue Folie und der Flutwellenschwung verstärken den Eindruck.
  • Elke Lang-Müller hat aus einem Lindenbaum, der einem Parkplatz weichen musste, und Resten, die bei ihren Arbeiten anfielen, Papier aus Japan, aber auch Lappen oder ausgediente Radierplatten, zu poetischen Erinnerungsstücken neu zusammengefügt. „Nichts soll verloren gehen, alles hat seinen Wert“, so die Künstlerin.