Winnenden

Neues Musical des Lessing-Gymnasiums

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Die brutale Beate (Leonie Schick) sitzt mit ihren empathiefreien Neonazikumpels Wolf (Steven Weisgerber) und Ulf (Jule Kutzner) am Lagerfeuer und denkt laut über „konkrete Anschlagsziele“ nach. © Ramona Adolf

Winnenden. Nichts zu lachen gab es beim Schülermusical des Lessinggymnasiums am Mittwoch. „Fremd“ ist der Titel. Die brutale Beate, rätselhaft, hassgesteuert, mörderisch, hat ihr Pflegekind Marie verloren. Es sitzt im Wald und singt: „Schlaf, Kindlein, schlaf!“ Beate und ihr Trio planen einen Anschlag.

Video: Schüler des Lessing-Gymnasiums führen das Musical "Fremd" auf.

Am Ende des Musicals kracht ein Donnerschlag vom Schlagzeuger durch die Alte Kelter, die Mauern eines Wohnheims (Pappkartons) stürzen auf drei Flüchtlinge, die zu Boden fallen. Im Wald liegt tot das Pflegekind Marie, und ein Wesen vom anderen Stern mit giftgrünem Zottelhandschuhen singt wieder „Schlaf, Kindlein, schlaf“.

Schrecklich gut gespielte Gefühlskälte in der Lagerfeuerszene

Es ist schwere Kost, was die Lessing-Schüler am Mittwoch und Donnerstag dem Publikum in der Alten Kelter servieren, mit einer guten Band, selbst gedichteten und komponierten Songs und einem beeindruckenden, raffiniert gemachten Bühnenbild. Von einer Nazimörderbande mit Beate an der Spitze, die durch Deutschland zieht und Ausländer ermordet, erzählt das Musical. Jule Kutzner und Steven Weisgerber spielen überzeugend, schrecklich echt, die Gefühlskälte, die Empathielosigkeit von Beates Kumpels. Sie kehren zurück ans Lagerfeuer, nachdem sie Ali vom Dönerladen umgebracht haben, und sie sagen: „Schuss. Schuss. Aus. Ist doch net so schlimm.“ Leonie Schick gibt ihrer Beate einen festen Kommandoblick, staucht die beiden Mordkameraden zusammen: „Was wir brauchen, sind konkrete Anschlagsziele!“

Es sind kurze, krasse Szenen, schnelle Wechsel, das Stück dauert keine anderthalb Stunden. Die ganze Kulisse besteht aus Kartons, die sich schnell drehen lassen, das Lagerfeuer der Neonazis ist auf einem Karton aufgemalt. Der Nummernkasten eines Ausländeramts auf dem anderen. „Draußen“ steht auf einer Kartonsäule. Ein Bundesadler schwebt auf Pappe, wenn eine Gerichtsszene gespielt wird.

Stimmungsbilder aus Deutschland bauen sich auf: Drei Stammtischbrüder mit dumpfen Ahnungen: „Hast du nicht eine Wehrmachtspistole von deinem Alten daheim? Was ist, wenn dein Sohn die findet? Du musst auf die Waffe aufpassen.“ „Ach was.“ Abgestumpfte Gefühle.

Flüchtlinge im Ausländeramt träumen vom Paradies in Deutschland und merken: „Die wollen uns nur abschieben.“ In der Schlussszene wirft das einstürzende Wohnheim sie um. Ein gut gemachtes Drama, ein Extrakt aus der deutschen Wirklichkeit mit Gegensätzen und Widersprüchlichkeiten. Grimmig, beklemmend und hart.

Die Musical-Macher

Die Schauspieler sind: Florentina Berner (Lioba, Anwalt, Bürger), Thu Diep (Wesen vom anderen Stern, Edis), Jule Kutzner (Neonazi Ulf, Marie, Mahmud, Anwalt), René von Lützau (Bürger, Mahmuds Vater, Richter), Leonie Schick (Beate, Wolfs Vater, Bürger), Alexandra Stecher (Beates Mutter, Bürger, Mahmuds Mutter), Steven Weisgerber (Neonazi Wolf, Beamter).

Bühnenumbau: Judith Leufen, Tom Staudenmeyer.

Musik: The Alaska-Refugees-Band mit Leo Grosse (E-Bass), Marvin Schatz (Piano), Thomas Reitenbach (Schlagzeug).

Bühnenbild: Markus Hallstein.

Text: Gerhard Staub.

Textmusik, Musical-AG und Gesamtleitung: Christine Demmler.