Winnenden

Neues Schulfach: In Philosophie lernen Kinder das Fragen

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Schüler der 4c der Stöckachschule und Philosophie-Lehrer Alexander Achtzehn. Sie überlegen, wozu Schrift gut sein soll. © Büttner/ZVW

Winnenden. Wer das hört, versteht die Grundschulwelt nicht mehr: Philosophie-Unterricht für alle an der Stöckachschule. Da lernt der Nachwuchs gerade erst Lesen, Schreiben, Rechnen und soll sich mit Aristoteles, Descartes und Precht befassen? „Wer bin ich, und wenn ja, wie viele?“ Weit gefehlt. „Die Kinder werden zu selbstständigem Denken angeleitet“, sagt Rektorin Susanne McCafferty über das bundesweit einmalige Pilotprojekt.

Mit einer gehörigen Portion Skepsis begleitete die Rektorin Alexander Achtzehn (26) einen Tag lang in den verschiedenen Klassen. Sie verflog im Nu. „Er stellt den Kindern Fragen, die man nicht mit Ja oder Nein beantworten kann, oder er begnügt sich nicht damit. Er möchte, dass sie ihre Gedanken sinnvoll begründen.“ Im Frühjahr 2017 legte er ein Schiff aus Buntstiften und tauschte einen Stift nach dem anderen aus. „Jedes Mal fragte er: Ist es noch dasselbe Schiff?“ Die Kinder waren so fasziniert wie ihre Lehrerinnen. Die Schulamtsleiterin gab ihren Segen dazu. Und als die vierten Klassen einmal die Woche Philosophie haben, die Dritten aber nur einmal im Monat drankommen sollten, protestierten die Achtjährigen: „Sie forderten Philosophie einmal die Woche ein.“ McCafferty gab nach und beobachtete weiter, wie sich die Kinder und mit ihnen die Atmosphäre in der Klasse zum Positiven änderten. Reaktion auf die wertschätzende Haltung von Alexander Achtzehn, sie dürfen sich bei ihm zu Themen äußern, zu denen sie sonst nie gefragt werden. Das lässt Urteilsvermögen und Selbstbewusstsein wachsen. Und dieser Ansatz wiederum passt perfekt zur am Dienstag vorgestellten Arbeit mit Theaterpädagoge Irfan Kars und Schulsozialarbeiter Florian Kleinknecht.

Die Meinung des Lehrers bleibt ein streng gehütetes Geheimnis

Ein Besuch bei der 4 c zeigt, wie erstaunlich motiviert und routiniert die Zusatzstunde Philosophie mittlerweile abläuft. Achtzehn sagt: „Es war einmal der Erfinder der Schrift. Er stellte sich damit beim König vor. Der fragte: ,Wozu soll Schrift gut sein?’ Was würdet ihr dem König sagen? Tauscht es mit eurem Partner aus.“ Je zwei Kinder wenden sich einander zu, es setzt ein gedämpftes, aber eifriges Reden ein, Alexander Achtzehn diskutiert bei einem Paar mit, in der Hocke kauernd. Manche Kinder machen Notizen. Anschließend tauschen die Paare ihre Argumente aus.

Es geht nicht um Richtig und Falsch

Der 26-Jährige sagt, dass er den Kindern nie seine Meinung verrät. „Ich will, dass sie Warum-Fragen stellen, Gegenfragen stellen, an Konsequenzen denken.“ Am Anfang sei er aktiver gewesen, tief in den Dialog mit einzelnen Kindern gegangen. Die Kinder hätten sehr schnell begriffen, dass es nicht um Richtig oder Falsch geht, sondern ums Hinterfragen. Sie trauen sich, andere Standpunkte anzunehmen und zu sagen: „Es könnte sein, du hast recht.“

Alexander Achtzehn geht mit dieser Methode auch in die erste und zweite Klasse, ein- bis zweimal im Monat. Der Erfolg allein an der Stöckachschule befeuert die Hoffnung, dass Philosophie dereinst festes Fach wird.

Denk- und Lernzeit statt „Hausaufgabenhilfe“

Dass die Kinder durch „sokratische Fragestellung“ sogar merklich ihre Leistungen verbessern, schildert Susanne McCafferty und berichtet von einem zweiten Angebot des Alexander Achtzehn. Denk- und Lernzeit, seit Herbst dreimal die Woche. Die Kinder machen ihre Hausaufgaben. Achtzehn verbessert nicht, sondern fragt: Bist du sicher, dass es stimmt? Wenn nein: Wie bist du vorgegangen? Indem das Kind ihm Schritt für Schritt erklärt, verliert es seine Unsicherheit oder erkennt Fehler. „Falls nicht, ist die Lehrerin am nächsten Tag dazu da, die Lösungswege zu erklären“, sagt die Rektorin. Ihr ist das viel lieber, als wenn die Eltern die Hausaufgaben der Kinder erledigen, alles stimmt, aber das Kind nicht alles verstanden hat. „Seit es die Denk- und Lernzeit gibt, helfen sich die Kinder gegenseitig“, hat McCafferty beobachtet. „Und sie gehen sogar hin, wenn sie gar keine Hausaufgaben haben. Sie überlegen, was sie stattdessen lernen können. Ich hätte das nie für möglich gehalten!“

Neuer Förderverein

Für die Denk- und Lernzeit zahlen Eltern zehn Euro im Schuljahr. 30 Kinder machen derzeit mit. Das Landratsamt und der 2017 neu gegründete Förderverein finanzieren den Rest.

Kontakt über www.foerderverein-stoeckachschule.de und den ersten Vorsitzenden Friedrich Trautwein, 07195-4150155.