Winnenden

Noah Schäftlmeier: Wie ein 20-jähriger Winnender Corona-Schnelltestzentren in ganz Deutschland aufbaut

Coronatestcenterwinn
Vor dem Testcontainer auf dem Winnender Marktplatz: Der 18-jährige Lucas Schoch und der 20-jährige Winnender Noah Schäftlmeier (rechts). © Gaby Schneider

Kann ich zur Arbeit ins Team? Kann ich betagte Verwandte besuchen? Ein Schnelltest gibt Antwort. Ab Samstag, 27. März, sind mitten in Winnenden täglich 1000 Gratis-Tests möglich. Dies ist eine Kapazität, die kreisweit herausragend ist. Schorndorf beispielsweise verkündete diese Woche, dass dort 1000 Tests möglich seien – aber pro Woche, nicht pro Tag! Die unglaubliche Steigerung der Winnender Testkapazität verdankt die Stadt dem 20-jährigen Unternehmer Noah Schäftlmeier, der vor wenigen Monaten aus einer Idee heraus die Testfirma Minessa Medical gegründet hat.

Schäftlmeier studiert in Koblenz Betriebswirtschaftslehre, lernt Kosten und Risiken zu managen, Nachfrage einzuschätzen, Personal zu finden und zu halten, Material zu beschaffen und Qualitätskriterien zu erfüllen. Mitten im Lernen merkte er, dass etwas nicht stimmt in diesen Coronazeiten, dass weder der Staat noch der freie Markt ausreichend Testmöglichkeiten bereitstellen. „Ich möchte mich sicher fühlen, wenn ich meine Großeltern in Winnenden besuche.“ Aus seiner eigenen Geschichte ist die Idee zu diesen Testzentren entstanden. Studienkollegen und Freunde erzählten ihm, dass es ihnen genauso geht: Sie wollten sich testen lassen und bekamen keinen Zugang zu Tests oder mussten lange warten.

Lieferanten: Irgendwo musste es Tests geben

In Koblenz entdeckte der Student eine Firma, die im Januar schon testete. „Also muss es irgendwo Testkits geben“, sagte er sich und durchsuchte das Internet, verhandelte mit Medizinhändlern, entwickelt ein Gespür für Preise und Qualitäten, schloss Lieferverträge ab und baute ein erstes Testzentrum in Ludwigsburg auf, das am 11. Januar den Betrieb aufnahm. In Winnenden hing auf dem Marktplatz ein großes Transparent, aber zu den Tests musste man nach Ludwigsburg fahren.

Marktplatz: Der Standort ist zentral

Dabei wollte der junge Winnender eigentlich immer seiner Heimatstadt nützlich sein, aber es hatte zunächst nicht zusammengepasst. In Winnenden war noch ein Testzentrum des Kreisklinikums, und Schäftlmeiers Tests mussten damals noch von den Kunden bezahlt werden. Erst jetzt kann er mit der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen, und die Testwilligen bezahlen gar nichts mehr. Mit OB Hartmut Holzwarth wurde der Unternehmer schnell einig. Er bekam den Marktplatz als Standort, was ihm sicher sehr viele Spontankunden bringen wird. Seit Mittwoch ist er am Aufbauen. Zwei Container wurden geliefert, die speziell eingerichtet sind für Tests. Spätestens am Montag soll das Zentrum arbeiten und möglichst 1000 Tests am Tag hergeben. Je mehr, desto besser.

Effekt: Test bricht Infektionsketten

„Ich bin überzeugt davon, dass wir mit diesen Tests dazu beitragen, die Pandemie einzudämmen“, sagt er. Mehrfach hat er erlebt, dass jemand ein positives Testergebnis hatte und völlig perplex fragte: „Was ist jetzt? Was muss ich tun?“ Ihm wird gesagt, dass er sich unverzüglich in häusliche Quarantäne begeben und telefonisch beim Gesundheitsamt melden muss. Eine bei Minessa Medical angestellt Ärztin übermittelt die Daten der Infizierten ebenfalls ans Gesundheitsamt, und damit ist der gewünschte Effekt erreicht: Der Infizierte steckt keine weiteren Menschen an. Das Virus ist ausgebremst.

Winnenden mit seinen hohen Infektionszahlen (57 aktuell Infizierte am Mittwoch, das sind 201 auf 100 000 Einwohner gerechnet) braucht dringend Unterbrechungen in seinen Infektionsketten. Jeder Bürger, jede Bürgerin darf sich einmal pro Woche auf Staatskosten testen lassen. Das Testzentrum ist bitter nötig.

Tempo: Nächste Woche 15 neue Testzentren

Die Firma kann schnell reagieren und etwas aufbauen. Seit der Gründung von Minessa Medical wurde Noah Schäftlmeier begleitet und beraten von seinem Mitstudenten Lucas Schoch, 18 Jahre alt. Bald stieg Schoch mit ein in die Firma. „Wir machen beide alles“, sagt Noah Schäftlmeier zum Thema Arbeitsaufteilung. Zwei sehen und überblicken mehr als einer, und die beiden Chefs kalkulieren, steuern und überblicken eine enorm wachsende Firma. „Nächste Woche werden wir 15 Testzentren in Deutschland eröffnen“, erzählt er.

Nachbarort: Leutenbach hat eine Zusage

Dabei sind auch Städte wie Wesel im Ruhrgebiet, Kamp-Lintfort am Niederrhein oder zum Beispiel die Winnender Nachbargemeinde Leutenbach, wo Minessa Medical ab Donnerstag auf dem Löwenplatz 500 Tests täglich anbieten will. „Für uns in Leutenbach ist diese Firma ein Geschenk des Himmels“, sagt Bürgermeister Jürgen Kiesl. „Solange wir nicht genügend Impfstoffe haben, schützen uns die Tests und die sofortige Quarantäne der positiv Getesteten.“ Kiesl hatte in unserer Zeitung von der Testfirma gelesen, am Montag angerufen und kann es jetzt schier nicht glauben, dass schon nächste Woche das Testzentrum stehen soll. Schäftlmeier ist da sicher. Er ist überhaupt von der schnellen Sorte. Nächste Woche nimmt er fünf Testmobile in Betrieb, umgebaute Sprinterbusse, mit denen er zu Firmen fährt, die plötzlich Tests brauchen, oder in Gemeinden, die plötzlich einen starken Ausschlag der Inzidenz haben. Der Bedarf an solchen Soforthilfen ist enorm. Aber die beiden Studenten müssen auch überlegen, wie viel auf einmal sie aufbauen können.

Qualifikation: Wie fachkundig sind Mitarbeiter?

Wie bewältigt die Firma im zarten Alter von drei Monaten diese vielen Zentren innerhalb kurzer Zeit? Sie hat ein Projektmanagementteam, das die Container, die Mieträume und die Kastenwagen zu Testzentren ausbaut – alle nach dem gleichen Prinzip und in der gleichen Anordnung. Ist das ein Subunternehmen? „Nein, die sind alle bei Minessa Medical direkt angestellt.“ Wie bitte? Wie viele Mitarbeiter hat die Firma dann insgesamt? Noah Schäftlmeier sagt es leiser als alles andere: „Wir sind knapp hundert.“ 20 Jahre alt und eine eigene Firma mit so vielen Mitarbeitern – wird einem da nicht schwindlig? „Es ist schon eine große Herausforderung, aber wir sind ja zu zweit und wir studieren Management. Das ist sowieso unser Berufsziel.“

Dieses Management ist anspruchsvoll. Wie behält man die Kosten im Griff? Die Bundesregierung zahlt nicht üppig für solche Schnelltests: Im Höchstfall bekommt die Testfirma 6 Euro für das Testkit und 12 Euro für die Dienstleistungen drum herum. Mit diesem Geld müssen Kits, Personalkosten, Containermiete, Geschäftsführergehälter und vielleicht noch ein Gewinn abgedeckt werden, ohne dass die Leistung nachlässt. Schäftlmeier und Schoch sichern die Qualität, schauen sich ihre Lieferanten genau an und erklären die relevanten Kriterien: „Laut Hersteller weist der Antigen-Test eine klinische Sensitivität von 98,5 % und eine klinische Spezifität von 99,9 % auf. Die Sensitivität zeigt an, ob alle Infizierten auch als Infizierte erkannt werden. Die Spezifität gibt an, ob alle gesunden, getesteten Menschen auch als Gesunde erkannt werden.“ Beim Personal achten die Unternehmer auf Fachkundigkeit. Nur ausgebildete Pfleger und Pflegerinnen oder Arzthelferinnen seien angestellt. Dass angesichts der Pflegekräfteknappheit überhaupt Leute gefunden wurden, ist kaum zu glauben. Aber der 20-Jährige sagt: „Wir hatten keine Probleme.“ Die Firma stellt die Leute unbefristet ein, bietet angenehme Arbeitsbedingungen, Sechs-Stunden-Schichten zu normalen Tageszeiten und ohne schwere körperliche Anstrengungen und zahlt nach eigenen Angaben über Tarif. „Auf eine Stelle haben wir manchmal 100 Bewerbungen.“

7 bis 18 Uhr: www.schnell-coronatest.de

So kommt es, dass das Testzentrum in Winnenden täglich durchgehend von 7 bis 18 Uhr arbeitet, nur am Sonntag ist es nur von 9 bis 15 Uhr geöffnet. Ein Student, der, wie damals Noah Schäftlmeier selbst, Oma und Opa besuchen will, bekommt jetzt in Winnenden seinen Test. Am besten, er meldet sich vorher an über www.schnell-coronatest.de – wenn ihm das zu viel ist, kann er auch so vorbeikommen und kommt dran, sobald eine Lücke ist. Die Tests im Zentrum sind die gründlichen (wie in der Alten Kelter), bei denen ein hauchdünnes Wattestäbchen von einer Fachkraft durch die Nase bis in den Rachen eingeführt wird. Tausend Mal am Tag wollen die Tester testen. Das klingt nach viel. Aber wenn 28 500 Einwohne jede Woche getestet sein möchten, ist es immer noch zu wenig. Die Arbeit geht der Firma Minessa Medical so schnell nicht aus. Was wird aus der Firma und ihren Festangestellten, wenn keine Tests mehr benötigt werden? „Wir haben unsere Mitarbeiter bewusst mit unbefristeten Verträgen eingestellt“, sagt der Unternehmer. Im Medizinsektor gebe es immer Dienstleistungen, die gefragt sind und zu Minessa Medical passen. Und überhaupt: „Wer kann mir sagen, wann Corona ganz zu Ende ist?“

Kann ich zur Arbeit ins Team? Kann ich betagte Verwandte besuchen? Ein Schnelltest gibt Antwort. Ab Samstag, 27. März, sind mitten in Winnenden täglich 1000 Gratis-Tests möglich. Dies ist eine Kapazität, die kreisweit herausragend ist. Schorndorf beispielsweise verkündete diese Woche, dass dort 1000 Tests möglich seien – aber pro Woche, nicht pro Tag! Die unglaubliche Steigerung der Winnender Testkapazität verdankt die Stadt dem 20-jährigen Unternehmer Noah Schäftlmeier, der vor wenigen

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper