Winnenden

Oben ohne schwimmen im Wunnebad Winnenden - ist es erlaubt, wird es gewünscht?

oben ohne
Oben ohne ins Wasser – für Frauen geht das bislang in Saunen, an Seen und Stränden, selten im Schwimmbad. © adobe.stock/2mmedia

In Göttingen dürfen Frauen am Wochenende oben ohne schwimmen. Seit die Bäderleitung nackte Tatsachen geschaffen hat, produziert das Test-Modell (bis August) Schlagzeilen in deutschen Medien. Von Nachahmern ist bislang nichts bekannt, aber die Frage hat einen gewissen Reiz: Wenn eine Frau hüllenlos durchs Winnender Wunnebad kraulen wollte, wäre das erlaubt? Wenn nein, wäre es denn möglicherweise erwünscht?

So viel gleich vorweg: Erlaubt ist es nicht. Auch die Unisex-Umkleidekabinen gehören schon wieder der Vergangenheit an, genauso wie die Sauna mit eigenem Nackt-Schwimmbecken, dies aber nur für die Jahre des Badumbaus. Kommen wir über dieses „auszügliche“ Thema also mal direkt am Rand des Sportbeckens und bevorzugt mit Frauen ins Gespräch. Was halten sie vom Modell Göttingen? Eine Mittfünfzigerin aus Weiler zum Stein braucht diese Form der Gleichberechtigung mit Männern nicht: „Ich bin nicht prüde, ich gehe auch in die Sauna. Aber wenn ich schwimme, will ich mein Oberteil anhaben.“

Die Forderung aus Göttingen macht eine Frau aus Stetten nachdenklich

Ihre Bekannte nickt und ergänzt lachend, dass die Rollwende ohne haltendes Textil drum herum doch ganz schön schwierig werden würde. Auch wenn die 35-Jährige aus Stetten ebenfalls im öffentlichen Freibad nicht halbnackt schwimmen will, sie hat schon gehört, was eigentlich hinter der Göttinger Geschichte steckt. Eine Person, die sich weder als Mann noch als Frau fühlt (aber Brüste hat), wollte die gleiche Freiheit haben wie Männer. In Göttingen bekam sie erst Hausverbot, dann Unterstützung. Seitdem gründen sich in vielen weiteren Städten feministische Bewegungen wie „Gleiche Brust für alle“, die über der Gürtellinie Gleichberechtigung fordern.

In schwäbische Kleinstadtbäder ist diese Welle allerdings noch nicht geschwappt. „Ich denke, dass die meisten Frauen nicht oben ohne schwimmen würden, auch wenn es erlaubt wäre“, ist die Stettenerin sicher. Sie findet es allerdings auch „spannend, was in Zeiten der Selbstverwirklichung für Themen auftauchen“. Menschen, die sich weder eindeutig als Frau noch als Mann fühlen, in Stellenanzeigen werden sie als „divers“, anderswo als „non-binär“ bezeichnet, habe es bestimmt schon immer gegeben. Wir spinnen den Gedanken weiter. Früher, als die Mehrheit das nicht wahrhaben und die Gesellschaft das nicht akzeptieren wollte, mussten diese Menschen immer einen Teil ihrer Persönlichkeit verleugnen oder verstecken, was nicht jeder aushalten konnte. „Früher haben sich deswegen viele umgebracht“, weiß die 35-Jährige, die zwei in ihrem Freundeskreis hat, die sich auf keine eindeutige Geschlechterrolle festlegen können.

Wenn die Hülle fällt, ist auch ein gewisser Schutzmantel weg

Doch wie bringt man ein solches Selbstbild zusammen mit der deutschen Gesellschaft 2022, die sich vom Kind bis zum Greis, vom Atheisten über den Christen bis hin zum Muslim, vom schamvollen Prüden bis zum lüstern glotzenden Spanner gemeinsam in einem Schwimmbecken tummelt?

„Es ist schwierig genug schon mit dem halbnackten Dasein in Badekleidung“, sagt eine 34-Jährige Winnenderin, die als Schwimmmeisterin im Wunnebad arbeitet. Man braucht bloß einen Tag wie am vergangenen Wochenende zu nehmen und das Erlebnisbecken, wo auch getobt und getaucht wird. Berührungen unter sich fremden Schwimmern können passieren, doch ohne den Schutzmantel des Oberteils weiß der andere nie: War das jetzt ein Versehen oder Absicht? Glotzt der da oder guckt er nur? Wenn sie, die Frau, von sich aus die Hülle fallen lässt, wo zieht die Angeschaute denn dann noch die Grenze? „Was ich anhabe oder auch ausziehe, es ist ein Unterschied, ob ich im Urlaub am Strand liege oder am Badesee, oder ob ich in einem öffentlichen Schwimmbad mit vielen Kindern bin.“ Die Schwimmmeister, das nur als Hinweis am Rande, haben immer wieder mit Männern in Tangahöschen Diskussionen, dass dies keine angemessen Bekleidung fürs Winnender Wunnebad sei. Das Höchste des Vorstellbaren wäre für sie als Mutter von drei Kindern, dass das Bad einzelne Oben-ohne-Badetage ausweist. „An denen würde ich persönlich es vermeiden, schwimmen zu gehen.“

Die Freiheit der einen könnte zur Belästigung der anderen werden

Da es tatsächlich FKK-Bäder oder textilfreie Strand- und Seeuferabschnitte gibt sowie Saunen, in denen man auch nackt schwimmen darf, würde die 34-Jährige Menschen, die das wollen, empfehlen, diese aufzusuchen, anstatt ihr Recht hart durchzuringen. „Was für die einen Gleichberechtigung ist, wäre für viele andere Sexismus“, sagt die Winnenderin. „Man muss auch bedenken, dass die Aussicht, dass hier Frauen nackt schwimmen, ein Lockmittel ist für eine bestimmte Klientel, für junge Willige.“ Und von denen könnten sich wiederum die anderen Badegäste, Frauen wie auch Männer, gestört fühlen, ist sie sicher.

So ähnlich sieht es ein weiblicher Badegast aus Weissach im Tal. „Das geht in einem Schwimmbad nur, wenn die Oben-ohne-Schwimmerinnen getrennt sind, man kann nicht allen Badegästen sagen, du musst das angucken.“ Die 46-Jährige will es für sich nicht, wenn es andere machen würden, „würde es mich nicht stören“, sagt sie. Aber wenn sie nur an ihre Kinder denkt, die würden es „komisch finden und fragen: ,Mama, was ist da los?’“

Für eine Debatte über die Badeordnung müssten viele barbusig planschen wollen

Bäderleiter Sascha Seitz sagt: „Wenn eine Frau auf dem Bauch auf der Wiese liegt und sich oben ohne sonnt, sagen wir nichts. Aber ohne Oberteil schwimmen in einem Bad mit vielen Familien? Das erlauben wir nicht.“ Er meint, es müssten schon viele wollen, damit die Stadtwerke darüber überhaupt eine Debatte führen mit dem Aufsichtsrat. „Doch das würde mich wundern. Ich glaube nicht, dass wir Bedarf haben.“

In Göttingen dürfen Frauen am Wochenende oben ohne schwimmen. Seit die Bäderleitung nackte Tatsachen geschaffen hat, produziert das Test-Modell (bis August) Schlagzeilen in deutschen Medien. Von Nachahmern ist bislang nichts bekannt, aber die Frage hat einen gewissen Reiz: Wenn eine Frau hüllenlos durchs Winnender Wunnebad kraulen wollte, wäre das erlaubt? Wenn nein, wäre es denn möglicherweise erwünscht?

So viel gleich vorweg: Erlaubt ist es nicht. Auch

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