Winnenden

Opfer: "Ich dachte, mir fällt das Gesicht auseinander"

Amtsgericht Waiblingen Symbol symbolbild gericht verhandlung
Symbolbild. © Joachim Mogck

Waiblingen/Winnenden. Ein 28-Jähriger aus Backnang musste sich vor dem Amtsgericht in Waiblingen wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Er soll vor dem Rems-Murr-Klinikum auf einen Patienten eingeprügelt haben.

Nervös wackelte der Angeklagte auf seinem Stuhl herum, während der Staatsanwalt die Anklageschrift verlas. Nachdem der Mann im November zuerst am Bahnhof Passanten und Sicherheitsbeamte der Bahn angepöbelt hatte, brachte ihn eine Streife ins Polizeirevier nach Winnenden. Da er verletzt und stark betrunken war, kam er von dort ins Rems-Murr-Klinikum. Nach seiner Behandlung soll er vor dem Krankenhaus auf einen damals 70-jährigen Patienten eingeprügelt und eingetreten haben. Der Patient trug Platzwunden und Prellungen davon. Außerdem zerbrach seine Zahnprothese. Der Täter flüchtete damals unerkannt.

Angeklagter kann sich an den Tattag kaum mehr erinnern

Sichtlich berührt von den Vorwürfen erklärte er mit zitternder Stimme: „Ich kann mich kaum mehr an etwas von diesem Tag erinnern. Ich weiß noch, dass ich auf der Arbeit in Schorndorf war und dort die Mitteilung bekommen habe, dass die Krankenkasse meine Therapie abgelehnt hat. Deshalb habe ich mir eine Flasche Schnaps gekauft und mit einem Schluck fast komplett leer getrunken. Danach hat es mir die Sicherungen rausgehauen.“ Der Angeklagte wollte seine Alkohol- und Drogensucht, die er selbst als „krass“ beschrieb, mit Hilfe dieser Therapie in den Griff bekommen. „Ich weiß noch, dass ich mit dem Zug nach Winnenden gefahren bin. Dann erinnere ich mich erst wieder daran, dass ich nachts blutverschmiert in meinem Bett aufgewacht bin. Am nächsten Morgen bin ich mit meiner Mutter zum Revier und habe mich für mein Verhalten entschuldigt. Erst dort habe ich von dem Vorfall am Krankenhaus erfahren.“

Am Rems-Murr-Klinikum auf Patienten eingeschlagen

Als erster Zeuge betrat der inzwischen 71-jährige Geschädigte den Saal. „Ich hatte einen Arzttermin und bin deshalb zum Klinikum. Kurz bevor ich dort war, hörte ich einen Mann komische Parolen schreien. Als ich mich umdrehte, stand er direkt vor mir und hat mir eine verpasst. Er schlug unkontrolliert um sich. Ich fiel zu Boden. Als ich dort lag, hat er wie besessen auf mich eingetreten. Zum Glück sind zwei Frauen dazwischengegangen.“ Richter Dautel fragte genauer nach, ob er mit der flachen Hand oder der Faust geschlagen worden sei und um welche Art von Tritten es sich handelte. „Ob mit der Faust oder der flachen Hand, weiß ich nicht mehr. Es waren schwere Tritte von oben und von der Seite. Ich dachte, mir fällt das Gesicht auseinander.“ Ob er den Eindruck hatte, dass der Täter völlig weggetreten war oder unter anderen Drogen stand? „Ich kann mir gut und gerne vorstellen, dass der junge Mann betrunken war oder unter anderen Substanzen stand, aber dafür bin ich kein Experte. Dass er völlig weggetreten war, glaube ich nicht.“ Bevor der Mann den Zeugenstand verließ, entschuldigte sich der Angeklagte bei ihm. „Es tut mir von Herzen leid und es ist mir peinlich.“

Alkoholtest ergibt einen Wert von 2,3 Promille

Als zweite Zeugin schilderte eine Polizeibeamtin ihre Eindrücke. Sie hatte bereits vor dem Vorfall am Krankenhaus mit dem Angeklagten zu tun. „Wir wurden zum Bahnhof gerufen, weil der Angeklagte dort Sicherheitsdienst und Bahnreisende angepöbelt hat. Die Sicherheitsleute beleidigte er, obwohl diese ihm geholfen hatten. Er steckte zwischenzeitlich wohl zwischen Bahnsteig und S-Bahn fest“, erklärte sie.

Als sie ihn vorgefunden habe, saß der Angeklagte stark betrunken in einer S-Bahn und wollte nicht aussteigen. „Ich hatte nicht den Eindruck, dass er unsere Anweisungen noch wahrnehmen konnte“, sagte die Polizistin. Also hätten sie sich entschlossen, den Mann aus der Bahn zu befördern, wobei er ihre Brille beschädigte. Ein Alkoholtest auf dem Revier ergab einen Wert von 2,3 Promille. Schließlich kam der Mann ins Krankenhaus, wo er auf den Patienten traf.

Der Staatsanwalt sagte: „Man muss bei der Strafe berücksichtigen, dass der Angeklagte völlig grundlos auf den Mann losging. Außerdem hat er diverse Vorstrafen. Zu seinen Gunsten kann man ihm anrechnen, dass es ihm wirklich leidtut. Das glaube ich ihm. Außerdem ist ihm seine Therapie hoch anzurechnen. Ich plädiere auf eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung, 100 Stunden gemeinnützige Arbeit und ein halbes Jahr Nachsorge der Suchttherapie.“ Die Verteidigerin forderte ebenfalls eine Freiheitsstrafe von einem Jahr auf Bewährung. Allerdings solle die Bewährungszeit zwei statt drei Jahre betragen. „Gemeinnützige Arbeit sehe ich eher als kontraproduktiv an. Mein Mandant soll sich lieber um eine feste Arbeitsstelle kümmern“, sagte sie.

„Alkohol hat das Strafmaß gemildert“

Richter Dautel folgte dem Staatsanwalt. Er verurteilte den 28-Jährigen zu einer einjährigen Bewährungsstrafe, 100 Sozialstunden und mindestens sechs Monaten Nachsorge. „Durch glaubhafte Zeugen hat sich der Tatvorwurf bestätigt. Glücklicherweise ist nicht mehr passiert. Man hätte auch von einem versuchten Tötungsdelikt ausgehen können. Der Alkohol hat das Strafmaß gemildert. Außerdem zeigt er Reue, hat sich selbst der Polizei gestellt und wirkt therapiemotiviert. Ich halte eine straffreie Zukunft für wahrscheinlich.“


Couragierte Frauen greifen ein

Der Angeklagte hat nach der Tat eine Therapie gegen seine Suchterkrankung und psychischen Probleme hinter sich gebracht. Er ist nun laut eigenen Angaben seit einem halben Jahr trocken.

Bevor er den Mann vor dem Krankenhaus angegriffen hat, soll er Dinge wie „scheiß Deutschland“ gerufen haben. „Das tut mir leid“, sagte er nun. „Ich bin selbst Deutscher und habe nichts gegen das Land. Ich wusste nicht mehr, was ich sage, weil ich wegen der abgesagten Therapie so gefrustet war.“

Zwei 22-jährigen Frauen, die ebenfalls als Zeugen geladen waren, ist es womöglich zu verdanken, dass nicht mehr passiert ist. Eine der beiden rief dem Täter zu: „Hör auf, oder ich rufe die Polizei!“ Daraufhin flüchtete der Angreifer. Die andere Frau kümmerte sich um den Verletzten. „Sie haben vorbildlich reagiert. Das ist keine Selbstverständlichkeit“, sagte Richter Dautel.

„Ich nehme nicht immer eine Entschuldigung von Tätern an. Aber bei ihm habe ich das getan“, erklärte die Polizistin. „Er sah sehr fertig aus, als er am nächsten Tag auf das Revier kam. Es war ihm total unangenehm. Er klang sehr ehrlich, stand beschämt da und hatte wässrige Augen.“