Winnenden

Patrick, fast blind, soll nach Afrika

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Astrid Hennig wollte es nicht glauben, als der Abschiebebescheid für Patrick Osagie kam. Taylor (Mitte) hängt sehr an seinem Freund. © Habermann/ZVW

Winnenden. Keine Frage: Baden-Württemberg schiebt Flüchtlinge aus Afrika ab. Nicht alle. Aber viele. Auch ein 34-jähriger Nigerianer in Winnenden hat Anfang Mai seinen Abschiebebescheid bekommen. Seither bangen seine ehrenamtliche Betreuerin und viele Mitglieder der Volksmission um ihn.

Bei diesem Afrikaner ist die Frage schon: Kann man so jemanden abschieben? Dieser Patrick aus Nigeria ist zu 80 Prozent blind. Man merkt es ihn nicht sofort an, wenn man ihn begrüßt. Er wendet sein Gesicht dem Sprechenden zu, er lächelt, hat eine klare Blickrichtung, sagt „Guten Tag!“, nickt oft, weil er viel von der deutschen Sprache versteht, aber spricht wenig, so gut ist er noch nicht in der deutschen Sprache.

Astrid Hennig bezweifelt, dass Patrick in Afrika durchkäme

Auf einem Auge sei er ganz erblindet, auf dem anderen sehe er noch 40 Prozent, sagt Astrid Hennig, die 49-jährige ehrenamtliche Betreuerin von Patrick. Dass er in Afrika seinen Lebensunterhalt bestreiten kann, dass er durchkommt in dem Land, in dem sein Vater, ein christlicher Pastor, von der Terrorgruppe Boko Haram ermordet wurde, das bezweifelt Astrid Hennig. Sie weiß allerdings auch, dass es schwierig ist, Patrick hier in Deutschland in Arbeit zu vermitteln.

Vor drei Jahren kam Patrick Osagie in Winnenden an, wohnte im Wohnheim in der Albertviller Straße und ging in die Kirche der Volksmission. Dort traf ihn Astrid Hennig, sprach ihn an, und es entwickelte sich ein Gespräch in englischer Sprache. Sie merkte, dass dieser junge Afrikaner jemanden braucht, der ihn zu Behörden begleitet, der mit ihm spricht, sie merkte, dass er fast blind ist und einen Augenarzt braucht, und so half sie ihm, vermittelte ihn ins Stuttgarter Katharinenhospital, wo er eine Augenoperation bekam, die ihm den Druck vom Auge nahm. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) schreibt jetzt, diese Operation sei „erfolgreich“ gewesen. Aber was ist Erfolg? Zu 80 Prozent blind ist Patrick weiterhin. Er leidet unter dem Grünen Star.

Patrick fasste nicht Fuß im Berufsleben

Patrick Osagie versuchte sich in Praktika. „Andere kommen dabei ganz gut klar“, sagt Astrid Hennig, „aber die können halt sehen.“ Patrick fasste nicht Fuß im Berufsleben. Vielleicht hätte er in der Stuttgarter Nikolauspflege einen Weg gefunden, aber dafür ist es jetzt zu spät. Der Ausweisungsbescheid ist da. Astrid Hennig hat Patrick geholfen, einen Rechtsanwalt zu finden, Klage einzureichen, und hofft jetzt wenigstens auf eine Fristverlängerung für die Abschiebung und danach auf eine Duldung.

Das BAMF plädiert aber für die Abschiebung. Es betrachtet Patrick als einen Flüchtling im „erwerbsfähigen Alter“ und meint, ihm müsse es „möglich sein, seinen Lebensunterhalt ... zu bestreiten“ in Nigeria. Er brauche lediglich Augentropfen. Die Schilderung der Ereignisse, die seine Flucht aus Nigeria ausgelöst hatten, ergeben aus Sicht des BAMF „kein nachvollziehbares Bild“.

Auf der Flucht, seitdem Boko Haram seinen Vater ermordet hat

Patricks Vater wurde, so erzählt er, von den Boko Haram ermordet. Er hat noch zwei Schwestern und seine 71-jährige Mutter in Nigeria. Seit langem ist er auf der Flucht. Nigeria verließ er im Jahr 2000, ging nach Niger und Libyen und schaffte es 2008 nach Italien, wo er sich augenärztlich behandeln lassen wollte, aber nie einen Termin bekam. 2014 flüchtete er schließlich weiter nach Deutschland, bekam Behandlungen und fand Freunde.

Kann Deutschland einen Schwerbehinderten abschieben?

In der Volksmission ist er oft. In der Familie von Astrid Hennig fühlt er sich wohl, spielt Gesellschaftsspiele mit Astrid Hennigs Mann, spielt mit Hennigs siebenjährigem Pflegesohn Taylor und nennt seine Betreuerin „Mama“. Inzwischen ist er umgezogen von der Albertviller Straße in die enge und alte städtische Notunterkunft in der Kirchstraße. Dort lebt er in Sicherheit. Hier in Winnenden hat er Kontakte und baut sie weiter auf. Das alles würde abbrechen, wenn er nach Nigeria zurück müsste. In seine Ursprungsregion könnte er auf keinen Fall zurück, weil die regelmäßig vom Terror heimgesucht wird.

Er müsste in den Süden von Nigeria, wo weniger Terror herrscht und wo seine alte Mutter lebt. Aber würde er bei ihr überleben können? Astrid Hennig weiß es nicht. Sie war noch nie in Afrika. Sie vermutet, dass ein Blinder in einem armen Land wie Nigeria keine Arbeit findet und keine Hilfe bekommt. Sie weiß, dass Abschiebungen nach Afrika oft vorkommen. Sie weiß, dass die Gesetze so gemacht sind, dass abgeschoben werden kann. Aber sie hätte nicht gedacht, dass es auch einen so schwer Behinderten treffen kann. Dass Deutschland so einen Menschen in so ein gefährliches Land zurückschickt.

In zwei Monaten 668 Flüchtlinge abgeschoben

Das Land Baden-Württemberg hat (nach Berichten unserer Zeitung) im Januar und Februar zusammen 668 Flüchtlinge abgeschoben.

Landesinnenminister Thomas Strobl sagt dazu: „Wir vollziehen Recht und Gesetz – auch die Ausreisepflicht.“

Beschlossen wurde die Ausreisepflicht in „sichere Herkunftsländer“ von der Ministerpräsidentenkonferenz.

Rechtsanwälte, die Flüchtlinge vertreten, sind stark ausgelastet. Astrid Hennig hatte mehrere Anwälte angefragt, bis sie schließlich doch noch eine Zusage von einem bekam, der jetzt Patrick vertritt.

Der Grünen-Abgeordnete Willi Halder rät Betroffenen, sich von einem Anwalt vertreten zu lassen. Es müsse bei jeder Abschiebung der Einzelfall geprüft werden.